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„Krawattenzwang“

Überschreiten von Verkehrsregeln – ja, ich bin schuldig

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Überschreiten von Verkehrsregeln – ja, ich bin schuldig.

Krawattenzwang: Bernhard Rentsch
  • Dossier

Einige Gedanken zum Verhalten von uns allen im Strassenverkehr, zu selbsternannten Polizisten und einem Geständnis: Ja, ich habe mich am Sonntagmorgen strafbar verhalten.

Das kam so: Beim Joggen am Sonntagmorgen musste ich eine Hauptstrasse überqueren. Und ja: Ich habe dies knapp neben einem Fussgängerstreifen getan. Ich habe die um diese Zeit nur schwach befahrene Strasse hinter einem durchfahrenden Auto überquert – in der Meinung, dass so für dieses ein Abbremsen gar nicht nötig sei. Die Fahrerin hat mir dann mit heftiger Gestik signalisiert, was ich doch für einer bin. Sie hatte natürlich Recht, ich bin grundsätzlich im Fehler. Ich fühle mich aber dennoch nicht schlecht dabei.

Zwei Gedanken dazu. Ich freue mich, in einem Land zu leben, wo Recht und Ordnung herrschen – die gute Organisation und die entsprechend hohen Sicherheitsstandards sind wertvoll. Dass aber gleich jede und jeder als selbsternannter Polizist auftreten will, geht mir zuweilen ziemlich auf den Geist. Insbesondere in Situationen, in der in keiner Weise ein gefährliches Verhalten vorliegt. Dabei muss ich mich dann jeweils zusammenreissen, um nicht unanständig zu reagieren. Die genannte Fahrerin – dem Nummernschild zu entnehmen nicht aus der Region und deshalb wohl kaum Leserin dieser Gedanken – hat "nur" ein Lächeln meinerseits kassiert und dürfte sich rasch vom ungehobelten Jogger erholt haben.

Selbstkritisch oute ich vor allem die Ü-50-Generation als Pedanten im Strassenverkehr. Die Neulenker werden viel besser auf wechselnde Situationen geschult. Sie reagieren entsprechend cooler. Die Szene vor dem Fussgängerstreifen, der vom Jogger nicht benutzt wird und ein Abbremsen entsprechend nicht nötig macht, wird im Kapitel "ökologisches Fahren" sogar positiv beurteilt: Man kann ruhig im 4. oder 5. Gang bei 1500 Umdrehungen auf dem Tourenzähler weiterrollen und so den Energieverbrauch drosseln.

So kann man es auch sehen.

Ich persönlich halte mich an eine Empfehlung eines früheren Uni-Professors, der uns die Weisheit von "ISSV" beigebracht hat: individuell-sinnvoll-situativ-variabel. Recht kompliziert – aber in viele Situationen sehr hilfreich. Analysieren Sie mal Ihr tägliches Verhalten nach diesem Grundsatz. Es nützt.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

 

Kommentare

Biennensis

Meine bevorzugten Fortbewegungsmittel sind in erster Linie meine Füsse, zweitens mein Velo und drittens mein Auto. Als Autofahrer halte ich mich strickt an die Budget-Version (Verkehrsregeln). Als Velofahrer hab ich schon eher den "Vorteil" (keine Nummer), unsinnige Rotlichter zu "durchfahren" und als Fussgänger ist eigentlich "alles" erlaubt, sofern man den vortrittsberechtigten Verkehr beachtet und respektiert. Frage: Warum soll ich an einem Fussgängerstreifen stehenbleiben, den Halteknopf betätigen, wo ausser meiner Wenigkeit kein Verkehr ist? Und warum soll ich bei der gleichen Situation den Knopf betätigen, warten, warten usw.... und wenn ich einmal GRÜN habe, sieht die neue "Verkehrsituation" unnötig das Rotlicht - das ergibt doch keinen Sinn?! PS: Sehr geehrter Herr Rentsch: Der gute Boezinger kann nichts dafür, er ist einfach so...


Boezinger

Eines ist sicher: ein eigener Blog ist bestimmt günsitger als ein Psychiater...


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