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Nidau

«Wir lehnen das Projekt als Ganzes ab»

Neuer Widerstand gegen Agglolac: Die Gruppe Zentralparc hat sich zum Ziel gesetzt, die geplante Überbauung in Nidau zu verhindern. Dafür sammelt sie nun mittels Crowdfunding Geld, um bei der Volksabstimmung 2018 eine Nein-Kampagne zu finanzieren.

«Agglolac ist ein Quartier für Reiche», sagen Adrian Gschwend, Johnny Rumpf und Mariann Inanç (von links) von der Gruppe Zentralparc. Carmen Stalder
  • Dossier

von Carmen Stalder


Auf dem ehemaligen Gelände der Expo.02 in Nidau soll ein urbanes Quartier für über 1500 Einwohnerinnen und Einwohner entstehen. So sieht es die Planung der Städte Biel und Nidau vor. Doch gegen Agglolac formiert sich Widerstand. So ist im Juni erstmals der Verein «Stop Agglolac» an die Öffentlichkeit getreten. Die Vereinsmitglieder verschiedenster politischer Couleur lehnen das Überbauungsprojekt ab, sollte dieses nicht massiv überarbeitet werden.

Die Seite der Gegner bekommt nun Zuwachs: Gestern hat sich die Gruppe Zentralparc der Öffentlichkeit präsentiert. Entstanden ist die Gruppe aus dem Kollektiv Bienne Vivante. Dieses ist vielleicht noch einigen als Opposition gegen das neue Ortspolizeireglement (2012) oder dieBeachtown (2013) in Erinnerung.

Die Gruppe Zentralparc besteht aus sieben aktiven Mitgliedern sowie einer grösseren Gruppe von Sympathisanten. Als Sprecher fungierten gestern die drei Bieler Adrian Gschwend, Johnny Rumpf und Mariann Inanç. Sie geben an, bewusst keine Parteivertreter in ihre Reihe aufgenommen zu haben – so sei man keinen parteipolitischen Zwängen unterworfen.


«Überbauung ist zu gross»

Kurz gesagt will Zentralparc das neue Quartier verhindern. Agglolac sei die falsche Antwort auf die Frage, was mit dem ehemaligen Expogelände geschehen solle. «Stattdessen fordern wir eine Zone für Freizeit und Erholung», steht in der gestern verschickten Medienmitteilung. Gschwend betont, dass man nicht grundsätzlich dagegen sei, dass auf dem Areal gebaut werde. Aber:«Die geplante Überbauung ist zu gross.»

Die Gruppe geht mit ihrer Forderung weiter als der Verein «Stop Agglolac», der lediglich einen Marschhalt und eine «echte Mitwirkung» fordert, um das Projekt Agglolac mehrheitsfähig zu machen. Und das aus gutem Grund, wie Gschwender sagt: Seit 2013 befasse sich seine Gruppe mit Agglolac. Zentralparc habe sich im Mitwirkungsverfahren eingebracht, in der Hoffnung, damit das Projekt beeinflussen zu können. «Das hat leider nicht funktioniert. Deshalb lehnen wir nun das Projekt als Ganzes ab.»

Einen ausgearbeiteten Gegenvorschlag hat die Gruppe nicht. Dafür aber einige Ideen: Ein Park soll entstehen, der über Generationen hinweg gestaltet und weiterentwickelt wird. Projekte wie das Freiluftspektakel Cyclope (2012) oder die Bar des Vereins Fair (derzeit neben der Lago Lodge) sollen ihren Platz haben. Dazu vielleicht ein Skatepark, die Kinderbaustelle oder ein Zirkus.


Keine Sympathie für Mobimo

Zudem möchte die Gruppe, dass das Gelände nur schrittweise bebaut wird. Lieber sollen einzelne Wohngebäude erstellt werden, etwa von einer Genossenschaft, anstatt der Projektgesellschaft Mobimo die ganze Überbauung zu überlassen. «Wenn die Fläche an Mobimo verkauft wird, verlieren Biel und Nidau die Kontrolle darüber», sagt Rumpf.

Zentralparc würde deshalb eine Abgabe des Landes im Baurecht bevorzugen. Dies vor dem Hintergrund, dass Mobimo bei dieser Forderung wohl aus dem Projekt aussteigen würde: «An einer Sitzung haben sie uns gesagt, dass Agglolac für sie beerdigt wäre, wenn sie das Land nicht kaufen können», sagt Gschwend. Öffentlich hat sich Mobimo bisher nicht zu diesem Thema geäussert.

Generell halten die Vertreter der Gruppe nicht viel von der Investorin aus Küsnacht, die als eine der führenden Immobilien-Investmentgesellschaften der Schweiz gilt. Die Firma trete arrogant auf und es gehe ihr nur um den Profit, teilen die Gegner aus.


Geld für Nein-Kampagne

Letzte Woche hat die Gruppe Zentralparc ein Crowdfunding auf der Internetplattform «Wemakeit» lanciert. Bis Mitte November will sie dort 10000 Franken sammeln. «Wir wollen uns Sichtbarkeit kaufen», sagt Gschwend. Das Ziel:Mit dem Geld eine Kampagne finanzieren, die bei der für Ende 2018 geplanten Volksabstimmung für ein Nein an der Urne sorgt. Dies würde nämlich bedeuten, dass die Bieler und Nidauer Stimmberechtigten den Landverkauf ablehnen würden. «Und damit würde das Feld frei für eine soziale und sinnvolle Alternative», heisst es bei Zentralparc.

Und was sagt der Verein «Stopp Agglolac» zur neuen Gruppierung?«Wir sind froh, wenn noch mehr Leute mitdiskutieren», sagt Co-Präsident Tobias Egger. Allerdings stimme man nicht mit allen Ideen von Zentralparc überein, da «Stop Agglolac» das Projekt ja nicht grundsätzlich verhindern wolle.

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Agglolac ist erstes «2000-Watt-Areal»

Am vom Bundesamt für Energie organisierten Energietag wurde am Montag das Projekt Agglolac mit dem Zertifikat «2000-Watt-Areal» des Trägervereins Energiestadt ausgezeichnet. Die vorgesehene Stadterweiterung übertreffe bei sämtlichen Kriterien den Schwellenwert von 50 Prozent, heisst es in einer Mitteilung.

Beurteilt wurden die Bereiche Gebäude, Mobilität, Versorgung/Entsorgung, Management-System und Kommunikation/Kooperation. Im Durchschnitt erreicht Agglolac gemäss aktueller Planung eine Ausschöpfung von 58 Prozent des theoretisch möglichen energetischen Handlungsspielraumes. Agglolac ist das erste zertifizierte Projekt in der Region Biel-Seeland-Berner Jura.

Das Zertifikat wurde von der Projektgesellschaft Agglolac entgegengenommen. Diese war vertreten durch die Nidauer Stadtpräsidentin Sandra Hess (FDP), den Bieler Stadtpräsidenten Erich Fehr (SP) sowie Jürg Mosimann vom Projektentwickler und Investor Mobimo. Anlässlich der Übergabe durch den Trägerverein Energiestadt sagte Sandra Hess, Nachhaltigkeit sei immer ein zentrales Ziel der Agglolac-Planung gewesen: «Das Zertifikat ‹2000-Watt-Areal› ist die Bestätigung, dass wir unsere Versprechen einhalten.» Nidau sei den Zielen der «2000-Watt-Gesellschaft» verpflichtet und habe diese auch in der Stadtordnung verankert.

Von «einer grossen Befriedigung» sprach Erich Fehr: «Ökologische, wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit waren für uns nie Schlagworte, um die Planung der Bevölkerung zu verkaufen.» Es gehe den beiden Städten und Mobimo um eine Arealentwicklung, die für die ganze Region langfristig einen Mehrwert erzeuge. Nur so habe Agglolac eine Chance, realisiert zu werden.

Dank einem Wärmeverbundnetz, das die benötigte Wärmeenergie dem Seewasser entzieht, wird das Quartier weitgehend auf fossile Energieträger verzichten können. Dazu kommt ein Mobilitätskonzept, das ebenfalls auf Nachhaltigkeit setzt. Der Baubeginn für Agglolac ist frühestens für 2021 vorgesehen. mt

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