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Biel

Nie laufen Solarien so heiss wie jetzt

Kaum scheint die Sonne, sind die Liegewiesen mit sonnenbadenden Menschen gefüllt. Doch nicht alle zieht es nach draussen: In den Sommermonaten sind die Solarien in Biel am besten besucht. Warum?

Das Solarium Osolemio am Neumarktplatz verzeichnet in den Sommermonaten den besten Umsatz des Jahres. Copyright: Peter Samuel Jaggi/Bieler Tagblatt
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Esthy Rüdiger

Die perfekte Sommerbräune ist nur 15 Minuten weit weg. Neun Kabinen, aus denen Ferien-Popmusik und Neonlicht strömt, laden zur bequemen Wunsch-Bräune ein. Die Uhr an der Wand zeigt kurz vor 9 Uhr an, noch ist es ruhig im Solarium-Studio am Neumarkt-Platz. Eine junge Frau* betritt das Studio, geht zielstrebig zur Kabine acht – zum Programm «Megasun 6800».

Eine Anfängerin ist sie nicht. Sie liege je nach Bräune etwa einmal wöchentlich 15 Minuten auf der Sonnenbank, wie ihr südländisch brauner Teint bezeugt. Im Sommer, gerade jetzt in der Festivalsaison, wolle man schliesslich nicht bleich daher kommen. «Dafür nutze ich keinen Selbstbräuner», beteuert sie. Sie finde es zu aufwendig, vor oder nach der Arbeit noch in die Sonne zu liegen, zumal sie jeweils spät Feierabend habe. «Das Solarium ist unkompliziert. Statt einen Tag an der Sonne liegt man eben eine Viertelstunde hier.»

Nachfrage in der Stadt grösser

Die junge Dame ist keine Ausnahme, wie Jacqueline Schreiber, die Betreiberin des Studios Osolemio am Neumarktplatz, bestätigt. Sie und ihr Mann führen neben zwei Studios in Biel zwölf weitere Solarium-Betriebe in der ganzen Schweiz. Im Sommer seien diese sehr viel beliebter als im Winter. «Mai, Juni und Juli sind unsere umsatzstärksten Monate im ganzen Jahr», sagt Schreiber.

Womöglich legen die Leute anfangs Sommer und auf die Ferien hin am meisten Wert auf eine gesunde Bräune, mutmasst sie. In den Nachsommer-Monaten flache die Nachfrage stark ab, ehe die Sonnenstudios im Dezember vor Weihnachten wieder ein Hoch erleben.

In Biel, sagt Jacqueline Schreiber, sei der Andrang grösser als auf dem Land. «Die Leute haben womöglich weniger Gelegenheit, imeigenen Garten an die Sonne zu liegen.»

Auch bei Ursula Wingeyer, Geschäftsführerin von Mega Sun Beauty in Biel, häufe sich jeweils vor den Sommerferien die Zahl jener, die zum «vorbräunen»kommen. Anders als Osolemio arbeitet sie jedoch auch im therapeutischen Bereich und zählt deshalb das ganze Jahr über eine hohe Zahl an Stammkunden fernab des kosmetischen Bereichs.

Über die 20 Jahre gesehen, in denen das Ehepaar Schreiber von Osolemio bereits im Solarium-Geschäft tätig ist, habe es nach einem «Riesentrend» der ersten Jahre einen Rückgang gegeben – «wegen der vielen Negativberichte», vermutet Jacqueline Schreiber. Seit einigen Jahren sei die Nachfrage aber wieder steigend.

Sie selbst ist von der Solarium-Bräune überzeugt. Seit 20 Jahren meide sie die Sonne, gehe dafür einmal pro Woche eine halbe Stunde ins Solarium. Dies sei schliesslich viel angenehmer:«Es ist klimatisiert, man schwitzt nicht und erhält die auf den eigenen Hauttyp zugeschnittene Bestrahlung.»

«Es gibt keine gesunde Bräune»

Nebst einer gesunden Bräune verspricht die Betreiberin von Osolemio auf ihrer Webseite unter anderem einen «positiven Effekt auf Herz- und Kreislaufverhalten», eine Senkung des Cholesterinspiegels, eine Stärkung des Immunsystems und gar «Linderung von Depressionen».

Andrea Hysek, Dermatologin in Biel, steht solchen Aussagen äusserst kritisch gegenüber. «Natürlich braucht ein Mensch Tageslicht», räumt sie ein. Es komme nicht von ungefähr, dass Depressionen gerade in den nördlichen Breitengraden während der dunklen Wintermonate gehäuft aufträten.

Dennoch empfiehlt sie, während der Wintermonate lieber sonnengeschützt an die frische Luft zu gehen, als sich unter eine Sonnenbank zu legen (siehe Interview). Einen positiven Effekt auf Herz- und Kreislaufverhalten sowie eine Senkung des Cholesterinspiegels kann Hysek nicht bestätigen: «Hierfür gibt es meines Wissens keine soliden Studien, die dies klar belegen.» Sie zitiert an dieser Stelle Professor Stephan Lautenschlager, Chefarzt des Zürcher Triemlispitals:«Es gibt keine gesunde Bräune», genau so wie es keine gesunde Zigarette gebe.

Vitamin D spielt eine zentrale Rolle beim Knochenaufbau und ist vermutlich auch bei der Funktion von Muskulatur, Immun- und Nervensystem beteiligt. Der Körper braucht UV-Stahlen, um Vitamin D herstellen zu können.

Damit werben auch Solarien wie das Osolemio. Insbesondere im Winter könne ein Mangel an Vitamin D auftreten. Andrea Hysek bestätigt dies, fügt aber an:«Um Vitamin D herstellen zu können, braucht es UV-B-Strahlen, die in Solarien praktisch nicht verwendet werden. Hinzu kommt, dass man Vitamin D für fünf Franken auch in einem Fläschchen in der Apotheke kaufen kann. Dafür muss man seine Haut nicht schädigender Strahlung aussetzen.» Hysek selbst besuchte noch nie ein Solarium. «Und ich würde auch allen Patienten davon abraten.»

Keine Zeit für die Sonne

Es ist kurz nach 9 Uhr. Inzwischen sind drei der neun Kabinen besetzt. Ein Herr,* stark gebräunte Haut und grau melierte, nach hinten gekämmte Haare, betritt das Studio. Zweimal pro Woche komme er für eine Viertelstunde hierher, um seinen Teint frisch zu halten – auch im Sommer. Für die Sonne hat er keine Zeit, sagt er, schliesslich arbeite er 15 bis 18 Stunden. Er eilt sogleich ins Studio vier – «Avangarde 600» heisst sein Programm.

 *Namen der Reaktion bekannt


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Was UV-Strahlung mit der Haut macht

Im Solarium wird die Haut je nach Typ während 8 und 20 Minuten UV-Strahlung ausgesetzt.

Während UV-A-Strahlung die Haut schnell bräunt, verdickt die UV-B-Strahlung die oberste Hautschicht und erhöht damit den Schutz.

Nicht alle Studios verfügen über Solarien mit UV-B-Strahlung.

UV-Strahlung regt im Körper die Produktion von Vitamin D3 an, welches unter anderem die Muskulatur und das Immunsystem stärkt.

UV-Strahlung schädigt jedoch auch die Zellen, was zu Hautkrebs führen kann.


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«Würde jedem abraten»

Laut der Bieler Dermatologin Andrea Hysek gibt es aus dermatologischer Sicht keinen Grund, der den Besuch im Solarium rechtfertigt.

Andrea Hysek, ist das Solarium bei der richtigen Anwendung tatsächlich gesünder als in der prallen Sonne zu liegen?
Andrea Hysek: Ich rate von beidem ab. Bräunung ist das Resultat von Schädigung von Hautzellen. Immer wiederkehrender Schaden von Hautzellen durch  UV-Strahlung zerstört die elastischen Fasern in unserer Haut, was zu vorzeitiger Hautalterung führt, und erhöht das Risiko von Hautkrebs. An dieser Stelle zitiere ich gerne Professor Stephan Lautenschlager, Chefarzt am Dermatologischen Abmulatorium des Stadtspitals Triemli: «Es gibt keine gesunde Bräune». Bei den Solarien kommt erschwerend hinzu, dass viele lediglich über eine UV-A-Strahlung verfügen, die schnell bräunt, nicht aber über UV-B-Strahlung, sodass die Haut keinen natürlichen Schutz aufbaut, wie das in der Natur üblich ist. Viele wähnen sich deshalb in einer falschen Sicherheit.

Manche Betreiber argumentieren mit der Vitamin-D-Produktion, die angeregt wird.
Das ist ein Trugschluss. Um Vitamin D zu synthetisieren braucht es UV-B-Strahlen, welche kaum in Solarien verwendet werden. Vitamin D kann man auch in der Apotheke im Fläschchen kaufen, dafür muss man seine Haut nicht schädigender Strahlung aussetzen. Ich empfehle bei einem Verdacht auf einen Vitamin-D-Mangel, sich an seinen Arzt zu wenden.

UV-Strahlung wird aber auch in der Medizin angewendet.
Tatsächlich kann UV-B entzündungshemmend sein, weshalb es etwa bei schweren Fällen von Schuppenflechte oder Neurodermitis angewendet wird. Dabei gilt jedoch der Grundsatz:So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ausserdem handelt es sich dabei um medizinische Geräte und nicht um herkömmliche Solarien. Ich würde vom Solarium-Besuch in jedem Fall abraten.

Stichwörter: Solarium, Biel, Bräune

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