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Biel

«Mama, Mama, lueg mou»

Ein neuartiges Zweirad zieht in Biel die Blicke auf sich. Wie fährt sich diese Mischung aus Fahrrad und Trottinett? Der Test zeigt: Das Lopifit bereitet auf flachen Strecken Spass. Hügel aber mag es nur bedingt.

Schreitend durch die Gegend fahren: Das Lopifit ist eine Art überdimensioniertes Elektro-Trottinett mit einem Laufband. Bild: Stefan Leimer
  • Dossier

von Peter Staub

«Du willst wohl das Rad neu erfinden!» Diese Phrase wird Menschen mit frischen Ideen von konservativen Zeitgenossen gerne um die Ohren gehauen, um ihnen zu demonstrieren, wie abwegig ihr Vorschlag sein soll. Dabei ist es keineswegs abstrus, das Rad neu zu erfinden. Wobei hier natürlich das Fahrrad gemeint ist. Das Velo weiterzuentwickeln, ist eine Idee, die auch 200 Jahre nach der Erfindung des genialsten Fortbewegungsmittels eine Menge Menschen beschäftigt.

Die wichtigste Neuentwicklung des Velos in den letzten 30 Jahren war wahrscheinlich das Mountainbike. Hierzulande wurde die amerikanische Erfindung Anfang der 80er Jahre noch belächelt. Heute ist das Bike auch aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist. Das Liegevelo dagegen fand bisher nicht aus dem Schattendasein heraus. Vielleicht gelingt es nun mit der verschalten Version des dreirädrigen Velomobils (das BT berichtete) die Lücke zwischen Velo und Automobil zu schliessen.

Sogar Autofahrer zollen Respekt

Mit dem Lopifit unternimmt ein holländischer Erfinder den nächsten Versuch, das Velo neu zu erfinden. Seit einem Monat ist das Lopifit auch im Seeland erhältlich (siehe Nachgefragt). Eines ist sicher: Das überdimensionierte Trottinett mit Elektromotor und Laufband ist eine Attraktion.

Bei einer Testfahrt durch die Bieler Innenstadt und die Agglomeration drehen nicht nur Kinder die Köpfe: «Mama, Mama, lueg mou» schallt es mehr als einmal durch die Bahnhofstrasse, als der Autor gemächlichen Schrittes mit rund 20 Stundenkilometer fahrend dahinschreitet. Später zeigt sich, dass Autofahrer, die Zweiradfahrern sonst nicht immer Respekt entgegenbringen, für einmal mit genügend Abstand überholen und gar abbremsen, um sich das Gefährt aus der Nähe anzusehen.

Sie haben richtig gelesen: fahrend dahinschreiten. Denn darum geht es bei Lopifit. Das Zweirad wird durch einen Elektromotor angetrieben, der mit einer Handschaltung auf sechs Geschwindigkeiten eingestellt werden kann. Das Maximum liegt bei 25 km/h. Gleichzeitig treibt der Motor ein Laufband an, auf dem der Lopifit-Fahrer quasi vor sich hin spaziert.

Bevor sich der Autor das erste Mal auf das Gefährt schwingt, gibt es eine fünfminütige Einführung durch Alfred Tanner, der zusammen mit seinem Sohn einen Online-Veloladen betreibt und dem Lopifit im Seeland zum Durchbruch verhelfen will. Das Wichtigste, sagt Tanner: «Immer vorwärts schauen.» Sonst könne es einen Unfall geben. Dabei ist das Lopifit so leicht zu fahren, dass auch Tanners achtjährige Nichte problemlos damit herumdüst.

Noch vor der gut einstündigen Probefahrt gibt es die erste Enttäuschung: Das Laufband kann gar nicht genutzt werden, um den Antrieb zu verstärken. Es dient bloss dazu, dass der Fahrer seine Beine bewegen muss. Wohl deshalb besteht der zweite Teil des Namens aus «fit». Einmal unterwegs macht das Lopifit aber richtig Spass. Beim Einfahren auf dem Walserplatz und beim Posieren für den Fotografen auf dem Bahnhofplatz fühlt man sich im Mittelpunkt: Das Zweirad zieht alle Blicke auf sich. Im Kreisverkehr am Guisanplatz zeigt sich allerdings ein ernsthaftes Problem.

Obwohl sich das Laufband im Bremsmodus nicht bewegt, ist es schwierig, eine Hand vom Lenker zu nehmen, um die Richtungsänderung anzuzeigen. Und beim Weg von Ipsach nach Bellmund erweist sich der Motor als zu schwach, um eine ernsthafte Steigung zu bewältigen. In der Mitte des Aufstiegs ist Umkehren angesagt. Hier rächt es sich, dass der Fahrer nichts zur Fortbewegung beitragen kann. Leichte Steigungen, wie jene zur Klinik Linde hinauf, vermag der Motor mit rund 15 km/h zu überwinden. Nach der kurzen Tour de Bienne sind 14 Kilometer zurückgelegt. Der Akku hat sich etwa zu einem Drittel geleert.

Fazit: Als Werbeträger ist das Lopifit ideal. Für kurze Strecken in der Stadt ist es unhandlich. Ob es sich für längere Arbeitswege ohne grössere Steigungen eignet, müsste ein Langzeitversuch zeigen. Mit einem Preis von über 2000 Franken ist es für ein Spielzeug zu teuer. Einen Mountainbike-Effekt wird es kaum geben, eher droht dem Lopifit das gleiche Schicksal wie dem Liegevelo.
 

Nachgefragt


«In Holland ist Lopifit populär»


Alfred Tanner, Velohändler. Copyright / Stefan Leimer / Bieler Tagblatt


Der Seeländer Sozialarbeiter und Velohändler Alfred Tanner will Lopifit in der Schweiz etablieren. Er erwartet, dass das Gefährt spätestens in einem Jahr den Durchbruch schafft.

Alfred Tanner, wie sind Sie darauf gekommen, Lopifit zu importieren?
Alfred Tanner: Ich habe Lopifit in Holland entdeckt. Wir haben auf der Insel Texel ein Ferienhaus. Vor zwei Jahren hatte ich die Gelegenheit, Lopifit zu testen. Da habe ich gedacht: ‹Das ist ein Hit, das muss unbedingt in die Schweiz›. Also nahm ich mit dem Erfinder Kontakt auf.

Es hat dann aber etwas gedauert, bis Sie das erste Lopifit einführten.
Der Erfinder hatte Probleme mit den ersten Herstellern. Nun lässt er Lopifit in den Niederlanden statt in China produzieren. Deshalb konnte unsere Firma Tannerbikes GmbH erst im letzten Monat das erste Modell importieren. Verkauft haben wir noch kein Exemplar.  

Sie testen das Lopifit selber. Was ist sein Vorteil gegenüber einem herkömmlichen E-Bike?
Sicher, dass man sich nicht im Sitzen fortbewegt, sondern eben im Laufen. Das ist gut für die Fitness und bietet zum Beispiel Leuten, die nach einem Unfall wieder lernen müssen zu laufen, auch therapeutische Möglichkeiten.

Mich hat es gestört, dass ich das Laufband nicht antreiben konnte.
Ich gehe davon aus, dass es diesbezüglich eine Weiterentwicklung geben wird. Aufgrund der schweizerischen Topografie brauchen wir hier auch einen stärkeren Motor und bessere Akkus als in Holland, wo alles flach ist. Zudem schlage ich den Produzenten vor, beim Vorderrad eine Federgabel einzubauen, um auf Schotterwegen bequemer zu fahren.

Lopifit ist der Durchbruch noch nicht gelungen.
Doch, in Holland hat es den Durchbruch geschafft. Auf derInsel Texel ist es sehr populär. In der Schweiz rechne ich in diesem oder dem nächsten Sommer mit dem Durchbruch.

Was war Ihre bisher die grösste Tour?
Ich bin von Ins nach Biel «gelaufen». Das war die längste Distanz. Das hat richtig Spass gemacht. Die leichten Steigungen waren überhaupt kein Problem.

 

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