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Mittendrin

Schlimmstes Quartier
 der Schweiz

Die Welt gerät aus den Fugen, eine Katastrophe jagt die andere. Schwierig, hier noch den Überblick zu behalten.

Niklaus
 Baschung

In der Karibik wütet der grösste jemals gemessene Wirbelsturm biblischen Ausmasses, zerstört Urlaubsparadiese, treibt Millionen von Menschen in die Flucht. Im asiatischen Raum spielt ein idiotischer Diktator mit Atombomben, provoziert andere Atommächte zu Gegenreaktionen, deren Machthaber auch nicht mit ausgeprägter Geisteskraft gesegnet sind. Nirgendwo sind wir noch sicher. Die Moderatorin im Vorabendprogramm des Schweizer Fernsehens lässt sich mit der Sonderreporterin direkt im Krisengebiet verbinden, da ist es besonders schlimm. Vor allem scheint es viel Autoverkehr zu haben. Aber halt, wo befinden wir uns hier? Steht die Reporterin mit besorgter Miene nicht direkt vor dem Haus, in dem meine eigene Tochter wohnt, zusammen mit zwei liebenswürdigen Kolleginnen? Die Kamera schwenkt nun auf die andere Strassenseite und zoomt auf ein Schulhaus. Tatsächlich, das ist das Schulhaus an der Bieler Madretschstrasse. Es wird doch nicht, es darf doch nicht...

Die Sonderreporterin lässt einen Passanten zu Wort kommen. An dieser Strasse, so der interviewte Mann, ist während Tagen, vielleicht auch seit mehr als einer Woche – es ist nicht zu fassen – Sperrmüll herumgestanden. Der Mann scheint immer noch traumatisiert. Wo sonst in der Schweiz sind solche verbrecherischen Schandtaten möglich? Die Reporterin zeigt Mitgefühl. Es ist ein schweres Los, in diesem Quartier, in dieser Stadt leben zu müssen. Befinden wir uns hier überhaupt noch in der Schweiz?

Nun will es die Katastrophenreporterin genauer wissen. Wie leben die Menschen auf diesem Schandfleck der Zivilisation, wo in der nahen Moschee auch noch ein Hassprediger gegen Andersgläubige und Andersdenkende hetzt? Auf den Fernsehbildern ist nichts Furchterregendes zu entdecken, abgesehen vom massiven Autoverkehr. Die befragte Schulleiterin ist sympathisch, wirkt angesichts der Schulkinder aus vielen Nationen der Welt nicht allzu besorgt. Und ein junger Mann, der auch noch zu Wort kommt, erklärt doch tatsächlich ins Mikrofon: «Ich lebe sehr gerne hier.»

Wie meine Tochter, die in einem attraktiven Berufsfeld arbeitet, in dieser kürzlich renovierten Wohnung lebt, mit dem Fahrrad zur Arbeitsstelle fahren oder direkt vor dem Haus in den Stadtbus einsteigen kann. Seit kurzem lebt auch eine junge Katze, ein rothaariger Kater, im selben Apartment. Gefährlich könnte ihm in naher Zukunft der ohne Pause vorbeirauschende Autoverkehr werden. Bald werde die Strasse durch die neu eröffnete Stadtumfahrung entlastet, tröstet die Reporterin zum Abschluss ihrer Sendung.

Noch sicherer werden sich die Quartierbewohner an der Bieler Madretschstrasse fühlen, wenn das Schweizer Fernsehen sie nicht mit weiteren Reportagen heimsucht.

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