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Biel/Nidau

Plädoyer für ein Quartier, das noch keines ist

Die Fachgruppe Dencity der Berner Fachhochschule hat die Menschen zum Entwicklungsgebiet zwischen Bahnhof, See
und Nidauer Altstadt befragt. Das Bedürfnis nach Mitgestaltung ist gross, lautet eines der Resultate. Nun bräuchte es greifbare Strukturen.

Marco Ryter und Simon Gilgen, Bild: lsg

Tobias Graden

Für Marco Ryter ist der Fall klar: «Dieses Quartier ist eine Rosine, das gibts in der ganzen Schweiz kein zweites Mal. Und es enthält die beste Brache der Schweiz, mit Seeanstoss und zentraler Lage.»

Dieses Quartier? Es existiert noch gar nicht. Es entsteht erst. Es hat noch nicht mal einen Namen. Ryter meint das Gebiet, das sich vom Bieler Bahnhof über den Walserplatz bis ans Ende der Altstadt von Nidau erstreckt, im Nordwesten von der Schüssmündung und im Südosten durch den Lauf der Zihl begrenzt wird.

 

Menschen wollen mitgestalten

Marco Ryter ist Nidauer, Architekt und hat bis vor Kurzem den Kompetenzbereich Urbane Entwicklung und Mobilität der Berner Fachhochschule geleitet, der sich kurz Dencity nennt. Seit ein paar Tagen ist Ryter pensioniert, was keineswegs heisst, dass ihn die künftige Entwicklung in Biel und Nidau kalt lässt. Der Architekt Simon Gilgen leitet das Projekt «Nutzungskoordination Biel/ Bienne-Nidau». Die beiden haben viele Ideen, was sich in besagtem Perimeter alles realisieren liesse.

Damit aber ein Perimeter zu einem Quartier wird, muss es als solches wahrgenommen, empfunden werden. Dafür sorgen nicht Konzepte von Experten und Stadtoberen, sondern Ideen von unten, aus der Bevölkerung. Dencity hat darum während der Ausstellung «Biel/Nidau: Aufbruch zwischen Stadt und See» auf dem Walserplatz Ende März eine Befragung durchgeführt. Diese ist nicht repräsentativ, hat durch die relativ hohe Zahl von 150 Teilnehmern gleichwohl eine gewisse Aussagekraft. «Das Interesse der Menschen ist da», konstatiert Ryter. Klar ist durch die Umfrage aber vor allem geworden, dass noch vieles unklar ist. «Der heutige Perimeter wird nicht als ein Quartier wahrgenommen», lautet einer der Schlüsse der Umfrage – ebenso bestehe aber das Bedürfnis, «dass das Gebiet in Zukunft als Quartier gesehen wird». Die Menschen haben zudem deutlich den Wunsch geäussert, die Quartierentwicklung mitgestalten zu können. «Viele Menschen haben es sehr geschätzt, an der Ausstellung auf dem Walserplatz Ansprechpersonen vorzufinden», sagt Ryter.

 

Gesucht: Ein Name

Noch ist unklar, wie das Quartier überhaupt heissen soll. Die künftige Überbauung Agglolac wird zwar ein wichtiger Teil des Gebiets sein, ist aber beileibe nicht der einzige und wird in der Umfrage nur vereinzelt genannt. Ebenso kursieren Namen wie «Côté Lac», «Barkenhafenquartier», «Quartier der Vielfalt» oder «Innovationsquartier». Ryter und Gilgen plädieren für einen stimmigen und mehrheitsfähigen Quartiernamen. Dieser soll in einem partizipativen Prozess entstehen. Dencity könne diesen Prozess, der geraume Zeit in Anspruch nehmen dürfte, unterstützen.

Mit dem Namen alleine ist es aber nicht getan. Ebenso hat die Umfrage Bedürfnisse und Ansprüche an das künftige Quartier identifiziert. «Das Quartier braucht (...) auch ein Gesicht, eine Identität und nicht zuletzt auch den Willen und die Unterstützung der Städte», heisst es darum in den Schlussfolgerungen zur Umfrage. Dass dies mittelfri stig auch strukturpolitische Fragen nach sich zieht, scheint logisch. Dencity versteht sich zwar keineswegs als Kraft, die auf eine Fusion von Biel und Nidau hinwirkt, jedoch bildet das künftige Quartier sozusagen die natürliche Schnittmenge zwischen den beiden Städten, und dies wird auch von den Teilnehmern der Umfrage so wahrgenommen. Auf die Frage, zu welchem Gebiet der Perimeter als zugehörig empfunden werde, antwortete die überwiegende Mehrheit: «Zu den beiden Städten Nidau und Biel.»

 

Ein Hub für Post-Drohnen ...

Abseits von Planspielen, Zukunftsvisionen und noch abstrakt klingenden Aneignungsprozessen haben sich unter Mithilfe von Dencity bereits zumindest informelle Strukturen herausgebildet, die eine Quartierentwicklung von unten begünstigen können. Die Fachgruppe hat besagte Nutzungskoordination initiiert, in der alle relevanten Akteure im Perimeter wie auch die Städte Biel und Nidau vertreten sind. Diese hat unter anderem zum Ziel, vorhandene und künftige Ressourcen möglichst gemeinsam und effizient zu nutzen. Ein Thema ist beispielsweise die Parkplatzbewirtschaftung: «Man könnte ein zentrales System installieren und dieses über eine App nutzen», sagt Simon Gilgen, «Coop könnte dann über die Feiertage die Parkplätze allen Nutzern zur Verfügung stellen.»

Die Gruppe hat ursprünglich 
58 Themen benannt, diese dann auf 23 kondensiert und sie in sieben Überthemen eingeteilt: Betrieb, Infrastruktur, Dienstleistungen, Energie, Mobilität, öffentlicher Raum und Neubauprojekte. Ryter und Gilgen spinnen Gedanken für die Zukunft: «Es werden 10 000 Menschen in diesem Quartier wohnen, arbeiten, leben», sagt Ryter, «zwischen Campus und Agglolac liesse sich ein Quartier-Hub bilden: Ein Zentrum, wo die autonomen Busse starten, wo es Parkplätze gibt, wo die Drohnen der Post stationiert sind.» Gilgen ergänzt: «Warum soll sich aus diesem Gebiet nicht ein Quartier entwickeln, das in die Zukunft weist?»

 

... und ein Pavillon am Platz?

Möglich wäre, dass die bereits bestehende IG Walserplatz sich für weitere Teilnehmer öffnet und solche Ideen weiterspinnt. Die Teilhabe ist auch mehrfach abgestuft denkbar, und wie solche öffentlichen Plattformen im virtuellen Raum aussehen können, testet die Post derzeit in der Region mit dem Dienst «My Local Services» (vgl. BT vom letzten Freitag).

Ryter und Gilgen sind aber der Meinung, dass es eine fixe Organisation bräuchte, die über ein Budget verfügt und der eine Identifikationsfigur vorsteht – so würde die Quartierentwicklung für die Menschen fassbarer. Diese Organisation oder Plattform soll auch räumlich greifbar sein: Ähnlich dem Humboldtforum vor dem Berliner Stadtschloss schlagen Ryter und Gilgen einen Infopavillon am Walserplatz vor, beispielsweise zwischen den Baustellen von Campus und Innovationspark. Denn, so wiederholt es Marco Ryter: «Das Interesse der Menschen ist da!»

www.dencity.ch

Stichwörter: Biel, Nidau, Quartier, Bahnhof, See

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