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„Krawattenzwang“

Nein zum Erhalt von nicht mehr nachgefragten Dörfern

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Nein zum Erhalt von nicht mehr nachgefragten Dörfern.

Bernhard Rentsch: Krawattenzwang
  • Dossier

Am 14. Oktober 2000 krachte es im Walliser Dorf Gondo. Nach tagelangen Regenfällen brachen die Betonverbauungen und donnerten ins Tal. Dabei riss die rutschende Masse innert Sekunden zehn Häuser mit und 13 Menschen in den Tod. Der Besuch im Grenzdorf zu Italien an der Simplon-Passstrasse lässt Erinnerungen wach werden. Zumal der damalige und heutige Gemeindepräsident Roland Squaretti, der die Katastrophe aus nächster Nähe mitverfolgen musste, als Erzähler sehr glaubwürdig ist.

Gondo ist längst wieder aufgebaut. Mit Spendengeldern und dank eigener Kraft konnten die Häuserreihen geschlossen werden. Wer nicht weiss, was vor bald 19 Jahren geschehen ist, wähnt sich in einem normalen kleinen Bergdorf. In einem aussterbenden. Die Gegenwart hat deutliche Spuren hinterlassen und die Bevölkerungszahl auf unter 100 Menschen sinken lassen. Wer nicht da wohnen muss, tut dies auch nicht, ist man versucht zu sagen. Denn im Schattenloch inmitten von überragenden Felswänden auf allen Seiten dominiert der Durchgangsverkehr. Alles, was den Simplon motorisiert bezwingen will und nicht den Zugverlad durch den Berg bevorzugt, fährt mitten durch Gondo.

Man rühmt zwar die drei Tankstellen und die drei Lebensmittelgeschäfte. Beim genauen Hinsehen sind das aber Tankstellenshops für Durchreisende, die dringend oder – aus Italien kommend – günstig tanken und einkaufen wollen. Arbeitsplätze beim Bäcker oder Metzger gibt es längst keine mehr. Der ortsansässige Hotelier scheint nach guten Jahren mit aktivem Katastrophentourismus mittlerweile auch kapituliert zu haben.

Aus heutiger Sicht und aus zugegebenermassen grosser Distanz ist die Behauptung, dass Gondo nicht mehr hätte aufgebaut werden sollen, nicht sehr gewagt. Dass von den damals 70 gespendeten Millionen nur rund zehn Prozent effektiv in Gondo ankamen, ist richtig. Da wäre ansonsten ein Naturmuseum oder eine gigantische Gedenkstätte errichtet worden, die nie und nimmer vernünftig betrieben werden könnte.

Zu grosser Pessimismus? Nein. Als Argumente gegen den künstlichen Erhalt von abgelegenen und nicht mehr nachgefragten Dörfern dienen zwei Feststellungen: Kinder gibt es keine mehr im Dorf, auch den Chauffeur des Schulbusses braucht es nicht mehr. Und der Gemeindepräsident wohnt heute in Brig, ennet dem Pass. Er ist zwar häufig im Dorf – aber halt auch wie ein Besucher.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

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