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Titelgeschichte

Der Fisch hinter den Chnusperli

Auf den hiesigen Speisekarten ist das Egli weit verbreitet. Mit der Wahl zum Fisch des Jahres 2019 will der Schweizerische Fischerei-Verband das Tier bekannter machen, von dem das beliebte Filet stammt. Drei weitere Tiere stehen dieses Jahr im Fokus.

Im Schwarm unterwegs: Zwischen gleichaltrigen Argenossen suchen Egli Schutz vor grösseren Raubfischen. Bild: zvg/Rainer Kühnis & Markus Risch

Jasmin Hefti

Noch hat die Saison, in der Angler Ruten und Netze nach dem Fisch mit dem aromatischen Fleisch auswerfen, nicht begonnen. Es ist Laichzeit. Sobald es wärmer wird, kommen die Barschartigen aus den tieferen Regionen der Seen, wo sie den Winter verbracht haben, in die Nähe des Ufers. In zwei bis zehn Metern Tiefe legen die Weibchen ihre Laichbänder ab, die in der Regel von mehreren Männchen befruchtet werden. Damit die Eier nicht im weichen Grund versinken, wickeln die Eglimütter den Laich um Wasserpflanzen oder versunkene Äste. In manchen Fischervereinen gibt es die Tradition, ausgediente Weihnachtsbäume als Laichhilfe im See zu versenken. Auch auf dem Bielersee werden solche Aktionen durchgeführt, damit das Egli auch zukünftigen Generationen erhalten bleibt. Wegen seiner Beliebtheit als Speisefisch hat der Schweizerische Fischerei-Verband den kleinen Raubfisch mit den auffälligen Rückenflossen zum Fisch des Jahres 2019 gewählt.

Unter den einheimischen Fischarten ist das Egli so etwas wie ein Superstar. Ob als goldbraun im Teig frittiertes Filet oder als erster grosser Erfolg in der Anglerkarriere: Jeder kennt diesen Fisch. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger 2018, dem Aal, ist er nicht vom Aussterben bedroht – ganz im Gegenteil. Er ist das am weitesten verbreitete Mitglied der Familie der Barschartigen und kommt in fast allen Gewässern der Schweiz vor.

Ein Fisch, der begeistert
Das Egli war der erste Fisch, den der Grenchner Ivan Valetny in seinem Leben gefangen hat. «Das ist eine Erfahrung, die bleibt», sagt er. Damals war er vier Jahre alt und begleitete seinen Grossvater, der in einem Landhäuschen nahe Moskau Angelferien machte. Ihn faszinierte das Fische-Fangen, dieser Prozess, bei dem man ein Wesen zu sich an Land ziehen kann, das in der verborgenen Unterwasserwelt lebt. Er wollte das auch können. Sein Grossvater weihte ihn in die Kunst ein. Seitdem hat die Fischerei Valetny nicht mehr losgelassen: Sie spielt bis heute eine zentrale Rolle in seinem Leben. Er hat sich als Hersteller von Kunstködern selbstständig gemacht und tüftelt an verschiedenen Varianten von kleinen Gummifischen und anderen Attrappen von Beutetieren. Ungefähr zwei Drittel seines Umsatzes macht er mit dem Verkauf von Egliködern.

«Das Egli ist mein Lieblingsfisch», sagt Valetny. «Es ist ein sehr schöner Fisch, den ich auch gerne esse.» Aber das macht für den Angelexperten noch nicht den Reiz des gestreiften Barschartigen aus: Das Egli sei vor allem ein interessanter, abwechslungsreicher Beutefisch, sagt er. Es komme in allen Gewässern vor, die nicht zu schnell fliessen, und man könne es mit verschiedenen Techniken, Ruten und Ködern fangen.

Unter Sportfischern gilt das Egli als Einstiegsfisch. Es kann mit einfacher Ausrüstung und ohne grossen Aufwand gefangen werden. Vom Ufer des Bielersees aus ist dazu nicht einmal ein Patent nötig. Wie für Valetny ist der Fang eines Egli für viele Jungfischerinnen und Jungfischer das erste unvergessliche Erfolgserlebnis. Aber auch für Angler mit jahrelanger Erfahrung bleibt der Fisch spannend. Es sei zwar grundsätzlich einfach, einmal ein Egli zu erwischen, sagt Valetny. Aber regelmässig Erfolg zu haben und eine gewisse Menge zu fangen, bleibe eine Herausforderung.

Ein Jäger, der sich anpasst
Nach dem Schlüpfen ernähren sich die jungen Egli zunächst von Plankton. Ihr Appetit wächst aber mit ihren Mäulern: Egli machen Jagd auf alles, was hineinpasst. Dank ihrem beweglichen Vorderkiefer ist das erstaunlich viel – die gestreiften Räuber können Beutetiere verspeisen, die halb so gross wie sie selbst sind. Sie verschlingen kleinere Fische, Insektenlarven, Krebse und machen sogar vor Artgenossen nicht Halt. Der Fisch des Jahres ist Kannibale und frisst die eigenen Jungtiere, die sogenannten Butzli. Er ist ein geschickter Jäger mit scharfen Sinnen, der in der Lage ist, sich auf verschiedene Beutetiere einzustellen. Sein Körperbau erlaubt es ihm, präzise zwischen Steinen, Wasserpflanzen und anderen Hindernissen zu manövrieren.

Ivan Valetny erzählt, er habe in der Dämmerungszeit schon beobachtet, wie Egli gemeinsam Jagd auf Jungfische machen. Dabei würden sie die kleinen Fische dicht unter der Wasseroberfläche zusammentreiben und von unten her so bedrängen, dass sie springen. Die nach dem Sprung desorientierten Fischchen seien dann eine leichte Beute.

Eine Beute mit Stacheln
Egli sind nicht nur Jäger, sondern immer auch Gejagte. Neben Artgenossen und Anglern sind grössere Raubfische wie Hechte oder Welse hinter ihnen her. Egli achten deshalb immer auf genügend Deckung von Wasserpflanzen, Schilf, Stegen oder verankerten Booten. Jungtiere sind in Schwärmen unterwegs und suchen Schutz im Gewimmel ihrer Geschwister.

Die Barsche sind zudem bewaffnet: Die Strahlen an mehreren Flossen sind zu spitzen Stacheln umgeformt, die Fressfeinden inklusive unvorsichtigen Anglern unangenehm werden können. Es wird vermutet, dass daher die Bezeichnung Egli kommt: Der Wortstamm ist zwar nicht vollkommen geklärt, aber die Ähnlichkeit mit den Worten Igel oder eckig ist wohl nicht ganz zufällig. Der deutsche Begriff Barsch stammt jedenfalls nachweislich vom indogermanischen bhers, was Zacke oder Spitze bedeutet.

Ein Hobby, das Geduld braucht
Um voraussehen zu können, wo sich die stachligen Fische gerade aufhalten, ob sie in Jagdlaune sind und worauf sie Appetit haben, muss man viel Zeit aufwenden. Ivan Valetny hat auf unzähligen Angeltouren Erfahrungen gesammelt: Er war zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten an unterschiedlichen Orten auf dem Bielersee und der Aare unterwegs, hat Köder, Ruten und Angeltechniken variiert. Wenn er unterwegs ist, versucht er, sich in seinen Beutefisch hinein zu versetzen: «Ich bin manchmal schon selbst fast ein Egli», sagt er.

Seine Erkenntnisse teilt er auf der Online-Plattform Youtube mit der Öffentlichkeit. Er dreht Videos, in denen er das Publikum auf seine Angelausflüge mitnimmt. Er gibt Tipps, führt Handgriffe vor, teilt den Zuschauern seine Beobachtungen und Überlegungen mit. Damit macht er sich unter Fischern nicht nur Freunde: Viele nehmen ihm übel, dass er Erfolgsgeheimnisse ausplaudert. Valetny kann nachvollziehen, dass viele ihr System, das sie sich über die Jahre aufgebaut haben, vor Konkurrenten schützen wollen. «Mir macht es aber mehr Freude, anderen zu helfen, als mehr Fische zu fangen als sie», sagt er. Er teile seine Leidenschaft gern und wolle Einsteigern den Weg abkürzen. Ganz alles, so fügt er an, erzähle aber auch er nicht.

Folgendes verrät er: Am besten fängt man Egli in der Dämmerungszeit, von Juni bis Oktober. Um eine gute Stelle zu finden, braucht es eine gewisse Beobachtungsgabe. Man kann entweder direkt ins Wasser schauen und nach Fischen suchen – dazu empfiehlt Valetny eine polarisierende Sonnenbrille – oder nach Möwen Ausschau halten. Denn wo Möwen sind, da sind meist auch Fische. Köder funktionieren am besten, wenn sie den Beutetieren ähneln, die sich die Raubfische aus der Natur gewöhnt sind: kleine Fische oder Insektenlarven. Valetny hat aber auch schon von Egli gehört, die an Brot Geschmack gefunden haben. «Es wurden schon mit fast allen Techniken Egli gefangen», sagt er. «Es gibt einfach vielversprechendere und weniger vielversprechende Methoden.»

Ein begehrtes Filet
In der Schweiz landen jährlich rund 2500 Tonnen des schmackhaften Barsches auf dem Teller. Nur 350 Tonnen davon stammen aus den heimischen Seen: Schweizer Berufsfischer fangen jährlich rund 250 Tonnen, Hobbyfischer steuern weitere 100 Tonnen bei. Der restliche Bedarf wird grösstenteils durch Importe aus Nord- und Osteuropa gedeckt. Wie bei allen Fischarten ist auch der Bestand der Egli in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Grund dafür sind die effizienten Kläranlagen: Sie filtern aus dem Abwasser nicht nur Schmutz, sondern auch Nährstoffe. In den sauberen Seen gibt es weniger Nahrung für Plankton, von dem sich nicht nur frisch geschlüpfte Egli, sondern auch ihre Beutetiere ernähren. In den nährstoffarmen Seen finden sie weniger Fressbares, was dazu führt, dass die Population schrumpft.

Diese Ausgangslage hat mehrere Aquakultur-Projekte inspiriert: Egli werden in geschlossenen Wasserkreisläufen ausserhalb der natürlichen Gewässer gezüchtet. Die Eglizucht steckt allerdings noch in der Pionierphase, sie wird erst seit wenigen Jahrzehnten erforscht. Um nachhaltig erfolgreich zu sein braucht ein Betrieb ein umfassendes biologisches und technisches Wissen und viel praktische Erfahrung. Der begehrte Speisefisch stellt bezüglich Beleuchtung, Wassertemperatur und Futter einige Ansprüche. Während Aquakulturbetriebe auf dem Vormarsch sind, verliert die Berufsfischerei in der Schweiz immer mehr an Bedeutung. Sowohl die Erträge als auch die Zahl der Fischereibetriebe gehen seit Jahren zurück. Laut dem Fischereiinspektorat des Kantons Bern gehört der Bielersee im nationalen Vergleich zu den ertragreichsten Gewässern mit einem guten Eglibestand. Im letzten Jahr zogen die Berufsfischer rund 14 Tonnen Egli aus dem Bielersee, wie deren Präsident, Gerold Pilloud, mitteilt.

In einigen Wochen, im Mai, beginnt die Eglisaison. Für die privaten Angler tüftelt Ivan Valetny derzeit an einem neuen Köder: einer Gummi-Nachbildung der Maifliegenlarve. Im Frühling, wenn noch keine Jungfische unterwegs sind, steht dieses gelbe Wassertierchen oft auf dem Speiseplan der Egli in den hiesigen Gewässern.

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Egli

- Lateinischer Name:
Perca fluviatilis
- Lokalnamen: Egli (in der Schweiz), Chretzer (Bodenseeregion), Relig (grosse Egli), Butzli (junge Egli), Flussbarsch
- Ordnung: Barschartige
- Familie: Echte Barsche
- Gattung: Perca
- Verbreitung: Auf dem Eurasischen Kontinent weit verbreitet, kommt in der Schweiz in den meisten Seen und langsam fliessenden Flüssen im Mittelland und in den Voralpen vor
- Besondere Merkmale: zwei gezackte Rückenflossen, rötliche Brust- und Bauchflossen, dunkle Streifen auf der Seite
- Grösse: 15 bis 50 cm, durchschnittlich 20 bis 40 cm vereinzelt bis 60 cm
- Lebensraum: sehr anpassungsfähig, behauptet sich in verschiedenen Gewässertypen und Klimazonen
- Nahrung: kleinere Fische, Insektenlarven und Krebse
- Fortpflanzung: Laichzeit ist von März bis Mai, Weibchen legen bis zwei Meter lange Laichbänder mit rund 300 000 Eiern jhe

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