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Sonntagsprogramm

Mauerpark Berlin: Menschenmassen, die 11 000 Quadratmeter Fläche durchströmen.

Caroline Moning hat sich mittlerweile an ihr neues Leben als Musikerin in Berlin gewöhnt. zvg
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Kenne ich, denke ich, und doch: Jeden Sonntag entdecke ich Neues, staune und lache, wenn ich die bunten Stände voller Leute und Waren durchquere. Das ist wohl einer der grössten, multikulturellsten Flohmärkte überhaupt. Touristen und Neugierige schieben sich durch die vollgestopften Händlerstände mit Chinaware, Trödel, Essen und Kunstgewerbe. Daneben Musikanten, Akrobaten und allerlei andere Künstler. Alle paar Meter musizieren Bands oder einzelne Strassenmusiker und ich gleite von einer Soundwolke in die nächste.

Die Plätze sind heiss begehrt. Wer spielen will, sollte sich um 9 Uhr einen Platz sichern, obwohl er frühestens ab 11 Uhr spielen wird. Vorher lohnt es sich nicht. Die Regeln sind inoffiziell und werden von den «dienstältesten» Musikern mündlich geliefert. Einen Platz teilen sich etwa drei Parteien, die sich dann den ganzen Tag abwechseln. Je nach Grösse und Qualität des Lautsprechers, ob von einer Autobatterie betrieben oder ob nur eine 9-Volt-Batterie den Saft liefert, hat man die Chance, gehört oder übertönt zu werden. Drums sind führend, was die Anziehung der Menschenmassen angeht. Heute steht mitten auf der Wiese ein begnadeter Solodrummer, auf dem geräumigen Platz am Strassenrand eine vierköpfige Band, am Eingang eine super PA-Anlage, die von verschiedenen Musikern benutzt wird. Da bleibt für mich nur am Ende des Weges ein freier Platz. Dort spiele ich, mit Gitarre und Loopstation über einen Roland Cube Street EX Verstärker.

Ich bin nicht laut, doch für mich ist’s okay. Leute ziehen vorbei, schauen, hören kurz, bis plötzlich sechs Jugendliche einen Kreis um mich bilden. Mein Lächeln wird von ihnen leider nicht erwidert. Stattdessen hüpft beim einen ein kleiner brennender Ball von Hand zu Hand.

Provozierend jongliert er mit viel zu wenig Distanz. Ohne Respekt platziert sich ein anderer vor meinem Mikrofon, labert was und holt so Beifall von seinen Freunden. Ich spiele weiter die Gitarre, ratlos, was nun zu tun ist. Ich habe Angst um mein Equipment und um mich selbst. Mein Hund neben mir bellt aufgeregt. Die angespannte Situation hält einige endlose Minuten an. Dann steht plötzlich ein älterer Mann da und macht die Ansage, sie sollen aufhören, den Hund nervös zu machen.

Da zieht die Gruppe langsam ab. Verblüfft bleibe ich zurück und mache eine Spielpause. Grundsätzlich liebe ich Jugendliche. Und die Stimmung hier ist sonst so ausgelassen und fröhlich! Dass ich Opfer von dieser Belästigung wurde, passt einfach nicht in mein Bild vom Mauerparkflohmarkt. Gegen 17 Uhr wird die Strassenmusik langsam vom weltgrössten Karaoke im Amphitheater abgelöst. Die Stimmung ist bombastisch. Alle ausgewählten Sänger kriegen Beifall, die Meute tanzt, das Publikum ist begeistert.

Caroline Moning, Singer- und Songwriterin in Berlin

Stichwörter: Biel, Berlin, Ausgewandert, Sonntag

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