Sie sind hier

Abo

Biel

«Schulen sind im digitalen Mittelalter»

Selten ist sich das Stadtparlament bei einer solch hohen Summe so einig: Der Stadtrat genehmigt 
die Investition von 15 Millionen Franken in die Schulinformatik. Das letzte Wort hat aber das Volk.

Bild: Nico Kobel/a

Lino Schaeren

Wer über 4000 Tablets und Laptops sowie mehrere hundert Drucker anschaffen will, der muss tief in die Tasche greifen. Wenn dann noch Dinge wie der Aufbau eines sicheren Netzes und Stellenschaffungen dazukommen, geht das noch mehr ins Geld. Die 14,7 Millionen Franken, die nötig sind, um die Bieler Schulen endgültig ins digitale Zeitalter zu führen, seien denn auch kein Pappenstiel, hiess es gestern Abend im Bieler Stadtrat; von einem «grossen Brocken» und einer «stolzen Summe» war hüben wie drüben die Rede. Doch genehmigt wurde der Kredit letztlich ohne eine einzige Gegenstimme, was angesichts der Höhe der Investition und der finanziellen Lage der Stadt Biel durchaus als ungewöhnlich bezeichnet werden darf. Die grosse Einigkeit verdeutlichte aber auch die Wichtigkeit und vor allem die Dringlichkeit der Aufrüstung der Bieler Schulen. Lena Frank (Grüne) fasste ganz gut zusammen, was viele ihrer Ratskollegen bereits angesprochen hatten: «Die Bieler Schulen stecken noch im digitalen Mittelalter fest.»

Tatsächlich überprüft die städtische Informatik-Abteilung die schulischen Einrichtungen heute nur auf deren Sicherheit, die Systeme werden aber nicht durch sie installiert oder betrieben. Deshalb hatte Biels Finanzdirektorin Silvia Steidle (PRR) bereits vor der gestrigen Sitzung eingeräumt, dass man die Schulen beim Thema digitale Medien zu lange alleine gelassen habe (das BT berichtete). In Zukunft sollen nun die Fachleute übernehmen – damit sich die Lehrer wieder auf das Lehren konzentrieren können. Der Investitionszeitpunkt ist indes nicht zufällig gewählt: Die Stadt ist mit der Einführung des Lehrplans 21 unter Druck geraten, weil dieser Fächer und Lektionen vorsieht, die ohne entsprechende digitale Technologie im Schulzimmer gar nicht umgesetzt werden können.

 

Eine Chancenungleichheit

Etliche Parteien kritisierten deshalb im Stadtparlament zwar nicht die Höhe des Kredits, wohl aber den Zeitpunkt der Investition: «Dieses Geschäft hätte eigentlich längst realisiert werden müssen», sagte Martin Scherrer im Namen der Geschäftsprüfungskommission.

Der Gemeinderat hatte in seinem Bericht selber dargelegt, wie sehr Biel anderen Städten bei der Digitalisierung der Schulen hinterherhinkt; Biel führt nun erstmals ein umfassendes Schulinformatik-Projekt durch, während etwa Bern und Thun dabei sind, zum zweiten oder gar dritten Mal umfangreich in die Digitalisierung der Schulen zu investieren. Entsprechend wird die Ausrüstung von Biels Schulen mit Tablets und Laptops trotz grossem Aufwand vergleichsweise bescheiden ausfallen – fünf Klassen werden sich im Schnitt einen Gerätesatz teilen müssen, Bern will in diesem Jahr ein Verhältnis von zwei zu eins erreichen, in Zürich verfügt bereits heute jede Klasse über Geräte, die sie nicht teilen muss. Der digitale Rückstand der Bieler Schulen bringt eine Chancenungleichheit mit sich – der Umgang mit neuen Medien wird auch in der Berufswelt immer wichtiger, doch während in anderen Städten die Kinder und Jugendlichen systematisch darauf vorbereitet werden, ist der Umgang in Biel von Schule zu Schule unterschiedlich, je nachdem, wie technikaffin die Lehrer sind.

 

Elternrat schaltet sich ein

Es erstaunt deshalb nicht, dass die Stadträte vor der gestrigen Sitzung Post vom Gesamtelternrat der Bieler Schulen erhalten haben: In Biel sei der Zustand aus Sicht der Eltern unhaltbar, heisst es in dem Brief, der dem BT vorliegt, dieser müsse dringend und umfassend behoben werden. Der Stadtrat hat mit seiner Zustimmung ohne Gegenstimme seinen Willen dazu bekräftigt. Das letzte Wort wird allerdings das Stimmvolk haben, das Geschäft kommt am 19. Mai an die Urne.

Sagen auch die Stimmberechtigten Ja zum 15-Millionen-Kredit, sollen bereits am 20. Mai die Stelleninserate aufgeschaltet werden. Das hat Biels Informatikchef Michael Misteli versichert, denn seine Abteilung braucht neun neue Mitarbeiter für die Umsetzung des Projekts.

 

Klares Ja zur Gurzelen-Überbauung

Rund 400 neue Wohnungen sollen auf dem Gebiet des alten Gurzelen-Stadions entstehen – die Stadt plant, hier zu sehr grossen Teilen gemeinnützige Wohnbauträger investieren zu lassen. Der Stadtrat hat gestern die Änderung der baurechtlichen Grundordnung beschlossen, die das Projekt überhaupt erst ermöglicht. «Das ist ein Meilenstein für den gemeinnützigen Wohnungsbau», sagte Miro Meyer für die Fraktion SP/Juso. Denn: Die Wohnbaugenossenschaften wollen ihren Anteil am Wohnungsbestand in Biel bis 2035 auf 20 Prozent steigern, ein ambitioniertes Ziel, liegt dieser derzeit doch bei rund 14 Prozent und dürfte zuletzt wegen der regen Bautätigkeit auf Stadtgebiet sogar noch gesunken sein. Um ihr Ziel zu erreichen, müssen die Genossenschaften in den nächsten 15 Jahren 1800 Wohnungen bauen, die 400 Wohnungen auf der Gurzelen sind deshalb essenziell.

Christoph Grupp (Grüne) sagte deshalb, dass die Überbauung Gurzelen eine riesige Chance sei für die gemeinnützigen Wohnbauträger, aber eben auch eine grosse Aufgabe: Es gebe derzeit in Biel wohl keine Genossenschaft, so Grupp, die dieses Vorhaben finanzieren könnte, «keine hat das nötige Kleingeld in der Portokasse». Im Verein «Gurzelen plus» haben sich deshalb mehrere Genossenschaften zusammengeschlossen – und mit der Logis Suisse AG haben sie eine finanzstarke Partnerin mit Sitz in Baden gewinnen können, die denn auch den Lead bei der Planung des Projekts übernommen hat. Zwar wird das Land im Baurecht zu gegebener Zeit durch die Stadt noch ausgeschrieben, es ist jedoch nicht anzunehmen, dass es viele weitere genossenschaftliche Interessierte geben wird, die ein Projekt in dieser Grössenordnung stemmen könnten.

Stadtpräsident Erich Fehr (SP) hat gestern die Einzigartigkeit des Areals betont: Dieses liege genau im Zentrum der Stadt Biel und nicht etwa die Innenstadt, wie das oft angenommen werde. Die Gurzelen ist an der Schnittstelle zwischen Industrie und Wohnen gelegen und ist Teil eines Gebiets, das sich stark entwickelt hat und nach wie vor stark entwickelt: Die Schüssinsel und die Überbauung Jardin du Paradis wurden bereits fertiggestellt, Swatch und Omega haben ihre Neubauten kürzlich bezogen. Auf der Gurzelen sollen nun nicht nur zusätzliche Wohnungen hinzukommen, das Projekt sieht auch einen grossen öffentlichen Park vor, zur Überbauung gehört zudem auch der grosse Kiesplatz, der heute vor allem als Parkplatz genutzt wird.

Noch muss das Projekt allerdings einige Hürden nehmen – der Stadtrat hat gestern in einem ersten Schritt die bauliche Grundordnung ohne Gegenstimme durchgewinkt. Sagt am 19. Mai auch das Stimmvolk Ja, wird das Vorhaben in einer Überbauungsordnung weiter konkretisiert. lsg

 

Kultur-Leistungsverträge genehmigt

Rund 360 000 Franken mehr will der Gemeinderat in der Vertragsperiode 2020 bis 2023 an die Kulturinstitutionen mit Leistungsverträgen ausschütten. Profitieren würden davon nicht die grossen Subventionsempfänger, sondern vor allem die kleinen Kulturanbieter. Der Stadtrat hat dem gestern Abend zugestimmt und grundsätzlich die Bedeutung der städtischen Kultur betont. Die Fraktion SVP/Die Eidgenossen hatte allerdings eine Rückweisung des Geschäfts beantragt mit der Auflage, dass der Gemeinderat die Beiträge an die Kulturinstitutionen zwar neu verteilen könne, das Budget aber nicht erhöhen dürfe. Faktisch hätte das bedeutet, dass der Gemeinderat bei den grossen Anbietern wie dem Theater und Orchester Biel Solothurn (Tobs) hätte sparen müssen, wollte er kleinere mehr zum Zuge kommen lassen. Soweit kommt es aber nicht, denn der Antrag der SVP wurde vom Stadtrat mit klarer Mehrheit abgelehnt.

Kulturdirektor Cédric Némitz (PSR) begründete die Erhöhung des Budgets damit, dass die Ausgaben für Kultur zusammen mit der Bevölkerung wachsen müssten. Das Budget wurde in den letzten zehn Jahren nicht entscheidend erhöht, die Bevölkerung ist aber deutlich grösser geworden. Die Ausgaben bei den Leistungsverträgen jetzt um vier Prozent anzuheben, sei deshalb moderat. Das sah auch der Stadtrat so, er stimmte den Verträgen deutlich zu. Auch diese Vorlage kommt am 19. Mai an die Urne, das Stimmvolk befindet allerdings nur über die Verträge für das Tobs und die Stadtbibliothek.

Der grösste «Gewinner» bei den Leistungsverträgen wäre das zweisprachige Théâtre de la Grenouille, das von einer Beitragserhöhung von 300 000 Franken profitieren würde, wovon die Stadt Biel die Hälfte tragen müsste. Profitieren würden aber auch weitere Anbieter wie das Festival du Film Français d’Helvétie, das Le Singe oder der Bieler Chessu. lsg

Nachrichten zu Biel »