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„Krawattenzwang“

Wenn das Gutmensch-Bild unerwartet getrübt wird

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, Chefredaktor „Bieler Tagblatt“, wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Wenn das Gutmensch-Bild unerwartet getrübt wird.

Bernhard Rentsch: Krawattenzwang
  • Dossier

Oha lätz – zuweilen wird das eigene Gutmensch-Bild unerwartet getrübt. So letztlich an der Benevol-Front in Biel, nachdem freiwilliges und ehrenamtliches Engagement an dieser Stelle vornehmlich im positiven Bild präsentiert wird. Es menschelt aber halt auch da.

Der konkrete Vorfall, der mir zugetragen wurde: Eine über 70-jährige Mitarbeiterin, die sich einmal wöchentlich für einen ganz minimen Stundenlohn quasi ehrenamtlich in einem Secondhand-Laden engagierte, wurde kurzerhand und per sofort vor die Türe gestellt. Dies an einem Samstag nach dem Tagesdienst – diesen übernahm die letztlich Abgestrafte notabene kurzfristig zusätzlich – kurz vor Feierabend. Die Begründungen: mangelnde Loyalität und fehlende Sozialkompetenz.

Das sind Vorwürfe, die jedem HR-Spezialisten die Haare zu Berg stehen lassen und die in der «richtigen Welt» firmenintern die Alarmglocken schrillen lassen. Denn das sind happige Fehlleistungen einer Angestellten, die eine Untersuchung der internen Abläufe und Stimmungen nötig machen. Wer will schon mit Zweifeln an der Loyalität seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konfrontiert sein? Da ist doch eigentlich schon bei der Rekrutierung einiges schief gelaufen, was wiederum kein gutes Licht auf die Vorgesetzten wirft.

Sei’s drum, Nichtbeteiligte können das scheinbare «Vergehen» nicht nachprüfen. Und es ist ja auch nicht so, dass im ehrenamtlichen Umfeld die gleichen Massstäbe wie in einem börsenkotierten Grossunternehmen anzusetzen sind. Aber es betrifft halt trotzdem ein Geschäft, das einen nicht zu unterschätzenden Umsatz ausweist. Beim offenen Streit wird Aussage gegen Aussage sein. Störend am Vorfall ist neben der Tatsache, dass eine offenbar weitherum geschätzte Mitarbeiterin und Kollegin ohne Vorwarnung geschasst wurde, die Art und Weise der Nicht-Kommunikation.

Üblich ist im Arbeitsprozess eine Aussprache, eine offen angebrachte Rüge bis hin zu einer Verwarnung. Der Untergebenen ist in jedem Fall Gehör zu gewähren. Gerade um sieben Ecken herum kolportierte Unzulänglichkeiten erweisen sich im direkten Gespräch häufig als unhaltbar. Für diese Art der Kommunikation braucht es von beiden Seiten aber Offenheit und Rückgrat. Es ist in jedem Fall der richtige Weg, um Missverständnisse und Ärger zu vermeiden. Gerade beim Engagement von Freiwilligen wäre das das Mindeste an Anstand.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

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