Sie sind hier

Architektur

Das Bauhaus wirkte auch in Biel

Als 1919 die Bauhaus-Schule in Weimar gegründet worden ist, drückte sich damit eine Weltanschauung aus: Architektur, Kunst und Leben sollten eine Einheit bilden. Viele der Ideen haben heute einen festen Platz in unserer Kultur. In Biel ist es vor allem Architektur.

Wohnzimmer von Eduard Lanz in Biel. Die Fenster sind eine Eigenentwicklung. Foto: Nico Kobel.

 

Nandita Boger
Blickt man sich in Biel um, findet man viele Details an Gebäuden, die die Bauhaus-Sprache sprechen. An der Bahnhofstrasse sind es das Flachdach, Stahlrohrgeländer auf den Dachterrassen und die Betonung der Horizontalen. Runde Formen bei Erkern und an den Ecken findet man am Olymia-Haus an der Murtenstrasse. Auch die Verwendung von Farbe ist typisch für das neue Bauen. Die Wohnhäuser an der Mattenstrasse wurden saniert und leuchten nun in Grün, Orange und Hellblau.
Bild: Häuserzeile an der Mattenstrasse in Biel, Foto Nico Kobel
 
Jede Kunst hat ihre Geschichte, ihre Sagen und Legenden. Die Legende verklärt wichtige Ereignisse und macht sie unvergänglich. In der modernen Kunst heisst diese Legende «Bauhaus». Architektur, Design, Kunst und künstlerische Ausbildung sähen heute anders aus, wenn es das Bauhaus nicht gegeben hätte. Es gehört tatsächlich zu den Faktoren, die unsere Welt verändert haben. Das Bauhaus ist Utopie und konkreter Ort, ist Idee und Institution zugleich.
 
 
 
 
«Erschaffen wir
gemeinsam
den neuen Bau der Zukunft,
der in einer Gestalt
alles sein wird:
Architektur
und Plastik
und Malerei.»
Walter
Gropius
Bauhausdirektor
1919-1928
 
Die Geschichte
Im April 1919 wurden zwei Schulen zusammengelegt: die grossherzogliche Hochschule für bildende Kunst und die grossherzogliche Kunstgewerbeschule. Das «Staatliche Bauhaus in Weimar» war gegründet. In seinem Manifest für das Bauhaus (siehe Seite 27) beschreibt Walter Gropius, Architekt, geistiger Vater und erster Direktor des Bauhauses, das Ziel: Eine neue Baukunst, die vom «Rohbau, über den Ausbau und die Ausschmückung bis zur Einrichtung» reicht. Wie in den Bauten der Gotik, Renaissance und des Barocks, die wir noch heute bewundern, werden alle Künste in der Architektur vereint. Im Bauhaus sollen Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk wieder zu einer Einheit zusammengeführt werden. Doch weshalb war das überhaupt notwendig?
Mit Erfindung der Maschinen und dem Beginn der Industrie hatte eine Abwertung des Handwerks eingesetzt. Mit dem Aufkommen des Unternehmertums im 18. Jahrhundert begannen Bauspekulanten, billig zu produzieren. Die Qualität im Wohnungsbau nahm ab. Durch vordergründige Bequemlichkeit der neuen Wohnungen wurden Mängel in der Ausführung und minderwertige Baumaterialien vertuscht. Als Gegensatz zu diesen Mietskasernen wurde für Repräsentationsbauten wahlweise eine Fassade in gotischem, barockem oder klassischem Stil vorgeblendet. Diese rückwärtsgewandte Ästhetik stand in starkem Kontrast zum täglichen Leben, in dem Dampfmaschinen, Benzinmotor, Elektrizität und Stahlbau Einzug hielten. Architektonische Neuerungen fanden lediglich bei den Nutzbauten statt.
Junge Architekten wie Peter Behrens, Mies van der Rohe und Walter Gropius errichteten Fabriken aus Stahlbeton und Glas. Sie sinnierten über den korrekten Ausdruck von Gebäuden, die der Funktion verpflichtet sind. «Form folgt Funktion» war ihre Erkenntnis. Die Professoren an den Kunstakademien hingegen kehrten der Industrie den Rücken zu.
 
Der Kerngedanke
Walter Gropius’ Idee, die das Bauhaus schliesslich zur Legende machte, war es, bei der Ausbildung anzusetzen. Mit einem neuen Bildungssystem sollte es gelingen, die Kluft zwischen Architektur und Gesellschaft zu überbrücken und neue Formen und Inhalte zu finden. Die Errungenschaften der Industrialisierung sollten zwar die Produktion billiger machen, aber nicht auf Kosten der Qualität. Die Trennung von Kunst und Handwerk sollte aufgehoben werden. Damit war der Kerngedanke des Bauhauses, die Vereinigung von Industrie und Kunst, geboren.
Die Möbel und Gebrauchsgegenstände, die in den Werkstätten des Bauhauses gefertigt wurden, fanden Absatz. Beleuchtungskörper, Stoffe und die berühmten Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer wurden überall kopiert. Die soziale Grundeinstellung des Bauhauses, dass die Errungenschaften der Technik dazu dienen sollten, den Massen ein besseres Leben zu ermöglichen, machte das Bauhaus zum Angriffspunkt der Rechten und der Linken. Die einen fürchteten den Kommunismus, die anderen warfen dem Bauhaus die Nähe zum Klassenfeind, der Marktwirtschaft, vor. Unter dem politischen Druck musste die Schule 1925 aus Weimar wegziehen.
 
Der Kubismus als Vorbild
Gropius nutzte den Umzug nach Dessau als Chance. Er entwarf das berühmte Bauhaus-Gebäude. Durch die modernen Künstler, die am Bauhaus lehrten, war der Kubismus Teil der Lehre geworden. Das neue Raumgefühl von Picasso, der zwei verschiedene Ansichten in einem Bild vereinte, wurde in die Architektur übersetzt. Durch die grossflächige Verwendung von Glas konnte man gleichzeitig innerhalb des Gebäudes und Teil der Aussenwelt sein. Die Ecke ist aufgelöst, zwei Glasscheiben stossen aneinander. Der Bau ist gegliedert in zahlreiche Kuben, die teils vom Boden abgehoben sind. Horizontale und vertikale Ebenen erzeugen je nach Blickpunkt ein anderes Bild. Dies ist die direkte Umsetzung des neuen Raumgefühls in die Architektur. Wenn man heute vom «Bauhausstil» spricht, ist vielfach dieses «Neue Bauen» gemeint, das die Möglichkeiten der Technik ausnutzt mit der Auflösung der Struktur in tragende Stützen und vorgehängte Glasfassaden.
 
Von Dessau nach Biel
Für den Umzug nach Dessau konnte die Architekturabteilung unter Walter Gropius auch die Meisterhäuser bauen. In Biel stehen an der Ländtestrasse zwischen Bahndamm und See eine Reihe von Villen, die diesen Meisterhäusern in Dessau gleichen. Die moderne Form wurde 1929 vom Stadtbauamt in speziell für dieses Gebiet erlassenen Sonderbauvorschriften verlangt. Das Haus Nr. 1 wurde 1930 von Stadtbaumeister Otto Schaub für sich selbst erbaut. Das Flachdach und die kubische Gliederung sind exemplarisch.
Wie Gropius wandte er sich gegen die rückwärtsgewandte Ästhetik: «Beste Tradition ist es, immer im Stile seiner Zeit zu bauen. Unerträglich wirken nur Nachahmungen historischer Bauformen.»
 
Bild: Ein Meisterhaus in Dessau, 1926. Die ineinandergeschobenen Kuben scheinen zu schweben. Keystone
Bild: Villa an der Ländtestrasse von Architekt Otto Schaub, 1930 (spätere Aufstockung).     wiki
               
Die Bauhaus-Meister
Gropius nutzte die Neugründung der Schule, um anstelle von Lehrern berühmte Künstler an das Bauhaus zu berufen. Dies sollte die Schule bekannter machen, was auch gelang. Einer der ersten ist der Schweizer Maler Johannes Itten. Der charismatische Itten holte weitere Künstler nach Weimar, 1920 den Berner Künstler Paul Klee (Bild links). Klee unterrichtete in der Weberei und gab einen Elementarkurs über künstlerische Gestaltung. Seine Vorlesungen «klangen wie die Formel des Mathematikers, waren jedoch genau betrachtet die reine Poesie», schreibt Helene Nonné-Schmidt. Sie war eine der vielen Frauen am Bauhaus. Rund die Hälfte der eingeschriebenen Studierenden waren weiblich.
Paul Klee publizierte «exakte Versuche im Bereich der Kunst», Wassily Kandinsky äusserte sich zur Kunstpädagogik und Laslo-Moholy-Nagy schrieb Aufsätze über das kommende Theater.
Der Vorkurs
Johannes Itten entwickelte seine Farblehre mit den Grundfarben rot-blau-gelb. Er hatte zuvor in Wien gelebt und dort fortschrittliche pädagogische Theorien kennengelernt, zum Beispiel die amerikanische «Lernen-durch-Tun»- Bewegung. Mit seinem Vorkurs, der für alle Pflicht war, wollte Itten die schöpferische Kraft des Einzelnen wecken und jedem Studenten die Möglichkeit geben, seine persönlichen Fähigkeiten zu entdecken. Diese Idee lebt heute an der Schule für Gestaltung in Biel weiter (siehe Seite 28 unten). Damals entrüsteten die neuen Methoden jedoch die Öffentlichkeit.
Künstler wie Piet Mondrian Henry van de Velde und Lyonel Feininger lebten, arbeiteten und unterrichteten am Bauhaus. Man kann sich leicht vorstellen, dass so viele Künstler unter einem Dach zu Auseinandersetzungen führten. Die Aufbruchsstimmung und das Bewusstsein, an etwas Grossem beteiligt zu sein, halfen über die Differenzen hinweg, die in der Detailanschauung auftraten.
 
«Das Bauhaus war eine Idee.
Nur eine Idee hat die Kraft,
sich so weit zu verbreiten.»
 
Ludwig Mies van der Rohe
Bauhausdirektor 1930-1933
 
Der Schweizer Direktor
1928 verliess Walter Gropius das Bauhaus und neuer Direktor wurde Hannes Meyer. Unter der Leitung des Schweizer Architekten konzentrierte sich die Ausbildung auf die Architektur. Und der soziale Aspekt wurde betont. So kamen Fächer wie Betriebswissenschaft, Psychologie und Städtebau hinzu. Anstelle der teuren Stahlrohrmöbel wurden billige, zerlegbare Sperrholzmöbel entwickelt. Doch die Vorwürfe, sich in der Kommunistischen Partei zu engagieren, hörten nicht auf. Meyer musste gehen.
An seiner Stelle sollte der bekannte Ludwig Mies van der Rohe das Bauhaus aus der linken Ecke befreien. Der deutsche Architekt, berühmt für seinen Ausspruch «weniger ist mehr», Bauten wie die Neue Nationalgalerie in Berlin und seine eleganten Stahlrohrmöbel, die er mit Lilly Reich zusammen entwarf, ist der letzte Bauhausdirektor. Die Entwicklung in Deutschland führte dazu, dass 1932 das Bauhaus auch aus Dessau vertrieben wurde. Für eine kurze Zeit verlegte sich das Institut nach Berlin.
Im April 1933 wird das Gebäude des Bauhauses von der Polizei durchsucht. Es wird behauptet, dass kommunistisches Propagandamaterial gefunden worden sei, die Türen weren versiegelt. Die Schulleitung beschliesst daraufhin die Auflösung des Instituts, weil das Bauhaus im Dritten Reich nicht fortbestehen kann.
Die Schule hat damit lediglich vierzehn Jahre existiert. Das Gedankengut hat jedoch bis heute überdauert. «Das Bauhaus war eine Idee», sagt Mies van der Rohe 1953 anlässlich des 70. Geburtstags von Walter Gropius.
Das sei der Grund für die Resonanz und den Einfluss des Bauhauses bis heute. Nur eine Idee habe die Kraft, sich so weit zu verbreiten.
 
 
Bild: Oskar Schlemmer: Bauhaustreppe, 1932 (siehe Zeitsprung)       keystone
 
 
 
 
Manifest des Staatlichen Bauhauses 1919 von Walter Gropius
Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! Ihn zu schmücken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Künste, sie waren unablösliche Bestandteile der grossen Baukunst. Heute stehen sie in selbstgenügsamer Eigenheit, aus der sie erst wieder erlöst werden können durch bewusstes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander. Architekten, Maler, Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Bauens in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren.
 
Die alten Kunstschulen vermochten diese Einheit nicht zu erzeugen, wie sollten sie auch, da Kunst nicht lehrbar ist. Sie müssen wieder in der Werkstatt aufgehen. Diese nur zeichnende und malende Welt der Musterzeichner und Kunstgewerbler muss endlich wieder eine bauende werden. Wenn der junge Mensch, der Liebe zur bildnerischen Tätigkeit in sich verspürt, wieder wie einst seine Bahn damit beginnt, ein Handwerk zu erlernen, so bleibt der «Künstler» künftig nicht mehr zu Kunstausübung verdammt, denn seine Fertigkeit bleibt nun dem Handwerk erhalten, wo er Vortreffliches zu leisten vermag.
 
Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine «Kunst von Beruf». Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade des Himmels lässt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits seines Wollens stehen, unbewusst Kunst aus dem Werk seiner Hand erblühen, die Grundlage des Werkmässigen aber ist unerlässlich für jeden Künstler. Dort ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens.
 
Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmassung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.
 
Walter Gropius
 
 
 
 
Bauhaus vor der eigenen Haustüre
 
 
Architektur Als vor 100 Jahren das Bauhaus gegründet wurde, war auch in Biel ein neuer Geist erwacht. Das Bahnhofsquartier ist nur ein Beispiel unter vielen für das Neue Bauen. Mit einem Parcours kann man weitere Zeitzeugen besuchen.
Von Nandita Boger
Bild: Das Bahnhofquartier in Biel ist das grösste zusammenhängende Ensemble des Neuen Bauens in der Schweiz. Die strengen Sonderbauvorschriften von 1930 sorgen für ein einheitliches Erscheinungsbild. Typisch sind die Betonung der Horizontalen und die Flachdächer. nico kobel
 
 
In Biel sind die Gedanken des Bauhaus in zahlreichen Gebäuden verwirklicht worden. Ein Grund dafür ist die damalige Stadtregierung. Guido Müller als erstem sozialdemokratischen Stadtpräsidenten gelingt es, das Neue Bauen bei der Bieler Bevölkerung beliebt zu machen. Auch Baudirektor Julius Voegtli und die Stadtarchitekten Karl von Büren und Ernst Berger tragen dazu bei, dass Biel mit moderner Architektur übersät ist.
Gleichzeitig wird mit der Verlegung des Bahnhofs vom Guisanplatz an den heutigen Standort 90_000 Quadratmeter² Bauland an bester Lage frei. Das Bahnhofsquartier ist das grösste zusammenhängende Ensemble des Neuen Bauens in der Schweiz. Das Reglement über die Bebauung wird in der Volksabstimmung von 1930 angenommen, obwohl die Vorschriften grosse Einschränkungen in der Freiheit des Einzelnen bedeutet. Stadtgeometer Jean-Felix Villars, Verfasser des Zonenplans, setzt mit seinen Quartier- und Gestaltungsplänen die wichtigsten Voraussetzungen für die moderne Architektur.
Als Bieler Stadtbaumeister war Otto Schaub daran interessiert, die Arbeiterschaft zu unterstützen. Er realisierte als Projektleiter 1932 den Neubau des Strandbads, die Uferpromenade, Schiffländte und den Kleinboothafen (mehr zu Biel auf Seite 28). Die Arbeiten wurden durch Arbeitslose in einem Arbeitsbeschaffungsprogramm ausgeführt. Er versuchte, den breiten Massen erschwinglichen und doch qualitativ hochstehenden Wohnungsbau zugänglich zu machen.
Funktionelle Fassade beim Neuen Bauen 1935 Bild: Nico Kobel
 
1935 baute die Stadt Biel die Werkshallen hinter dem Bahnhof, um in der krisengeschüttelten Region Arbeitsplätze zu schaffen und vermietet sie an General Motors (heute Centre Bahnhof). Das Gebäude ist Sinnbild für die Nüchternheit des Funktionalismus. Der damalige Stadtbaumeister Otto Schaub sagt: «Schönheit und Funktion sind nicht mehr zwei getrennte Begriffe, als schön wird das funktionell Richtige empfunden». Als vor zehn Jahren die Schule für Gestaltung in den Kopfbau der Fabrik an der Salzhausstrasse zog, war das ein Glücksfall. Die grosszügige Raumhöhe und lichtdurchfluteten Räume machen ihn zum idealen Ort für den Unterricht der Gestalter.
Dies und mehr erfährt, wer im Stadtparcours von Matthias Grütter den Bauten der Moderne nachspürt. Für Laien verständlich hat er einen Stadtführer entwickelt, der auf abwechslungsreiche Weise Informationen vermittelt.
Bild: Matthias Grütter vom Parcours BielBienne vor dem Olympiahaus, einem Zeitzeugen des Neuen Bauens in Biel. Foto: Nico Kobel
 
Mit dabei ist auch das Volkshaus von Eduard Lanz, 1932, das heute als Sinnbild für das damalige Rote Biel gilt. Lanz hatte bis 1919 in Berlin gearbeitet und an Sozialwohnungsbauten mitgewirkt. Zurück in Biel plante er genossenschaftliche Siedlungen Rennweg, Mösli, Champagne und Linde. Für die Eisenbahngesellschaft entwarf er die Hofmatten in Nidau, deren  Häuser bis heute hohe Qualität auf kleinstem Raum bedeuten.
Als selbstständiger Architekt erstellte er 1933 sein eigenes Haus an der Schützengasse 90. Seine Tochter Annemarie Geissbühler-Lanz, geboren 1927, wohnt bis heute darin.
Innen und Aussen verschmelzen beim Einfamilienhaus von Eduard Lanz, 1933 Bild: Nico Kobel
Dass es auf Wunsch der Mutter kein Flachdach habe, sondern ein Ziegeldach, sei der Gleichberechtigung der beiden Ehepartner geschuldet, was für die damalige fortschrittliche Bewegung selbstverständlich gewesen sei, sagt die Tochter. Das 1934 direkt daneben erbaute Mehrfamilienhaus hat sowohl ein Flachdach als auch die typische starke Gliederung der Kuben.
 
Die Wohnung war modern eingerichtet. An die Teppiche mit Bauhaus-Muster erinnert sich Geissbühler: «Da wurde einfach darüber gelaufen. Irgendwann waren sie kaputt und wurden ersetzt». Einzig beim Bett konnten die Eltern sich nicht einig werden. So schlief der Architekt auf einer neuen Reformhausliege und die Mutter auf ihrem alten Bett 40 Zentimeter höher als ihr Mann. Das habe schon lustig ausgesehen und bei der Familie für Verwunderung gesorgt, erzählt sie.
Das Haus überzeugt im Innern durch die grosse Flexibilität der Nutzung. Bis zu drei Parteien hätten zeitweise darin gewohnt, erinnert sich Geissbühler. Auch die konsequente Ausrichtung nach der Sonne sind Errungenschaften des Neuen Bauen, das grossen Wert auf die optimale ökonomische Errechnung der Grundrisse und auf gute Durchlüftung, Ausleuchtung und Akustik legte.
Weitere Informationen unter:
www.Parcours-BielBienne.ch
Bauten des Neuen Bauens in Biel
1              Aarbergerhof, 1929, Aarbergstrasse 119-121
2              Volkshaus, 1932, Bahnhofstrasse 11,    Architekt Eduard Lanz
3              Bahnhofquartier, 1923, Bahnhofstrasse
4              Olympiahaus, 1938, Murtenstrasse 41
5              Häuserzeile, 1929, Mattenstrasse 2-6, Murtenstrasse 59
6              GM-Fabrik, 1935,   heute Centre Bahnhof, Salzhausstrasse 21
7              Strandbad, 1932,   Uferweg 40, Nidau
8             Stadtvillen, 1929,   Ländtestrasse 1
9              Ehem. Juragarage, 1928, Adam-Göuffi-Strasse 18
10            Jurahaus, 1930,      Georg-Friedrich-Heilmann-Strasse 2 Nan
 
Bauhausgeist an der Schule für Gestaltung
Die Schule für Gestaltung im Kopfbau der ehemaligen GM-Fabrik.. Architektur: Karl von Büren und Rudolf Steiger, 1935 Bild: Nico Kobel
Die Idee des Bauhauses war es, das Handwerk ins Zentrum zu stellen. Die Abkehr vom akademischen Denken war wegweisend für die Neugestaltung der Lehre. Jeder Schüler und jede Schülerin musste am Bauhaus eine Lehre absolvieren. Um in allen Werkstätten von den gleichen Bedingungen auszugehen, wurde der Vorkurs eingeführt. In einem «Tour d’horizon» wurden alle Gebiete der Kunst und des Kunsthandwerks gestreift. Erst nach diesem Jahr der Grundausbildung, die für alle gleich ist, entscheiden sich die Lehrlinge für ein Gewerbe.
Die Fachklasse der Schule für Gestaltung Bern und Biel wird nach dem neunten Schuljahr, anschliessend an die obligatorische Schulzeit, besucht und entspricht einer Beruflichen Grundbildung. Die vierjährige Ausbildung umfasst die Fachklassen Grafik oder Keramikdesign. Mit der integrierten Berufsmatur bietet sie die Möglichkeit, an einer Fachhochschule im gestalterischen Bereich zu studieren. Der früher obligatorische Vorkurs wurde aus Kostengründen vom Kanton gestrichen.
Geblieben ist das Propädeutikum, das Abgängern von Gymnasien – als Praxisjahr verstanden – den Eintritt in eine Fachhochschule ermöglicht. Gleich wie beim Vorkurs werden dabei alle Gebiete der Kunst und der Gestaltung gestreift. Das sich einlassen, sich vorbereiten sei wichtiger als Resultate oder Fertigkeiten, sagt Beat Trummer, Leiter der Abteilung Gestaltung Biel und Vizedirektor der Schule für Gestaltung Bern und Biel. Die Lernenden sollen sich selber kennenlernen und dadurch Anhaltspunkte für die Auswahl der Studienrichtung erhalten. Das sei für die heutige «Mulitioptionsgeneration» wichtig.
In der Grafik Fachklasse werden reale Auftragssituationen aus der Wirtschaft für den Unterricht übernommen und im Praktikum vertieft. Auch hier findet sich der Bauhausgedanke: dessen Ziel war es, durch Aufträge aus der Wirtschaft die Schule nahe an die Praxis zu binden. «In den Dialog mit der Gesellschaft treten» nennt Trummer dieses Konzept heute. Ein konkreter Auftraggeber und seine Bedürfnisse stehen über der künstlerischen Inspiration.
Eine weitere Grundidee des Vorkurses ist tief verankert: Anstatt theoretisch zu dozieren, wird praktisch gearbeitet. Über das handwerkliche Tun gelangen die Lernenden zum Wissen. Nan
Zeitsprung
Bild: Treppenhaus von 1935 in einer Fotoarbeit von Olivia von Wattenwyl, 2019 (siehe Infobox unten, Zeitsprung). 
zvg
Im Rahmen der Bieler Fototage vom 10.5. – 2.6. findet an der Schule für Gestaltung die Ausstellung «Flood. An answer to women with binoculars» statt.
Der Beitrag von Olivia von Wattenwyl, Lernende der zweiten Fachklasse Grafik der Schule für Gestaltung Bern und Biel, zeigt die Treppe der Schule für Gestaltung an der Salzhausstrasse in Biel (Bild oben). Das Gebäude wurde von den Architekten Karl von Büren und Rudolf Steiger 1935 erbaut und ist ein Bau des Neuen Bauens.
Die Arbeit scheint wie eine zeitgenössische Interpretation des Bildes «Bauhaustreppe» von Oskar Schlemmer von 1932 (Bild rechts). Dieses zeigt die Treppe des Bauhauses in Dessau, 1925 erbaut von Architekt Walter Gropius. Schlemmer unterrichtete am Bauhaus. Thema:_«Der Mensch». Nan
 
Sonderschauen für Paul Klee und Johannes Itten
 
Bild: Paul Klee unterrichtete 1920-1931 am Bauhaus in der Weberei und in der Farblehre.   

Paul Klee, Monument im Fruchtland, 1929, 41, Aquarell und Bleistift auf Papier auf Karton, 45,7 x 30,8 cm, Zentrum Paul Klee, Bern

 

Zum Bauhaus-Jubiläumsjahr zeigt das Zentrum Paul Klee in Bern die Ausstellung «bauhaus imaginista». Das Nachdenken des Bauhauses über die Vereinbarkeit von Kunst und Leben steht dabei im Mittelpunkt. Erstmals wird zudem die internationale Ausstrahlung des Bauhauses untersucht und eine neue Sicht auf diese Bewegung vermittelt.

Mit seiner Gründung im Jahr 1919 erhob das Bauhaus keinen geringeren Anspruch, als Kunst und Leben zu verbinden: Eine Utopie, die konkret in die Wirklichkeit umgesetzt werden sollte. Es war von Beginn an ein revolutionäres Unterfangen, das eine gesamtgesellschaftliche Dimension anstrebte. Die Grenzen der verschiedenen Disziplinen sollten aufgehoben werden, aber auch die Grenzen zwischen Handwerk und Industrie. Kunst und Gestaltung spielten eine zentrale Rolle in der Umsetzung.
Das Bauhaus war ein kosmopolitisches, unterschiedliche Nationen vereinendes Projekt. Aus der Schweiz waren Hannes Meyer, Johannes ltten und der Berner Künstler Paul Klee als Meister berufen worden und entwickelten Konzepte für das Bauhaus. Nach der Schliessung des historischen Bauhauses 1933 wurde der Bauhausgedanke durch die ehemaligen Meister und Lehrlinge in die Welt getragen. Die Ausstellung «bauhaus imaginista» legt den Fokus auf die internationale Ausstrahlung des Bauhauses.
In Japan, Brasilien, China, Marokko, Indien, Nigeria, Russland und den USA wurden die Ideen des Bauhauses übernommen und verändert. Die Ausstellung zeigt, wie durch das Bauhaus unterschiedliche Designauffassungen entstanden, Institutionen gegründet und Reformbewegungen hervorgerufen wurden.
Mit der Ausstellung wird die globale Bedeutung der Bauhaus-Lehre für die gestalterische Ausbildung und Entwicklung bis heute aufgezeigt. In Bern wird zusätzlich der Blick auf Paul Klees Lehrtätigkeit und seine Schüler und Schülerinnen gerichtet. mt/nan
Info: Ausstellungseröffnung:
19. September. Das Kunstmuseum Bern zeigt parallel die Ausstellung «Johannes ltten: Kunst als Leben. Bauhausutopien und Dokumente der Wirklichkeit»
 

 

Nachrichten zu Fokus »