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Corona-Blog

Regenschirm im Foto-Equipment

2020 ist ein Jubiläumsjahr für mich, seit 1985 arbeite ich als Pressefotograf. Davon 27 Jahre für das Bieler Tagblatt. Vieles habe ich aus nächster Nähe erlebt: Bombendrohungen, Banküberfälle, Wildwest im Linde-Quartier. Cindy Crawford, zu Besuch am Baspo in Magglingen, zielte mit einer Armbrust in meine Richtung - ich habe alles überlebt.

Symbolbild: pixabay.com
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Die Coronakrise ist schon eine unvergleichliche Situation. Wir Fotografen sind hautnah dabei, an vorderster Front, Homeoffice funktioniert nur bedingt. Wir schützen uns, so gut es geht. Die Kamera vor dem Gesicht ist schon mal gut. Häufigerer Gebrauch des Teleobjektivs ist angesagt. Im Fotorucksack stets eine Magnum-Flasche Desinfektionsmittel und eine Schutzmaske. Diese ist bisher nicht zum Einsatz gekommen. Nach gefühlten 50 Unterrichtsstunden mit Fernseharzt Dr. Koch weiss ich: Das bringt nicht viel, aber nützt vielleicht nur ein bisschen. Besser ausweichen, ducken, wegdrehen, Distanz halten.

Irgendwo habe ich gelesen, das Virus verbreite sich auch über Aerosole in der Atemluft.

Da habe ich mir schon Gedanken gemacht, als ich mich beim Fototermin im engen Altbautreppenhaus am Musiker Bauch an Bauch vorbeiquetschen muss und dicht hinter ihm die steile Treppe in sein Dachzimmeratelier hochsteige: Sollte ich definitiv einen Regenschirm in mein Equipment aufnehmen?

Die Kommunikation beim Fototermin hat sich auch ein wenig geändert: Die blöden Fotografensprüche, die sonst immer gut funktionieren, entfallen bis auf Weiteres. Ein «Cheese» kommt mir in diesen Tagen nur schwer über die Lippen. Entgegen aller fotografischen Regeln werden mehrere zusammen abzulichtende Personen in Mindestdistanz von zwei Metern aufgereiht, was dann etwa so dynamisch gestaltet aussieht wie die Männchen im Fussball-Töggelikasten.

Auf dem Höhepunkt der Krise, während meiner täglichen Streifzüge als Desperado mit der Kamera im Anschlag durch die Corona-Provinz, fühlte ich mich manchmal schon recht einsam. Aber irgendwie auch gut, da ich Menschenansammlungen nicht so mag. Die Stunde der Sozialphobiker und Misanthropen.

Inzwischen sind wieder mehr Menschen unterwegs, es sind weniger versteinerte Gesichter zu sehen. Irgendwie gefällt mir das doch besser so.

Peter Samuel Jaggi, Cheffotograf

psjaggi@bielertagblatt.ch

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