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Alt und Jung

Nachdenkliche Stadt-Erkundung

Es ist November, der Monat, in dem Friedhöfe häufiger besucht werden als sonst. Allerheiligen, Allerseelen und am Schluss des Monats der Totensonntag, die kirchlichen Feiertage im Spätherbst.

Judith Giovannelli-Blocher

Mein Mann wandert aber das ganze Jahr über gerne im schönen Bieler Friedhof. Im Frühling, wenn die Natur aufwacht und im Wald, der an den Friedhof grenzt, die ersten Blümchen ihre Köpfchen aus dem Laub strecken, Veilchen und später Schlüsselblumen und weisse Anemonen. Er erlebt immer viel auf seinen Gängen durch die Grabreihen. Für ihn ist der Friedhof etwas Lebendiges. Ich kann ihn wegen meinem Rollator nicht mehr begleiten, aber wenn er dann nach Hause kommt, erzählt er mir alles.

Er läutet an der Pforte des Friedhofs: In teilnahmsvollem Ton fragt der Beamte «Ist Ihnen jemand gestorben?» «Nein, ich frage wegen mir.» Sergio möchte einmal auf diesem Friedhof begraben sein und erkundigt sich jetzt, weshalb in Biel nicht wie in Ins, wo wir früher gewohnt haben, die Namen der im Gemeinschaftsgrab Liegenden an der Seite der Grabstätte auf Messingschildern vermerkt werden.

Der Beamte versichert ihm, dass so etwas auch für Biel geplant sei, was Sergio sehr befriedigt. Aber vielleicht möchte er doch lieber ein Nischengrab, wie es so viele seiner verstorbenen Landsleute aus Italien, die hier gearbeitet haben und jetzt fern der Heimat hier bei uns zur ewigen Ruhe gebettet sind, haben.

Während den Glanzzeiten der Uhrenindustrie haben unzählige Menschen aus dem Süden mit ihren geschickten Händen Uhrwerke zusammengefügt. Sie waren bei den Schweizer Arbeitern nicht unbedingt beliebt. Man sagt, dass besonders die Frauen schneller arbeiten konnten und damit den Akkord hochgetrieben haben, weil sie kleinere Hände hatten. Viele mussten dann während den grossen Krisen der Uhrenindustrie zurück in die Heimat, andere sind hiergeblieben.

Sergio freut sich, dass er hier ab und zu Katzen antrifft, seine Lieblingstiere. Sicher sind sie nicht erwünscht, meint er, aber friedlich ertragen, dick und zutraulich, offenbar heimlich gefüttert ...

Am oberen Ende des Friedhofs am Waldrand geben sich die Rehe die Ehre, ihre Umgebung kennenzulernen. Auf einem Plakat, in zwei Sprachen angefertigt, steht laut und deutlich: «Werte Friedhofbesucherinnen und -besucher, leider haben Rehe den Weg in den Friedhof gefunden und freuen sich täglich an den neu bepflanzten Gräbern und den schmackhaften Rosen in den Vasen. Wir bitten um Verständnis, dass wir gegen unsere vierbeinigen Waldbewohner momentan nichts unternehmen können.»

Während die italienischen Fremdarbeiter, die in der Schweiz gearbeitet haben und nun hier zur ewigen Ruhe gebettet sind, da und dort zwischen einheimischen Bielern begraben sind, manche schon aus Sergios eigener Generation, sind die Grabfelder der Muslime und Juden säuberlich separiert: «Ist das eine Einladung zur Auseinandersetzung vor dem Jenseits?», schmunzelt Sergio.

«Wer weiss», meint er nachdenklich, «eines Tages wird auch für mich auf der Taubenloch-Sonnenseite eine weitere Grabplatte eingemauert.» Vielleicht mit der Inschrift «hic consistit Viator». Das heisst: «bis hierher kam der Wanderer.» Unbekümmert davon werden Katzen und Rehe ihr Leben auf dem Gelände weiterfristen. Die Natur lässt sich nicht einmauern. Dort nicht. «Zum Glück», sagt Sergio abschliessend.

Info: Die 87 Jahre alte Schriftstellerin Judith Giovannelli-Blocher lebt mit ihrem Mann in Biel. Sie beschäftigt sich seit Langem mit Altersfragen.
kontext@bielertagblatt.ch

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