Sie sind hier

Mit dem Satelliten die Billardkugel orten

Es gibt für einen erwachsenen Menschen keine bedeutendere und glücklicher machende Tätigkeit, als stundenlang verzückt auf ein sechs auf zwölf Zentimeter grosses Rechteck zu blicken und mit dem Zeigefinger sanft darüber zu streicheln.

Foto: BT/a

<span style="font-style: italic;">NIKLAUS BASCHUNG</span><br>Gegen Saisonende werden in der Ferienanlage die meisten Unterhaltungsangebote eingestellt. Der Pool macht bereits um acht Uhr abends dicht und das Boule-Spiel im Dunkeln, wenn die Pétangue-Kugeln ständig unter die Büsche rollen, begeistert auch nicht restlos. Geblieben sind die drei Billardtische in der Bar, die noch mittwochs und donnerstags geöffnet hat. Zwei Spieltische sind bereits besetzt. Beim dritten fehlt die weisse Kugel. Ohne weisse Kugel kann nicht gespielt werden.<br><br>«Das ist überhaupt kein Problem», erklärt der Mann selbstüberzeugt und strahlend vor Optimismus als er mit drei Kindern und einer Frau im Schlepptau durch die offene Terrassentüre in die Bar stürmt. Er wisse ganz genau, wo die fehlende weisse Kugel versteckt sei, «die ist hier irgendwo!». Dann zückt er zielstrebig sein iPhone, tippt angeregt darauf herum. Wahnsinnig, was heute diese Geräte alles leisten können. Per Satellit wird er jetzt gleich die verlorene weisse Kugel orten.<br><br>Ich widme mich wieder dem eigenen Spiel, die Billardkugeln sind vorteilhaft positioniert, kann sie gleich zweimal hintereinander im Loch versenken. Woohhh!! Die wartenden Kinder sind zu bedauern. Ohne Fernseher, ohne Computer, ohne Handy, ohne alles, was Sinn macht im Leben, an diesem ausgestorbenen Ort am Ende der Zivilisation, nur mit diesem Papi, der... was macht jetzt der eigentlich? Der Mann sitzt mittlerweile alleine an einem Tisch, starrt selbstvergessen unentwegt auf das Display, ein Süchtiger, ein Junkie, während der Rest der Familie geduldig wartet. Dann wird ein zweiter Spieltisch frei.<br><br>Nachdem der Mann das Spiel bezahlt und die Queues an die Familienmitglieder verteilt hat, macht er den ersten Stoss und widmet sich dann wieder seinem Handy. Erstaunlich, wie ruhig und verständnisvoll die Familie bleibt. Kein Schreien, kein Aufbegehren. Spätestens in diesem Moment hätten unsere Kinder das volle Cola-Glas umgeworfen, ihren Queue zerbrochen oder wenigstens den weissen Ball samt der eigenen Schwester im Pool versenkt.<br><br>Aber offenbar haben diese Kinder hier gelernt: Es gibt für einen erwachsenen Menschen keine bedeutendere und glücklicher machende Tätigkeit, als stundenlang verzückt auf ein sechs auf zwölf Zentimeter grosses Rechteck zu blicken und mit dem Zeigefinger sanft darüber zu streicheln. Oder – um die Spannung zu erhöhen – mal mit dem Mittelfinger.<br><br>Genau in diesem Sinne ist auch der aktuelle Sparvorschlag der Berner Regierung zu verstehen. Auf unnützes Lernen kann verzichtet werden. Deshalb sollen die deutschsprachigen Zweit- bis Viertklässler an der Berner Schulen in Zukunft eine Lektion «Gestalten» weniger haben als heute. So lautet die Idee der Bildungsdirektion. Beim Gestalten und Werken werden ja lebensferne Dinge gelernt: mit komischen Werkzeugen umgehen, altmodische Materialen wie Papier, Holz, Metall bearbeiten, aus diesen Materialien ein eigenes Produkt herstellen und selber seine Kreativität entdecken. Das ist doch absurd. Welches Handy wird denn heute noch aus Holz hergestellt? Und weshalb sollen die armen Kinder komplizierte handwerkliche Fertigkeiten erwerben, wenn es später absolut genügt, mit einem Finger über ein Display zu streicheln? Womöglich verletzen sich die Schulkinder noch im Unterricht, die Krankenkassenprämien steigen erneut und die Pensionskassen kommen noch mehr ins Minus. Alles hängt heute irgendwie mit allem zusammen.<br><br>Übrigens: Der Vater mit den Billardtischen hat später dann doch konzentrierter am Spiel seiner Familie teilgenommen. Der Internetempfang war plötzlich unterbrochen. Das Leben kann manchmal ganz schön bitter und hart sein.<br><br>

Stichwörter: Mittendrin

Nachrichten zu Biel »