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Mittendrin

Heiliger Jacques tunkt Stopfleber aus

Auch wenn ich nur in kleinen Ansätzen zweisprachig bin, ein bisschen stolz ist man halt schon über den in der Region Biel gepflegten Bilingualismus.

Niklaus Baschung

NIKLAUS BASCHUNG

Vor allem bei Besuchen in Frankreich hebt uns dies von Bewohnern anderer deutschsprachiger Schweizer Kantone ab, die seltener einen geraden französischen Satz zustande bringen und deshalb gleich auf Englisch zu parlieren beginnen. Im Gegensatz dazu durfte ich früher schon nach meiner ersten auf Französisch gestellten Frage grosse Komplimente entgegennehmen. Mit der lächelnd vorgetragenen Gegenfrage: «Êtes-vous Belge?» oder «Vous êtes en provenance de Belgique?» Ich habe da nie widersprochen – selbstverständlich bin ich ein Belgier, was denn sonst? «Oui, oui, de Bienne en Belgique!»

In den letzten Jahren wurde mir allerdings die belgische Staatsbürgerschaft – gegen meinen Willen – wieder entzogen. Auf dem südfranzösischen Wochenmarkt spricht mich der Käse- oder Gemüsehändler schon vor dem ersten Räuspern in englischer Sprache an, obwohl der selber eigentlich diese Sprache wenig versteht. Das habe ich nun meinen eidgenössischen Landsleuten zu verdanken, die nie Belgier geworden sind, und denen sich nun die Händler anpassen. Mich verletzt das. Da gibt man sich Mühe, die oft umständliche Zweisprachigkeit in der Stadt Biel ernstzunehmen und zu respektieren und dann ist man in Frankreich schlussendlich auch nur ein Zürcher oder Thurgauer. Für was tu ich mir das denn noch an?

Um mir zur bilinguen Beruhigung etwas Gutes zu gönnen, nehme ich nach dem Marktbesuch das Mittagessen im nahen Restaurant mit Sicht aufs Mittelmeer ein. Die Speisekarte ist sogar dreisprachig (Französisch, Englisch, Deutsch), was mich als Ex-Belgier schon wieder ärgert, aber gut, aus touristischen Gründen ist’s sicher nachvollziehbar.

Die «Assiette de la mer» ist an diesem Standort ein naheliegendes Menu und wird auf Deutsch als «Meeresmesser» angeboten. Fischarten schwimmen da offenbar im Meer herum, in Gestalt von ganzen Bestecken, da können wir uns ja vom Bielersee aus gar keine Vorstellungen davon machen. Dann ziehe ich vielleicht doch lieber eine «Dorade entière à la plancha» vor. Was ist das für ein Fisch? Auf Deutsch heisst das Menu auf der Speisekarte «Dorade entière in sie wurde abgefragt». Offenbar handelt es sich hier um einen dieser legendären Wahrsagefische, die mit Hilfe der Gräte die Zukunft ihrer Verzehrer voraussagen können.

Diese Region hat überhaupt einen aussergewöhnlich starken Hang zur Esoterik und Spiritualität entwickelt. Anders ist die «Poêle de St. Jacques sauce foie gras», auf der Karte übersetzt als «Heiliger Jacques tunkt Stopfleber aus», nicht zu deuten. Der Heilige Jacques muss also vor etwa zweitausend Jahren auch in diesem Restaurant eine Stippvisite gemacht haben, Hunderte von Kilometern von den berühmten Jakobswegen entfernt. Die wollen hier halt alle ebenfalls vom Pilgerboom profitieren, der viele Touristen über Frankreich nach Spanien zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela führt. Aber dass sie diesem bettelarmen, von der Tourismusindustrie mittlerweile stark vereinnahmten Jacques auch noch eine gestopfte Gänseleber unterjubeln wollen, deren Produktion in der Schweiz verboten ist, schleckt doch keine Geiss weg, beziehungsweise: Dafür gibt doch keine ehrliche Gans ihre Leber her.

Dann nehme ich doch lieber das «Faux Filet», welches sich schon selber vorneweg als falsches Filet bezeichnet. Übersetzt wird es allerdings als «Muss Faser» – und genauso faserig hat es auch geschmeckt.

Im nächsten Jahr probiere ich jedenfalls die «Dorade entière in sie wurde abgefragt». Möglicherweise verraten mir die Gräte, ob die Zweisprachigkeit in Biel eine Zukunft hat und ich wieder ein echter Belgier sein darf.

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