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Kennzahlenbericht

Sozialhilfequote stabiler als befürchtet

In Biel ist die Sozialhilfequote 2016 um 0,2 Prozentpunkte auf 11,8 Prozent gestiegen. Trotzdem zeigt sich der Sozialdirektor vorsichtig optimistisch: «Aufgrund der Voraussetzungen müsste die Entwicklung schlechter sein», sagt er.

Beat Feurer (in der Mitte) präsentiert die Sozialhilfezahlen 2016 der Stadt Biel. copyright:matthiaskäser/bielertagblatt
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Lino Schaeren


Die «Städteinitiative Schweiz» hat gestern den Kennzahlenbericht 2016 zur Sozialhilfe vorgestellt.  Der Bericht vergleicht die Sozialhilfequote von 14 Schweizer Städten. Aus dem Papier geht hervor: Die Sozialhilfequote stieg in der Stadt Biel im vergangenen Jahr erneut leicht an. Sie lag Ende 2016 bei 11,8 Prozent, was einer Zunahme gegenüber dem Vorjahr von 0,2 Prozent entspricht. Die Quote stagniert also weiter, nachdem sie bereits 2015 nur um minime 0,1 Prozent angestiegen war.
Biels Sozialdirektor Beat Feurer (SVP) wertet die Zahlen mit Blick auf das gute Abschneiden im Vergleich mit den anderen am Vergleich teilnehmenden Städten zwar grundsätzlich als Erfolg, trotzdem äusserte er sich bei der gestrigen Präsentation der Zahlen sehr zurückhaltend. «Aufgrund der ungünstigen Voraussetzungen für die Stadt Biel müsste die Entwicklung bei der Sozialhilfequote eigentlich viel schlechter sein», sagte Feurer. Dies führe dazu, vorsichtig zu sein, Freudensprünge seien sicher nicht angebracht.


Biel einsam an der Spitze
Wenn Feurer von Voraussetzungen spricht, dann meint er etwa die Arbeitslosenquote, die sich 2016 schweizweit wegen des wirtschaftlichen Umfelds und des starken Frankens erhöhte. In Biel stieg sie im Schnitt auf sechs Prozent. Gleichzeitig verweist der Sozialdirektor auf die Quote der Ausgesteuerten, die in Biel ebenfalls vergleichsweise hoch ist. «Das gute Abschneiden Biels lässt sich also nicht mit den strukturellen Veränderungen erklären.» Da die Stadt Biel zudem anders als andere Einwohnergemeinden keine städtischen Gelder für die Sozialhilfe aufwerfe, erachte er die Zahlen für das Jahr 2016 deshalb als Bestätigung für die gute Arbeit im Bieler Sozialdienst, so Feurer.
Denn bei der Fallentwicklung steht Biel, im Vergleich mit den anderen analysierten Städten, tatsächlich gut da. Während die Zahl der Dossiers in der Sozialhilfe in Biel im vergangenen Jahr «nur» um 2,5 Prozent gewachsen ist, liegt das Wachstum bei den Vergleichsstädten bei 5,2 Prozent. «Die beschlossenen Massnahmen in der Sozialhilfe scheinen langsam zu greifen», hielt Feurer fest.
Biel führt das Ranking der Städte, die sich an der Erhebung beteiligen, allerdings nach wie vor deutlich an. Dies nicht nur bei der Sozialhilfequote (Lausanne folgt mit 8,8 Prozent auf Rang zwei), sondern auch bei der Bezugsdauer. Diese liegt in Biel im Durchschnitt bei 56 Monaten, rund 37 Prozent der aktuellen Bezüger sind zudem bereits seit mehr als fünf Jahren von der Sozialhilfe abhängig. Die lange Bezugsdauer ist insofern problematisch, da erwiesen ist, dass die Rückkehr in den Arbeitsmarkt schwieriger wird, je länger eine Person von der Sozialhilfe lebt.
Wenn Feurer also von einem erfreulichen Resultat sprach, dann bezog er sich dabei alleine auf die Entwicklung im vergangenen Jahr. Das gute Abschneiden gegenüber den Vergleichsstädten sei dabei auf jene Massnahmen zurückzuführen, die im Zuge der Reorganisation der Abteilung Soziales beschlossen wurden. Die Neuorganisation wurde im Frühjahr 2015 lanciert und im Sommer 2016 für abgeschlossen erklärt. Dagegen haben die Kennzahlen 2016 nur einen sehr bedingten Zusammenhang mit der Schaffung von 14 Vollzeitstellen auf der Abteilung Soziales, die der Gemeinderat im Frühling des vergangenen Jahres beschlossen hatte, um die Sozialarbeiter im administrativen Bereich zu entlasten. Denn die durch den Lastenausgleich des Kantons finanzierten Stellen waren laut Thomas Michel, Leiter der Abteilung Soziales, erst Ende 2016 allesamt besetzt.


Integration im Vordergrund
Deshalb seien derzeit auch noch keine Aussagen zu den «messbaren und überprüfbaren Leistungszielen» möglich, so Michel. Der Gemeinderat hatte die ambitionierten Ziele an die Stellenschaffung geknüpft, so soll die Bieler Behörde in der Sozialhilfe künftig um fünf Prozent besser abschneiden als der kantonale Schnitt. Die Abteilung Soziales hat für die Zielerreichung Zeit bis Ende 2018, mit verlässlichen Resultaten sei deshalb erst 2019 zu rechnen, sagt der Abteilungsleiter.
Michel liess jedoch bereits durchblicken, dass er auch in den kommenden Jahren nicht von einem augenfälligen Rückgang bei der Sozialhilfequote ausgehe, auch wenn die politischen Ziele erreicht würden. «Damit die Quote in Biel nachhaltig sinkt, müsste sich entweder der Arbeitsmarkt massiv verändern oder aber Kanton und Bund mehr Subventionen sprechen für Arbeitsintegrationsmassnahmen», sagte er.
Dennoch: Der Bieler Sozialdienst versucht seit der Reorganisation vor allem im Bereich der Integration von Sozialhilfebezügern in den 1. Arbeitsmarkt vorwärtszumachen. Gestern wurde deshalb das Projekt Berufliche Integration von alleinerziehenden Müttern (BIM) vorgestellt. Dieses bereitet die Teilnehmerinnen mit Gruppen- und Einzelberatungen auf den Wiedereinstieg in die Berufswelt vor.
Durchgeführt wird das Projekt vom Informations- und Beratungszentrum Frac im Auftrag der Stadt Biel. Erstes Ziel sei nicht unbedingt, so Michel, dass die Teilnehmerinnen bereits in dieser Beratungsphase eine neue Stelle finden, vielmehr gehe es hauptsächlich darum, sie auf die folgenden Berufsintegrationsprogramme vorzubereiten; klare Perspektiven und Ziele sollen herausgearbeitet werden. Die Stadt Biel verlange neu, dass alleinerziehende Mütter, die von der Sozialhilfe abhängig sind, bereits viel früher am Programm teilnehmen, als dies noch im vergangenen Jahr der Fall gewesen sei, sagte Michel. Bislang seien Integrationsmassnahmen erst nach zwei bis vier Jahren angeordnet worden.


Die Hälfte bezieht Sozialhilfe
Dass die Stadt mehr in die berufliche Integration von Alleinerziehenden investiert (das Programm läuft seit Anfang Jahr), kommt nicht von ungefähr. Denn in Biel ist die Prozentzahl der Alleinerziehenden, die Sozialhilfe beziehen, bekanntlich sehr hoch. Sie machen immerhin fast 19 Prozent aller Sozialhilfebezüger aus (siehe auch Infografik). Im Kennzahlenbericht 2016 ist zudem festgehalten, dass in Biel jeder zweite alleinerziehende Haushalt von der Sozialhilfe abhängig ist. Das ist einsamer Spitzenwert.
Andrea Frommherz, Leiterin des Informations- und Beratungszentrums Frac, sagte, es sei wichtig, für alleinerziehende Mütter «frühzeitig die Weichen zu stellen», wolle man etwas daran ändern. Es gehe darum, sie auf die Kombination von Familien- und Erwerbsarbeit vorzubereiten. «Je früher, desto grösser sind die Chancen, zumindest zu einem Teil aus der Abhängigkeit herauszufinden.» Das Programm wurde bisher von rund 20 Frauen durchlaufen, die erzielten Erfolge, so Frommherz, würden das Programm legitimieren. Die Stadt sieht vor, dass künftig um die 50 Programmplätze jährlich zur Verfügung stehen.

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