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Ruth Tennenbaum

«Mehr Förderprogramme aufbauen»

Ruth Tennenbaum will Sozialhilfebezügern in Biel durch Förderprogramme zur Selbstständigkeit verhelfen. Die Passerelle-Gemeinderatskandidatin sagt: «Nur Geld zur Verfügung stellen, das reicht nicht».

"Ich finde Biel sollte neue Stadien haben": Ruth Tennenbaum. Bild: Ruben Hollinger

Interview: Lino Schaeren

Die Bürgerbewegung Passerelle hat längst kommuniziert, dass sie nicht an eine Wahl in den Gemeinderat glaubt. Wieso stellen Sie sich dennoch zur Verfügung?
Ruth Tennenbaum: Eine Chance hat man immer. Wer gewählt wird, weiss man nie, das entscheiden die Wählerinnen und Wähler der Stadt Biel. Ein Grund für den Entscheid, nebst dem Stadtrat auch für den Gemeinderat zu kandidieren, ist natürlich die grössere Sichtbarkeit der Bewegung Passerelle, da die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese Kandidaten fokussiert ist. Wenn man einmal antritt, will man aber auch gewählt werden, das ist klar.

Persönlich glauben Sie also an eine Wahl?
Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich es nicht tun. Natürlich kann ich für mich auch abschätzen, dass die Chancen nicht riesig sind. Aber es gibt immer eine Chance, ansonsten wären Wahlen ja gar nicht sinnvoll. Dann könnte man sagen: Die Bisherigen und die Parteien, die hier bereits etabliert sind, nehmen wir, die anderen braucht es nicht. Der Sinn der Wahlen ist ja aber gerade, dass es eine Auswahl gibt, auch mit neuen Gesichtern.

Sprechen wir über die Stadt Biel. Hat Biel ein Imageproblem?
Das ist immer schwierig zu sagen über eine Stadt, in der man selber lebt. Die Wahrnehmung von aussen und innen ist oft nicht die gleiche. Teils spricht man tatsächlich von einem Imageproblem und ich denke, die Stadt verkauft sich auch nicht gerade optimal.

Inwiefern?
Man könnte die tollen Aspekte der Stadt mehr hervorheben, auch in Kampagnen.

Wo sehen Sie denn die positiven Aspekte der Stadt?
Biel ist durch seine Zweisprachigkeit schon mal einmalig. Das ist sehr positiv. Das bringt verschiedene Kulturen zusammen. Auch die Bevölkerung ausländischer Herkunft bringt Vielfalt in die Stadt. Man muss das nicht immer nur negativ werten, man könnte auch einmal die positiven Aspekte, welche diese Bevölkerung in die Stadt bringt, hervorheben. Dann hat Biel geografisch eine tolle Lage. Auch das Kulturangebot ist für eine Stadt dieser Grösse sehr gut. Wir haben ein tolles Theater, ein tolles Sinfonieorchester und tolle Museen. Nicht optimal finde ich allerdings die Seeanbindung.

Schweizweit wird Biel immer wieder im Zusammenhang mit der hohen Sozialhilfequote genannt. Wie soll mit dieser Quote umgegangen werden?
Diese hohe Quote hat auch mit der ganzen historischen Entwicklung der Bieler Wirtschaft zu tun. Biel ist eine Arbeiterstadt. Wir haben viele Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau und entsprechend niedrigem Einkommen, die auf die Sozialhilfe angewiesen sind, wenn sie ihren Job verlieren. Wie man da reduzieren soll, ist nicht ganz einfach zu sagen. Diese Leute haben ja auch eine Berechtigung, hier zu leben. Ich denke, man könnte noch mehr Förderprogramme aufbauen, um sie besser in den zweiten oder ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir müssen diese Leute unterstützen, damit sie wieder ein eigenständiges Leben führen können. Einfach nur Gelder zur Verfügung stellen reicht nicht aus.

Das Sicherheitskonzept der Stadt Biel aus dem Jahr 2007 sieht vor, den angstfreien Aufenthalt im öffentlichen Raum zu fördern. Hat sich Ihr subjektives Sicherheitsempfinden seither verändert?
Ich fühle mich eigentlich sicher, wenn ich mich in Biel bewege. Aber wenn ich mit älteren Mennschen spreche - wir haben ja Umfragen gemacht - merke ich, dass diese gewisse Ängste haben. Ob die berechtigt sind oder nicht, ist schwierig zu beurteilen.

Was haben diese Menschen denn für Ängste?
Eine Frau hat zum Beispiel gesagt: Am Nachmittag gehe ich nicht mehr aus dem Haus. Da bin ich erschrocken. Aber offensichtlich hatte diese Person Angst, sich in ihrem Quartier zu bewegen. Ich glaube, es war in Mett. Das Sicherheitskonzept ist schön und gut, aber man muss transversal denken. Man muss bauliche, soziale und sicherheitstechnische Aspekte miteinander verbinden, wenn man zum Beispiel eine positive Quartierentwicklung erreichen will. Die Leute müssen zudem in den Prozess einbezogen werden, damit sie sich engagieren. Sehr gut fand ich, dass Kurse zur Zivilcourage angeboten wurden, die sollte man weiterführen.

Zeigt die Polizei in Biel zu wenig Präsenz?
Die Polizei ist ja kantonal. Ich sehe oft Fahrzeugpatrouillen. Davon gibt es nicht zu wenige. Als Fussgänger sieht man die Polizisten nur in Ausnahmesituationen. Früher hatte man Quartierpolizisten, konnte auch einmal Gespräche mit ihnen führen. Diese Anonymisierung macht den Leuten vielleicht auch Angst.

Es fehlt eine Bezugsperson.
Genau. Aber eine Anlaufstelle im Quartier würde vielleicht auch funktionieren, es muss nicht immer unbedingt ein Polizist sein. Ein Sozialarbeiter, ein Jugendarbeiter oder SIP-Mitarbeiter (Sicherheit, Intervention, Prävention, die Red.) wäre auch denkbar. Da muss sich etwas entwickeln, damit sich die Leute wieder gerne in ihren Quartieren bewegen.

War der Schritt zur Einheitspolizei der richtige?
Da muss ich ehrlich gestehen, dass ich nicht so gut im Bild bin. Aber wie gesagt: Was fehlt, ist der persönliche Bezug. Die Frage ist, wie die Zusammenarbeit der Stadt mit der Polizei funktioniert. Wenn das gut gelöst ist, ein regelmässiger Austausch stattfindet und die Stadt Einfluss nehmen kann, stört mich nicht, dass die Polizei kantonal ist. Wenn es aus finanztechnischen und organisatorischen Gründen Sinn ergibt, ist das völlig in Ordnung.

Welche Projekte sollte die Stadt Biel realisieren?

Ich denke, es gibt einige Projekte, die in der Pipeline sind, aber man nicht genau weiss, ob sie denn nun kommen. Sprich Stadien, Regiotram, Agglolac, das sind im Moment die drei grossen Projekte. Ich finde, Biel sollte neue Stadien haben und ich bedaure, dass sie noch nicht im Bau sind. Man hat einmal Ja gesagt und Handfestes ist noch nicht passiert. Das Regiotram sollte den Verkehr in der Stadt entlasten. Ich fände es gut, wenn Leute, die von ausserhalb kommen, ausserhalb der Stadt genügend Parkmöglichkeiten vorfinden würden, um dann mit dem Parkticket den Bus oder das Tram benutzen zu können. Das wäre eine sinnvolle Lösung. An Agglolac gefällt mir, dass es ein visionäres Projekt ist. Es wird versucht, öffentlichen Raum und Wohngebiet neu zu gestalten. Wichtig ist mir, dass der Wohnraum alle Bevölkerungsschichten erreichen wird und der öffentliche Raum und der Zugang zum See für alle Bewohner erschlossen bleibt. Es soll nicht einfach eine Luxusoase entstehen.

Hat die Stadt überhaupt genügend Geld, um solche Projekte zu realisieren?
Ein guter Punkt. Aber man muss langfristig diese Investitionen tätigen, wenn man als Stadt attraktiv bleiben will. Gewisse Infrastrukturen muss man anbieten.

Ist Steueranpassung für Sie ein Thema?
Die städtischen Steuern sind kein Problem. Das strukturelle Problem ist der Kanton Bern. Wegen dem hohen Steuersatz des Kantons sind die Steuern hoch. Wenn, dann muss sich Biel dafür engagieren, dass es dem Kanton besser geht, dass wir eben nicht nur ein Landwirtschaftskanton sind sondern auch andere Sektoren noch besser hinzuziehen können. Damit das Steuervolumen des Kantons zunimmt. Aber Steuersenkung in der Stadt Biel zu propagieren, das ist Augenwischerei. Man will Infrastruktur, eine saubere Stadt, ein gutes Zusammenleben. Dann soll man auch entsprechend Steuern zahlen.

Angenommen, Sie werden in den Gemeinderat gewählt. Welche Direktion möchten Sie übernehmen?
Mich interessieren mehrere Direktionen. Ich werde natürlich das Departement übernehmen, das mir nach der Ausmarchung zuteil wird. Persönlich würde mich die Baudirektion sehr reizen, mit all den Projekten, die anstehen. Aber auch die Sozialdirektion wäre eine spannende Herausforderung. Da gibt es auch einige Baustellen, die angegangen werden müssen.

 

Zur Person
  • Geburtsdatum: 11. Juni 1958
  • Erlernter Beruf: Kauffrau und Kunstausbildung
  • Partei: Bürgerbewegung Passerelle
  • Liste: Passerelle
  • Politische Ämter: Mitglied der Integrationskommission

 

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