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„Krawattenzwang“

Wie Baldachinspinnen die letzten warmen Tage benamseln

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Wie Baldachinspinnen die letzten warmen Tage benamseln.

Bernhard Rentsch: Krawattenzwang
  • Dossier

Altweibersommer! Das ist eine kurze «Extra-Jahreszeit» Ende Sommer, Anfang Herbst – jetzt. Wir geniessen die warmen Tage ohne drückende Hitze und profitieren von der üppigen Natur, die uns nach einem günstigen Wetterverlauf mit vielen Früchten belohnt. Das Staunen im privaten Garten: Das kleine Apfelbäumchen arbeitete so gewaltig, dass wir uns nun nach einem einzigen Erntegang über 40 Liter Süssmost freuen.

Zurück zu den speziellen Tagen, die wir soeben erlebten, eben dem Altweibersommer. Die Definition dazu: «Altweibersommer ist in deutschsprachigen Ländern die Bezeichnung für eine meteorologische Singularität. Es handelt sich um eine Phase gleichmässiger Witterung im Herbst, oft Ende September und Oktober, die durch ein stabiles Hochdruckgebiet und ein warmes Ausklingen des Sommers gekennzeichnet ist. Das kurzzeitig trockenere Wetter erlaubt eine gute Fernsicht, intensiviert den Laubfall und die Laubverfärbung.» Das kapieren wir, zumal es eben genau so war.

Aber wie kommen diese wunderbaren Tage zu ihrem schrägen Namen? Die Suche nach einer Erklärung ist nicht schwierig: Der Name leitet sich von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Der Flugfaden, den die Spinnen produzieren und auf dem sie durch die Luft schweben, erinnert die Menschen an das graue Haar alter Frauen. Mit «weiben» wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet.

Konnten Sie ein bisschen profitieren? Sei es in der Luxusvariante bei einem Ausflug in die Berge, bei der mittleren Version von einigen Stunden auf dem oder am See oder wenigstens mit einer Mittagspause draussen an der wärmenden Sonne? Hoffentlich. Schon bald nämlich tauchen wir ein in den richtigen Herbst mit den ersten Nebeltagen. Und dann freuen wir uns über einen richtigen Winter. Auch dazu findet sich nämlich Spannendes: Die letzten acht Winter waren alle zu mild – teilweise sogar deutlich zu warm. Und nun werden Erinnerungen wach an den Bibberwinter 2010/2011. Denn das Jahr 2019 weist mittlerweile grosse Gemeinsamkeiten auf. In beiden Jahren (2010/2019) gab es einen unterkühlten Mai. Darauf folgten drei zu warme Sommermonate und der September fiel zu kalt aus. Danach folgte ein Eiswinter und nun stellt sich die Frage, ob wieder so ein kalter Winter droht. Rein von der Statistik wäre dieser schon längst überfällig.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

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