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Sozialhilfe

Zuhause in der Bauruine

Viele Sozialhilfebezüger leben in schier unzumutbaren Verhältnissen. Ein Augenschein im wohl kritischsten Abschnitt an der Madretschstrasse zeigt, wie gravierend die Situation tatsächlich ist. Einige der Mängel sind sogar baupolizeilich relevant.

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Patrick Furrer

Regen. Überall Abfall. Hausfassaden sind kaputt, die Vorplätze sich selbst überlassen. Es ist ein recht verwahrlostes Bild, das sich hier präsentiert. Das gilt zwar nicht für ganz Madretsch, den Sektor zwischen Pianostrasse und Kreuzplatz kennen die Baupolizisten aber allzu gut. Eine so negative Situation betreffend Gebäuden und fehlender sozialer Durchmischung gebe es in Biel kein zweites Mal, heisst es. Viele der Wohnungen sind an Sozialhilfebezüger vermietet. Viele der Gebäude veraltet.

Drei Mal war das «Bieler Tagblatt» von Mitte Oktober bis Anfang November auf Kontrollgang, zuletzt auch in Begleitung einer Vertreterin des Berner Mieterverbands (MV). Viele der Häuser, die sanierungsüberfällig sind, gehören dem gleichen Immobiliendienst: fehlende Sicherheitsgeländer, offene Strominstallationen, kaputte Heizungen, verstopfte Wasserabläufe, Schimmel, Unrat und Abfall in den und um die Gebäude. Das sind Mängel, wie sie entdeckt worden sind.

11,4 Prozent der Bieler leben von der Sozialhilfe. Über 28 Millionen Franken zahlt die Allgemeinheit jährlich für deren 2500 Wohnungen. Obwohl einige vom Standard her nicht mit dem Marktdurchschnitt mithalten können, ist der Mietzins genauso hoch - oder höher.

Die Ausgangslage

Im Gespräch verrät Beatrice Mehli vom Mieterverband, dass der Mitbesitzer der renovationsbedürftigen Liegenschaften in diesem Madretschsektor dafür bekannt sei, dass er alte Liegenschaften kauft, nur minimal saniert und überteuert vermietet. Potenzial dafür gibt es in Biel: Gemäss einer Studie wurden 80 Prozent der Wohnungen vor 1970 erbaut. Heikel wird das in der Sozialhilfe: Die Stadt zahlt viele der Mietzinse direkt an die Vermieter, ohne die Zustände in den Wohnungen zu kennen. Der Mietzins ist staatlich garantiert. Die Stadt hat daher kürzlich Massnahmen gegen maroden Wohnungsbau eingeleitet und die Kontrollen verstärkt (siehe Box). Die Bieler Baupolizei hatte 2011 noch 20 Fälle zu behandeln. «2013 werden es deutlich mehr sein», stellt Laura Imhof, Dienststellenleiterin, in Aussicht, «etwa doppelt so viele.» Und: Auch bei den kontrollierten (und weiteren) Liegenschaften in Madretsch sind Verfahren hängig.

Der Vermieter war schon vor zwei Jahren in die Negativschlagzeilen geraten. Und nachdem es auch später wieder Probleme gab, meiden einige Handwerker die Gegend. «Wir arbeiten dort nur noch gegen Barzahlung», sagt stellvertretend ein Servicearbeiter der Elektroinstallationsfirma Mühlematter SA aus Biel. Da würde auch von Nicht-Fachleuten Hand angelegt, und die Profis könnten es dann ausbaden. Fälle, wie sie auch zum Mietamt kommen. Die Schlichtungsstelle Berner Jura-Seeland hat jährlich 600 Streitfälle zu behandeln.

Der erste Eindruck

Sechs der Liegenschaften an der Madretschstrasse und am angrenzenden Konkordiaweg gehören dem besagten Immobiliendienst. Gemäss den Eigentümern wurden Millionen investiert, die Mieter trügen einen Grossteil zum Zustand der Wohnungen bei, verteidigt man sich (siehe Text unten).

Zumindest aus baupolizeilicher Sicht noch unproblematisch präsentiert sich die Madretschstrasse 72, wo ein junger Mann die Besucher hereinbittet. Die Küche ist neuer. Zwar ist die Heizung veraltet und das Licht funktioniert nicht überall. Er wolle aber nicht klagen, sagt der Mann, der hier bei seiner Mutter wohnt. Das sei immer noch besser als an der Jurastrasse, wo er in einem Studio gewohnt hatte. Dort musste er wegen Schimmel ausziehen. Probleme mit Studios gibt es häufig, und 22 Prozent davon werden in Biel von der Sozialhilfe finanziert.

Gleichwohl: Von aussen präsentiert sich an der Hausnummer 72 ein wüstes Bild: Überall liegt Abfall, die Klingel ist kaputt, lose Kabel hängen heraus. Nicht besser ist dies bei den Nummern 62 und 60; der hellblaue Anstrich kaschiert den Hauszustand. Bei Nummer 60 öffnet nach mehrmaligem Klingeln ein Mann. Seine Wohnung zeigen will der Sozialhilfeempfänger nicht. Er sagt nur, das Haus sei in miserablem Zustand. Strominstallationen seien nicht fertig, Wasserabläufe verstopft. «Ich habe schon beim Mieterschutz und Vermieter interveniert», sagt er. Die Vermieter nutzten die Situation schamlos aus.

Mehli sagt, es sei umso wichtiger, dass sich die Mieter wehren. «Passivität und Unwissen erlauben Vermietern das Einkassieren von Mietzinsen und ungerechtfertigten Nebenkosten.» Dabei sei auch das städtische Sozialamt in der Pflicht. Dieses kümmert sich heute nur wenig um Mieter mit derartigen Problemen.

Die bittere Realität

Bedenklich ist die Situation in der Liegenschaft Hausnummer 58. Hier wohnt ein Sozialhilfeempfänger mit seinen beiden Söhnen. Die offenen Sicherungskästen im Flur sind selbst für Kinder zugänglich. Im 2. Stock vor der Wohnung wurde ein kopfgrosses Loch in die Wand geschlagen, das Einblick in die Küche gewährt. Es ist die einzige Wohnung, die noch vermietet ist. Die Wohnung habe er übernommen, weil er nichts anderes gefunden habe, sagt der verbliebene Bewohner. Was nicht sehr überrascht. «Viele Vermieter nehmen keine Sozialfälle an», weiss Mehli. Das Wasser in der Küche läuft nicht ab, Kloake dringt aus den Rohren nach oben. Der Kühlschrank schimmelt, die Toilette ist dreckig, ein Teil der Elektroinstallationen und die Heizungen funktionieren nicht. Die Wohnung wurde so übernommen. Am 1. September ist der Mann eingezogen, der Vermieter habe ihn gleich mit einem Zwei-Jahresvertrag verpflichtet. «Die Miete kommt direkt vom Sozialamt», erklärt er. «Meine Söhne frieren. Ich habe Angst, dass sie krank werden.» Für den Briefkasten hat er keine Schlüssel. «Ich will hier raus, sobald ich kann.»

Gefährlich mutet die Nummer 56 an: Im Flur sind haufenweise offene Stromkabel, auch in einer Wohnung sind Steckdosen und Kabel offen. In der Wohnung, wo eine Frau mit ihren Kindern lebt, sind im Kinderzimmer die Fenster kaum höher als das Bett, Sicherheitsgeländer hat es aber nicht - obwohl das Zimmer im 2. Stock ist. «Die Vermieter sind Kriminelle», wettert ein Mieter.

Die miserable Visitenkarte

Nach dem Kontrollgang ist die Mieterverbandsvertreterin nachdenklich geworden. Sie glaube, der Vermieter nütze die Situation der Bewohner «vorsichtig ausgedrückt» aus. Dass etwas geschehen muss, ist offensichtlich, sagt Mehli. «Der Abfall, aber auch liegengebliebenes Handwerkermaterial in Fluren, Gärten und auf Vorplätzen von abgebrochenen Arbeiten sowie schlecht verkleidete Schaufenster und unfertige Fassadenarbeiten werfen ein schiefes Licht auf die Strasse, das Quartier und die Bewohner.»

Inzwischen ist der Regen schwächer geworden. Mehli will einigen Fragen noch genauer nachgehen; etwa, ob Nebenkosten für einen (nicht vorhandenen) Hauswart berechnet werden. Aber noch etwas anderes hat sie nachdenklich gemacht: Obwohl einige Mieter mit der Redaktion gesprochen haben, wollten es viele andere nicht. Weil sie Angst vor dem Vermieter haben, sagen sie. Und weil sie nicht glauben, dass sich die Dinge doch noch zum Guten wenden könnten.

 

Unterstützung für Mieter
• Der Gemeinderat hat eine konzertierte Offensive gegen verwahrloste Liegenschaften gestartet. Mit der Kampagne «Engagement» werden Projekte von Eigentümern ausgezeichnet: sinnvolle Sanierungen, Erneuerungen oder Ersatzinvestitionen.
• Gleichzeitig werden die gezielten Kontrollen der Baupolizei intensiviert.
• Vernachlässigte Gebäude zu kaufen, ist der Stadt kaum möglich. Deshalb werden die Mietzinse in Zukunft vermehrt nicht mehr direkt von der Stadt an die Vermieter gezahlt. Zudem soll die Höhe nicht mehr über dem Marktpreis liegen. Sozialhilfebezüger erhalten grundsätzlich mehr Autonomie.
• Wer als Mieter Hilfe oder Rat sucht, kann sich an die Schlichtungsbehörde Berner Jura-Seeland wenden: Neuengasse 8, Biel. Telefon 032 344 59 00. Zusätzlich lohnt sich ein Anruf beim Mieterverband: 0848 844 844.

 

Vermieter sind «überrumpelt»
Nach dem Kontrollgang hat das BT die Ergebnisse mit der Baupolizei besprochen. Dienststellenleiterin Laura Imhof und Sachbearbeiter Nicolas Adam bilanzieren negativ. Es sind bereits Verfahren hängig. Einige der Probleme sind sicherheitsrelevant, die Baupolizei geht den Ergebnissen nun nach. «Offene Elektroinstallationen beispielsweise können Feuer auslösen», sagt Adam. Wo Absturzsicherungen fehlen (Hausnummer 56), Schimmel die Gesundheit der Bewohner bedroht (Nummer 58) oder die Aussenbereiche unzugänglich geworden sind, muss die Baupolizei eingreifen. Die Kontrollen wurden 2013 intensiviert. Bis Oktober gab es 30 Fälle und Beschwerden, wobei nur ein kleiner Teil davon effektive Problemfälle wie an der Madretschstrasse sind. Das Problem in kritischen Sektoren sei immer dasselbe, sagt Imhof. «Die Mieterschaft ist homogen, es gibt kaum soziale Durchmischung.» Keiner interessiert sich für die Zustände vor der eigenen Tür. Vermieter nutzen das aus.

Anders sehen das die Eigentümer. Der Vermieter der kritischen Wohnungen an der Madretschstrasse war nicht erreichbar, seine Geschäftspartnerin weist die Verantwortung von sich, will anonym bleiben. «Das Bild, das die Medien zeichnen, ist nicht objektiv. Die Vermieter in Biel wurden von der Stadt überrumpelt mit den Verschärfungen der Kontrollen.» Dabei seien Millionen in die Liegenschaften investiert worden, sagt ihr Anwalt. Die Mieter selbst seien schuld: Sie würden vieles kaputtmachen, sich nicht kümmern, Abfall nicht entsorgen. Ideal sei die Situation im Madretsch zwar nicht, sagt er. Man sei aber dran und saniere, wo man könne. Dass es bald bessert, ist dennoch unwahrscheinlich. Die Geschäftspartner haben sich angeblich zerstritten. Aktuell seien die Renovationsarbeiten blockiert, sagt der Anwalt.

Kommentare

retogugger

Oh! Durch einen besonders intensiven Sonnensturm wurde mein Kommentar vom 13.11.2013 mit der Namensnennung der beiden Immobilienbesitzer gelöscht. Ob hier wohl jemand etwas zu verbergen hat?


faktus

Es ist wie in der Politik-Berichterstattung, geehrter "retogugger": Dort werden nur "unbeliebte", bürgerliche Politiker mit vollem Namen veröffentlicht. Die sachlichen oder die zu Problemen führenden Fakten werden verdreht, vertuscht oder einfach "um den Brei herum" geredet! So war es offensichtlich auch beim Bericht von Patrick Furrer: Die schuldigen Hausbesitzer (Immobilienbesitzer) und die vielen "Säuniggel" der Gratiswohnungen in der herrschenden Sozialhilfegesellschaft, blieben unbekannt. "Man" wollte "neutral" bleiben, niemand verletzen, nur einmal aufzeigen, was die meisten Bieler(innen) schon längst selber wussten!


retogugger

Wetten, dass die Besitzer dieser Liegenschaften, welche wie Schmarotzer unsere Stadtfinanzen aussaugen, nicht einmal selbst in Biel wohnen und Steuern zahlen? Werter Patrick Furrer, hier hätten Sie gerne Namen und Herkunft der Liegenschaftsbesitzer nennen dürfen.


mb

Lieber Faktus, hier trägt nur eine Seite die Schuld. Die Spitze der skrupellosen Eigentümer, die allzu oft auf Kosten der Mieter abkassieren. Eine Familie musste gemäss dem Artikel die Wohnung übernehmen ,um nicht auf der Strasse zu übernachten. Leider können sich die Betroffenen dann nicht wehren und werden noch mit Mehrjahresverträgen hinters Licht geführt. Es ist halt nicht jeder Artikel geeignet gegen Leute ohne Schweizer Pass oder Sozialhilfebezüger zu wettern. Nidau ist hier ein gutes Vorbild und lässt das Geld nicht mehr direkt den Immobilienhalunken zuschieben, das könnte wirken.


faktus

Mit diesem ausführlichen Bericht über die unglaublichen Wohnverhältnisse in vielen Bieler "Bruchbuden", stockt einem, - auch als unbeteiligter Vorörtler -, der Atem! Nun, für diese Zustände gibt und braucht es immer zwei Parteien: Hier sind es die Vermieter (Immobilen-Besitzer) und die "Mieter" (Sozialhilfeempfänger)! Leider nützen offensichtlich einige skrupellose Hausbesitzer die bedenklich, hohe "Bieler-Sozialquote" schamlos aus und kassieren, ohne Verantwortung und Unterhaltsarbeiten zu machen, die Steuergelder der Stadt Biel! Es gibt aber noch die andere Seite: Kürzlich erfuhr ich von einem Haushaltgeräte-Mechaniker (Service-Monteur), was er in den meisten Sozialwohnungen antrifft: Alles verstellt, Dutzende leere Flaschen, überall Unrat, unabgewaschenes Geschirr, stinkende Kühlschränke und verschmierte WC's oder vollständig mit Kehricht versperrte Treppenaufgänge oder Eingänge! Als Normalbürger dürfte man von einem "Sozialhilfeempfänger" (der meistens noch arbeitslos ist), doch verlangen, dass er in seiner "Gratiswohnung" einigermassen Ordnung und Sauberkeit schaffen könnte! Dass dieser Aspekt praktisch mit keinem Wort im langen Bericht der "Anprangerung der Vermieter" artikuliert wurde, finde ich nicht korrekt! Wie oben schon vermerkt: Es sind immer zwei Parteien in einem Streit oder in einer Auslegeordnung beteiligt. Beide Parteien sind aufgefordert, eine solche unausstehliche Situation (wie sie im Madretscher Quartier zu herrschen scheint), endlich energisch (und mit BEIDSEITIGER Anstrengung), anzugehen und zu beenden!


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