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Corona-Blog

Virale Poesie

Die Coronaepidemie mag zwar gnädig abklingen. Doch das damit verbundene dichterische Schaffen nimmt jetzt erst pandemische Ausmasse an. Denn in wochenlangem Lockdown liefen verkannte Literaten aller Landesteile zu Höchstform auf.

Symbolbild Keystone
  • Dossier

Matthias Knecht, Blattmacher

Sie decken ihre lokalen Zeitungen mit moraldurchweichten Mahnworten ein. Auch das «Bieler Tagblatt» ist beliebter Adressat solcher Seuchenliteratur. Doch gebührt der erste Platz in dieser Disziplin dem «Anzeiger von Saanen», mit der kürzlichen Publikation eines Coronagedichtes in homerischem Umfang. Hier die zentralen Verse: Such, Menschlein, die Corona-Spur / in der geschändeten Natur! / Wirst du weiter sie entehren, / werden Seuchen sich noch mehren!

Klare Symptome einer poetischen Infektion zeigte diese Woche auch der Bundesrat, als er die ersten grossen Lockerungsschritte bekannt gab: «Die Schweiz ist aufgeblüht», flötete Präsidentin Simonetta Sommaruga in die Kameras. Ich malte mir bei der Live-Übertragung aus dem Bundeshaus aus, wie der späte Frühling das Corona-Absperrband wieder flattern lässt durch die Lüfte. Doch da legte Coronaminister Alain Berset bereits literarisch nach: In epischen Sätzen erläuterte er, wie wir künftig spielend den Zweimeterabstand einhalten, auch wenn wir gerade Enkelkinder hüten oder Rugby spielen. Niemand wusste, wie das gehen soll und wie das jetzt gemeint war. Damit erfüllten Bersets verbale Improvisationen alle Merkmale grosser Poesie.

Seit jeher beflügeln ja gemeingefährliche Viren das dichterische Schaffen. Als früher Wegbereiter der Coronapoesie darf der deutsche Dichter Christian Morgenstern gelten (1871-1914). Er hinterliess uns folgende virusrelevanten Verse: Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, / auf dass er sich ein Opfer fasse / – und stürzt alsbald mit grossem Grimm / auf einen Menschen namens Schrimm. / Paul Schrimm erwidert prompt: «Pitschü!» / und hat ihn drauf bis Montag früh.

Damit geht es zum Happy End. Seuchenliteratur muss nämlich nicht immer tragisch sein. Eine Freundin erzählte mir gerade freudestrahlend, wie aus einem poetischen Online-Kontakt eine reale Liebe wurde. In den finstersten Wochen des Lockdowns warb demnach ein Schweizer mit Gedichten um sie. Die Macht des Minnesangs brachte sie näher. Die Social Distance wurde kleiner. Geschehen um sie war es – so erzählte sie mir –, als er schrieb: Wir beide sind so cool und nett / uns stoppt kein Covid-Schutzkonzept.

Die beiden sind heute ein Paar. Ganz analog.

mknecht@bielertagblatt.ch

Stichwörter: Coronablog, Literatur, Poesie

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