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Bözingen

Von der Lochmühle bis zu den Drahtwerken

Ab 1347 betrieb die Wasserkraft der Schüss in Bözingen die sogenannte Lochmühle, wo 1622 eine Eisenschmiede eingerichtet wurde. 1634 wurde eine Drahtmühle angeschlossen. Der Grundstein zu den Vereinigten Drahtwerken war gelegt.

So sieht das Areal der ehemaligen Vereinigten Drahtwerke heute aus. copyright: Matthias Käser
  • Dossier

Sabine Kronenberg


Wasserkraft ist eine Energiequelle, von der man annimmt, dass sie bereits seit einigen 1000 Jahren genutzt wurde. Wasserschöpfräder, archimedische Pumpen und das Wasserrad begleiten die wirtschaftliche Entwicklung aller menschlichen Gemeinschaften. Auch in Biel betrieb die Wasserkraft der Schüss seit 1347 in Bözingen die sogenannte Lochmühle, die 1622 eine Eisenschmiede betrieb. Die Wasserkraft hämmerte unermüdlicher als ein Schmied. 1634 wurde in der Lochmühle eine Drahtmühle angeschlossen. Die Wasserkraft war die Energiebringerin für die enormen Zugkräfte, die notwendig waren, um aus dem Rohmaterial Metall Drähte zu «ziehen». In der Herstellung von Draht wird dabei unterschieden zwischen der Herstellung durch Kaltziehen oder dem sogenannten Walzen. Beim Kaltziehen werden die groben Metallstücke durch ein Zieheisen oder einen Ziehstein gezogen. Beim Walzen werden die Drähte durch Walzen gepresst und so in die Länge gezogen. Die Herstellung der langen Metallstücke wurden ursprünglich noch durch Schmieden erstellt, heute wird dieser grobe, noch unfertige Draht ebenfalls bereits durch Walzen hergestellt. Das Ziehen der Drähte war vor den Drahtwerken wie das Schmieden auch eine Handwerksarbeit. Der Drahtzieher war dabei manchmal unterstützt von Zugtieren, in aller Regel zog er die Drähte allerdings von Hand. Das Aufkommen der Drahtwerke stellte somit eine Innovation dar.


Drei Industrieanlagen
Das «Lochmühlen»-Unternehmen war sehr erfolgreich und unterhielt damals Beziehungen bis ins Ausland, nach Lyon. Ein zweiter Drahtzug nahm 1852 in Biel seinen Betrieb auf. Aus der Fusion des Betriebs mit dem Drahtzug in Biel-Madretsch entstanden 1914 die Vereinigten Drahtwerke Biel AG, die an drei Industrieanlagen in Biel eine Vielzahl von Draht- und verwandten Metall-Produkten herstellten. Während der Kriegsjahre erlangten die Vereinigten Drahtwerke eine gewisse Bedeutung. Da der Handel mit den Alliierten stark erschwert war, gingen 1940-1942 rund 45 Prozent aller Exportgüter an Deutschland und Italien. Den grössten Anteil daran hatten Präzisionsinstrumente, Fahrzeuge und chemische Produkte sowie (Werkzeug-) Maschinen, Motoren und weitere Erzeugnisse aus Eisen und Stahl und somit Produkte aus den Drahtwerken Biels. Die Vereinigten Drahtwerke Biel AG wurden 1987 unter der Zurmont Finanz AG umstrukturiert, denn die Drahtproduktion war zusehends in der Krise. Die mechanische Herstellung von Drähten wurde von der seriellen Massenproduktion abgelöst. Zwar produzierte das Drahtwerk am unteren Holunderweg noch bis 1990 Stahlseile, jedoch wurde der zu dem Zeitpunkt DT benannte Betrieb (D für Drahtwerke und T für die französische Übersetzung Tréfilerie) dann definitiv eingestellt. Das Unternehmen ist heute eine Finanz- und Immobiliengesellschaft, die 2001 mit der Espace Real Estate AG fusionierte. Und die DT existiert noch im Namen der DT Swiss AG, die immer noch mit Drähten zu tun haben, allerdings handelt es sich dabei um Velospeichen.
Bevor die Drahtwerke in Bözingen zu Wohn- und Wirtschaftsgebäuden umfunktioniert wurden, war die Tréfilerie lange Zeit ein Ort alternativer Kulturformen. Es gab Konzerte und Ausstellungen. Und in der Tréfilerie fand sogar ein kleines Unternehmen für Klettergriffe seinen Platz.
Übrigens wurde auch das Gebäude des Drahtwerks am unteren Holunderweg nach Einstellen des Betriebs 1990 zur Industriebrache. In den grossen Räumen fanden zunächst verschiedene Handwerker-, Grafiker- und Künstlerateliers Platz. Als es dann Ende der 2000er-Jahre ein Abbruchobjekt war, waren zuletzt die X-Bros dort einquartiert.


Graffitis am Abbruchobjekt
Die X-Bros sind eine Gruppierung Freiwilliger, die selbst viele kreative Graffitis in den ehemaligen Drahtwerken sprayten, aber auch bis heute Schulungen mit Jugendlichen durchführen, die das Sprayen lernen wollen. Die X-Bros bringen den jungen Kreativen dabei auch immer den Ehrenkodex bei: Wandschmierereien sind tabu – wenn man ein Graffiti übersprayt, muss das neue Bild mindestens so gut, wenn nicht besser als das alte Bild sein. Als die Wohnüberbauung bei den Drahtwerken kurz bevorstand, fragten die X-Bros bei der HG Commerciale an, ob sie die Wand am oberen Holunderweg als neues Tummelfeld nutzen könnten. Die HG Commerciale gab die Wand frei und dort ist eine der beiden längsten legalen Graffitiwände der Stadt Biel entstanden (die andere ist um die Baustellen neben und hinter der Esplanade zu bewundern). Die Wandbemalung wurde – wie in der Sprayer-Szene üblich – während einer so genannten Jam gesprayt: Aus der ganzen Schweiz pilgerten bekannte und begabte Sprayer nach Biel und malten an einem gemeinsamen Anlass ihre Bilder. Für ein Graffiti von 25 Quadratmeter werden etwa 1000 Dosen Farbe aufgewendet. Am oberen Holunderweg haben rund 20 Personen ihre Bilder umgesetzt. Eine von ihnen ist RosieOne, die ein schönes Selbstporträt angefertigt hat. Vielleicht wird es noch lange zu bewundern sein. Vielleicht auch nicht, denn die Wand ist in stetem Wandel. Jams finden immer wieder statt und die Graffitis werden immer mal wieder übermalt. Aber dann eben gemäss dem Ehrenkodex mit dem Anspruch, möglichst besser als das Übersprayte zu sein.

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