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Biel

Mit Picasso Schulden tilgen?

Behalten oder verkaufen? Der Fund des Aquarells «Robert Walser im Regen» stellt nicht nur die Bieler Spardebatte unter neue Vorzeichen, sondern auch die Picasso-Forschung. Eine Auslegeordnung.

Pierre Edouard Hefti an der Lagerstelle 7B-2, wo er letzten Freitag ein bislang unbekanntes Picasso-Aquarell fand. copyright: carole lauener/bieler tagblatt

Tobias Graden

«Wir haben keine Picassos», sagte Pietro Scandola, Direktor des Neuen Museums Biel, letzten Herbst gegenüber dem «Bieler Tagblatt». Er tat dies als Reaktion auf die Forderung von Stadträtin Sandra Schneider (SVP), die den Verkauf von Teilen der städtischen Kunstsammlung zugunsten der Schuldentilgung forderte.
Wie BT-Recherchen zeigen, wird Scandola seine Aussage revidieren müssen. Letzten Freitag fand der Sekretär der Kunstkommission, Pierre Edouard Hefti, im Kunstdepot ein bislang unbekanntes Aquarell, das Picasso zugeschrieben wird, ja gar als Schlüsselwerk der noch wenig erforschten «Grauen Periode» gelten soll. Noch sind viele Fragen offen. Warum ist das Werk «Robert Walser im Regen» deutsch beschriftet? Möglicherweise stammt der Schriftzug auf der Rückseite gar von Walser selber – ein Kontakt der beiden wäre 1937, als Picasso in Bern weilte, zumindest möglich gewesen. Wie gelangte das Bild nach Biel? Bekannt ist, dass Picasso 1967 der Stadt Basel aus Dankbarkeit zwei Bilder schenkte – vielleicht hat sich ähnliches in Biel zugetragen. Wegen der unklaren Provenienz hat die Stadt eine ursprünglich für heute geplante öffentliche Visionierung auf unbestimmte Zeit verschoben.

 

7B-2, grau und wertvoll

7B-2: Das ist der Code, der in den nächsten Wochen die Bieler Politik beschäftigen wird. An dieser Stelle in der Gemäldeabteilung des Kulturgüter-Depots im Battenberg war jenes Objekt versteckt, das die Stadtfinanzen entscheidend entlasten oder das Biel auf die Weltkarte der internationalen Kunstwelt setzen könnte – je nachdem, wie die kommenden Debatten ausfallen werden.
Doch beginnen wir von vorn.


Als Signatur ein kleines «p»


Am letzten Freitag gegen 17 Uhr war Pierre Edouard Hefti auf seinem gewohnten Kontrollgang im Kunstdepot. Er schritt langsam durch die Flure, schaute sich das eine und andere Gemälde an.
«Es ist mein kleines Ritual am Ende der Arbeitswoche», sagt der Mitarbeiter der Dienststelle für Kultur und Sekretär der städtischen Kunstkommission, «und weil für das Wochenende schlechtes Wetter prognostiziert war, blieb ich bei 7B-2 etwas länger stehen.» Dort lagert nämlich das Gemälde «Matin de printemps» («Frühlingsmorgen») von M.S. Bastian und Isabelle L., einer der Kunstankäufe der Stadt. Es ist ein für das Künstlerpaar typisches üppiges, farbiges Panoptikum, ein Symbol für sonnige Lebensfreude, das dem Betrachter unweigerlich ein Lächeln ins Gesicht zaubere, so Hefti.
Beim Zurückschieben aber bemerkte Hefti, dass zwischen dem Gemälde und der gitterartigen Aufhängevorrichtung ein Blatt steckte: Leicht gewellt, an den Rändern ein bisschen zerfranst, etwas grösser als A4. Hefti  hängte den «Frühlingsmorgen» ab, es kam ein Aquarell zum Vorschein, das schemenhaft einen Spaziergänger bei schlechtem Wetter darstellt. Auf der Rückseite steht mit knittriger, fast verblichener Bleistiftschrift «Robert Walser im Regen», auf der Bildseite findet sich als Signatur bloss ein kleines «p». Hefti stand vor einem Rätsel.


Zentral für die «Graue Periode»


Enrique Mallen im fernen Huntsville (Texas, USA) kennt laut eigenen Angaben dessen Lösung. Der Dozent an der Sam Houston State University ist einer der weltweit renommiertesten Picasso-Forscher, stiess aber zuletzt mit seiner Theorie, wonach den bekannten Schaffensphasen Picassos eine weitere hinzuzufügen sei, weithin auf Unverständnis. Vom BT telefonisch vom Fund in Biel in Kenntnis gesetzt, ist seine Freude auch über die Distanz eines Atlantiks hörbar: «Nach diesem Bild habe ich lange gesucht», sagt er, «‹Robert Walser im Regen› ist das Schlüsselwerk der ‹Grauen Periode›.»
Picasso?«Graue Periode»? Geläufig sind auch Laien die Phasen in der ersten Hälfte von Werk und Leben des genialen Künstlers: die «Rosa Periode» sowie die «Blaue Periode». Geläufig ist aber auch Picassos Unterschrift:eine schwungvolle Signatur seines Namens, nicht bloss ein «p».
Die «Graue Periode» sei nicht zeitlich zu verorten, hält Mallen dem entgegen. Vielmehr stehe sie über das ganze Leben des Künstlers verteilt für dessen Schaffen in einem bestimmten, melancholischen Gemütszustand: «Picasso war nicht nur der Lebemann, als den man ihn gemeinhin kennt», so Mallen, «er hatte auch eine nachdenkliche, traurige Seite.» Weil er diese nicht teilen mochte, habe er die entsprechenden Werke nicht mit Namen, sondern nur mit dem Initial gezeichnet.


Von Walser inspiriert


Enrique Mallen ortet der «Grauen Phase» vor allem Radierungen zu, wie sie in den letzten Jahren immer wieder mal gefunden worden waren: «Der Fund eines Aquarells ist darum umso bedeutender.»
Bislang kaum bekannt ist aber auch, dass sich Picasso von Walser inspirieren liess. Möglicherweise bestand aber sogar ein persönlicher Kontakt zwischen dem Schriftsteller und dem Maler. In einem entsprechenden Beitrag in der Fachzeitschrift «META – Beiträge zur Geistesgeschichte der Moderne» hatte Reto Sorg, Leiter des Robert-Walser-Zentrums in Bern, schon vor Jahren entsprechende Vermutungen geäussert. Bekanntlich weilte Picasso 1937 in Bern, um den Maler Paul Klee zu besuchen. Walser war zu dieser Zeit in der Heilanstalt Herisau untergebracht, ein realer Kontakt wäre also möglich gewesen.
Wie auch immer:Aufgrund seiner Sonderstellung dürfte das Aquarell enorm wertvoll sein. Kunstprofessor Mallen tut sich erst schwer, eine Schätzung abzugeben («Der Markt ist irrational»), beziffert den Wert auf Nachhaken aber auf «sicherlich 40 Millionen Franken».


Uneinigkeit in Kulturkreisen


40 Millionen Franken: Das ist eine Zahl, die in Biel aufhorchen lässt – und Begehrlichkeiten weckt. So hoch ist das prognostizierte strukturelle Defizit der Stadt im Jahr 2018. Für die SVP-Stadträtin Sandra Schneider, die bereits letzten Herbst in einem Vorstoss verlangte, die Stadt solle zwecks Schuldentilgung Teile ihrer Kunstsammlung auktionieren (das BTberichtete), ist darum klar: «Das Aquarell ist ungeachtet des kunsthistorischen Wertes unverzüglich dem Meistbietenden zu verkaufen. Das sind wir den Bieler Steuerzahlern schuldig.»
Die Forderung löst in Bieler Kulturkreisen blankes Entsetzen aus. «Nicht sachdienlich», «purer Populismus» oder «unverantwortlich» sind noch die milderen Aussagen, die in ersten Reaktionen fallen. Felicity Lunn, Direktorin des Centre Pasquart, fordert, die Stadt solle den Fund nicht unter finanz-, sondern unter kulturpolitischen Gesichtspunkten diskutieren. «Für das Centre Pasquart wäre ein Picasso-Bereich, gebildet um dieses Werk herum, eine beispiellose Chance», sagt sie. Die Kulturszene hat sich aber noch nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen können – vielmehr scheint hinter den Kulissen auch hier bereits eine Art Verteilkampf zu herrschen. «Eine gemeinsame Haltung täte Not», redet Annelise Zwez, Kunstkritikerin und frühere BT-Redaktorin, der Kulturszene ins Gewissen.
Gleichwohl werden bereits verschiedene mögliche Standorte ins Spiel gebracht, darunter das Museum Schwab.


Lieber «Grünphase»?


Letzterer Idee ist Kulturdirektor Cedric Némitz nicht abgeneigt. Da absehbar ist, dass die angedachte Umplatzierung der Stadtbibliothek in den Campus Technik nicht in der erforderlichen Zeitspanne realisierbar ist (vgl. BTvom 18. März), steht seine Direktion unter Druck, neue Sparvorschläge einzubringen. Die archäologische Sammlung interessiere ja niemanden mehr, soll Némitz dem Vernehmen nach gesagt haben, eine Picasso-Ausstellung im schmucken Gebäude bringe der Stadt dagegen Mehreinnahmen. Denkbar seien diese auch durch den Verleih des Bildes an interessierte Institutionen in aller Welt. Bereits habe die Swatch Group Interesse bekundet, das Aquarell im «Swatch Art Peace Hotel»in Shanghai auszustellen. Offiziell heisst es beim Uhrenkonzern aber bloss: «Dazu sagen wir nichts.»
An kreativen Ideen im Umgang mit dem Fund mangelt es also nicht – doch das ficht Sandra Schneider nicht an. Es gebe keinen Grund, das Bild zu behalten, sagt sie, schliesslich sei Picasso kein Bieler Künstler gewesen. Den Hinweis auf die kunsthistorische Bedeutung kontert sie mit:«‹Blaue Phase›, ‹Graue Phase›, das ist doch egal. Der Gemeinderat würde besser für mehr Grünphasen für Automobilisten sorgen.»

Kommentare

Skippy881

Hahaha, 1. April :-)


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