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Verkehr

Kanton bezeichnet 60 Jahre alte Brücke als sicher

Nachdem in Genua eine Autobahnbrücke eingestürzt ist, werden auch die Viadukte und Unterführungen im Seeland kritisch betrachtet. Für Diskussionen Anlass geben der Zustand der Autobahnbrücke bei Brügg und die SBB-Brücke über die Aarbergstrasse in Biel.

Lastwagen müssen Abstand halten: Die Brücke über den Nidau-Büren-Kanal würde bei einem Stau aber mehrere Lastwagen aushalten, sagt Kreisingenieur Kurt Schürch. Copyright Raphael Schaefer / Bieler Tagblatt

von Peter Staub

Wer heute mit dem Auto über eine der turmhohen Brücken in den Alpen fährt, fragt sich unweigerlich: «Komme ich sicher auf die andere Seite?» Doch nicht nur die Viadukte über tiefe Schluchten machen Automobilisten Sorgen. Selbst gewöhnliche Brücken und Unterführungen werden heute kritischer angeschaut als vor dem Unglück in Norditalien. So dürfte vor dem 17. August den wenigsten Automobilisten die Verbotsschilder vor der Autobahnbrücke über den Nidau-Büren-Kanal bei Brügg aufgefallen sein: Lastwagen müssen beim Überqueren der Brücke einen Mindestabstand von 120 Metern einhalten. Ist dies tatsächlich ein Hinweis darauf, dass die Brücke «einsturzgefährdet» ist, wie ein BT-Leser vermutet? Dieser fragt besorgt: «Was passiert, wenn ein Stau entsteht und mehrere Lastwagen auf der Brücke zum Halten kommen»?

Eine andere Leserin hat das BT auf den «lamentablen» Zustand der Eisenbahnbrücke über die Aarbergstrasse in Biel aufmerksam gemacht, wo das Wasser so regelmässig herunter tropft, dass sich an der Decke wie einer Tropfsteinhöhle Stalaktiten gebildet haben.

 

Besser als erwartet
Das BT hat die verantwortlichen Stellen mit den Ängsten der Leserinnen und Leser konfrontiert. Kurt Schürch, Kreisoberingenieur beim kantonalen Tiefbauamt in Biel, gibt dezidiert Auskunft: «Sie ist sicher», sagt er über die Brücke über den Nidau-Büren-Kanal bei Brügg. Sie sei erst letztes Jahr untersucht worden. Diese Brücke ist mit ihren rund 60 Jahren noch etwas älter als das Viadukt in Genua, das zwischen 1962 und 1967 gebaut wurde. Sie sei zwar «noch nicht mit den heutigen Bemessungsbedingungen geplant und ausgeführt worden», schreibt Schürch. Vor drei Jahren sei sie aber «mit der zur Zeit neusten Technologie» während eines halben Jahres rund um die Uhr analysiert worden. Die Ergebnisse seien deutlich besser ausgefallen als erwartet. Schürchs Befund: «Die Brücke ist auch für heutige, viel höhere Belastungen als zur Zeit ihrer Erstellung noch in einem akzeptablen Zustand.»

Ob die Beschränkung für Lastwagen nach den geplanten Arbeiten zur Substanzerhaltung in den nächsten zwei Jahren aufrechterhalten oder aufgehoben werden, müsse noch entschieden werden. Dass die Brücke auch der Belastung von mehreren 40-Tönnern, die bei einem Stau auf der Brücke zum Stillstand kämen, standhalten würde, steht für Kurt Schürch ausser Frage: Weil es dabei keine «dynamischen Belastungen» gäbe, würde «die Brücke einer solchen Belastung ebenfalls Stand halten».

Ein Augenschein vor Ort zeigt weder Risse noch andere Schäden an der kritisch beäugten Brücke. Anders sieht das in der Unterführung an der Aarbergstrasse in Biel aus. Die Kalksteinablagerungen an der Decke sind von blossem Auge zu sehen, genauso wie rostige Metallteile. Vertrauenserweckend sieht das nicht aus. Erst recht, wenn man weiss, dass dort nicht nur die ICN-Schnellzüge, sondern auch regelmässig Gütertransporte über die Brücke donnern.

Bei den SBB aber hält man sich bedeckt. Nach dem Unglück in Genua hätten sich viele Medien über den Zustand der Brückenbauwerke erkundigt, sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Aktuell befinde sich bei den SBB «keine einzige Brücke auf dem 3'300 Kilometer langen Schienennetz in kritischem Zustand», die unmittelbar eine Gefahr für Personen oder den Betrieb darstelle. Zur Brücke über die Aarberstrasse lässt er sich jedoch keine konkrete Auskunft entlocken. Er sagt bloss, dass Brücken regelmässig gewartet und wo notwendig Massnahmen zur Erneuerung oder Teilerneuerung eingeleitet würden. «Weitere Ausführungen zu einzelnen Brückenbauwerken machen wir derzeit nicht.»

 

Stadt hat interveniert
Auskunftsfreudiger zeigt sich Roger Racordon, Abteilungsleiter Infrastruktur, der Stadt Biel. Der Zustand der Unterführung an der Aarbergstrasse sei bekannt. «Die Stadt hatte Kontakt mit den SBB im Zusammenhang mit dem Zustand der Unterführung und dabei auf die entsprechenden Punkte hingewiesen». Wann dies Auswirkungen hat, ist nicht bekannt.

Auch bei den Verkehrsbetrieben Biel (VB) sei die «starke Verschmutzung der Unterführung» bekannt, sagt Mediensprecherin Tina Valentina. Weil das bisher aber zu keinen Problemen für die Trolleybusse führte, hätten die VB nicht bei den SBB interveniert.

Für die Sicherheit der Brücken im Besitz der Stadt Biel ist Racordons Abteilung in der Direktion Bau, Energie und Umwelt verantwortlich. Biel handle bei den Inspektionen nach der Richtlinie des Bundesamtes für Strassen. Diese sehe vor, dass bei jeder Brücke alle fünf Jahre eine Hauptinspektion stattfinde. Dafür habe der Gemeinderat vor einem Jahr einen Kredit von rund 240000 Franken bewilligt.

Die Stadt habe die Brücken in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich saniert, verstärkt oder erneuert. Pro Jahr wird durchschnittlich eine bis zwei Brücken saniert. Ein Gewichtslimit gibt es in Biel unter anderen bei den zwei SBB-Brücken an der Waldrainstrasse und Brüggstrasse. Diese Beschränkungen seien historisch bedingt, da früher die Fahrzeuge deutlich weniger schwer waren, sagt Racordon.

Sind die Brücken im Seeland sicher? Diskutieren Sie mit.

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