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Biel

Wo Trennlinien verwischt werden

Die diesjährige Ausgabe des Jahreskonzerts der Stadtmusik Biel hat nicht nur mit Neuinterpretationen überzeugt, sondern auch mit Stücken, die über die Grenzen einzelner Genre hinausgehen.

Bild: bt/a

Gregory Heiniger hat vor einem Jahr den Dirigentenstab beim Jugendensemble der Stadtmusik Biel (Jubis) übernommen. Mit zahlreichen Auftritten verteilt übers ganze Jahr hat er die jungen Musikanten trainiert und strategisch klug durch diese Umbruch- und Neuerungsphase geführt. Zum ersten Jahreskonzert unter seiner Leitung konnte sich somit ein sauberes und gut klingendes Ensemble präsentieren.

Mit Marschmusik von John Philip Sousa, dem amerikanischen König der Marschmusik, legten sie los, wenn auch ohne Sousaphon. Chantal Abozalat und Mischa Vasylyev übernahmen die beiden Solostimmen für Euphonium in «Me and My Shadow». Beide spielen noch nicht lange und wirken doch schon versiert und sicher.

Spiel mit den Extremen

Die Stadtmusik unter Pascal Schafer eröffnete ihren Part mit dem «Gum-Sucker March». In waghalsiger Geschwindigkeit wurde das Adrenalin der Mitspieler gleich zu Anfang fast auf den Höchstpegel gesetzt. Mit diesem Schwung war die Bühne bereit für die junge Hornistin Livia Thomann, die den Solopart in «Equus» von Mario Bürki spielt. Als Teilnehmerin der Talentförderung am Gymnasium Hofwil ist sie in der Lage, die galoppierend virtuosen Passagen scheinbar selbstverständlich zu spielen.

«Extreme Makeover» von Johann de Meij basiert auf einem Thema aus einem Streichquartett von Tchaikovsky. Einer aussergewöhnlichen Runderneuerung soll diese Musik unterzogen werden, so der Titel. Eigentlich ist es so schön, dass es gar nicht erneuert werden müsste. Es war wohl der gelungene Spass an Extremen und an Effekten, der das «Lied» zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends werden liess. Extrem waren dabei vor allem die Kontraste: Aus einem einzelnen leisen Ton entwickelten sich Motive, die mit rhythmischen Raffinessen schliesslich voller Zorn durch alle Register rasten. Auf schwungvolle Blechbläserchoräle folgten andächtige Holzbläsermelodien. Wilde chromatische Läufe durch alle Tonlagen standen im Kontrast zur Flaschenmusik, für die in zehn gestimmte Flaschen gehaucht wurde.

Auch Friedrich Gulda war für Neuerungen und musikalische Spässe zu haben. Der Pianist und Komponist ist bekannt für seine Genre übergreifende und Trennlinien verwischende Musik. Und so treffen in einem seiner Konzerte alpenländische Blasmusik auf ein grooviges Cello. Die erst 14 Jahre alte Meret Kirchner spielte den Solopart, als wäre es das Normalste der Welt.

Überraschung zum Schluss

In «Riften Wed» von Julie Giroux durfte die Stadtmusik in lang gezogenen Melodiebögen schwelgen und den Adrenalinabbau geniessen. «Life in the Capital City» von Timo Forsström führte zurück in die reale Welt, nach Helsinki. Fünf Ecken, ein ruhiger Park und ein alter Schiffshof sind nicht nur in Finnlands Hauptstadt sehr unterschiedliche Plätze. Diese Orte bilden das Programm für jazzig schwungvolle Partien, wunderschön schlichte Passagen wie aus einem Wiegenlied und klangvoll ruppige Rhythmik, in der wohl die alten Schiffe gestapelt werden.

«Balkan Dance» setzte den Schlusspunkt und leitete über in den geselligen Teil. Wer wollte, konnte nun den Abend an der Bar ausklingen lassen.

Trennlinien scheinen in Biel übrigens auch sonst weniger streng gezogen zu werden. So spielten zu fortgeschrittener Stunde drei junge Geigerinnen, die zuvor bei den Bieler Music Days im Gaskessel aufgetreten waren, ein spontanes Ständchen im Kongresssaal. Überraschend kamen die verbliebenen Zuhörer noch einmal in einen musikalischen Genuss. mt

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