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Biel

Flüchtlingen begegnen – ohne Helfer zu spielen

Mit Begegnungstandems «Auf Augenhöhe» will der reformierte Arbeitskreis für Zeitfragen in Biel erreichen, dass Einheimische und Geflüchtete voneinander profitieren. Drei beteiligte Frauen ziehen nach dem ersten halben Jahr eine positive Bilanz.

Verstehen sich gut: die Bielerin Beatrice Hug, die geflüchtete Tibeterin Dorjee Lhakyi Deyu und die in Bern lebende Koordinatorin Aysel Korkmaz (von links). Copyright Bieler Tagblatt / Susanne Goldschmid

von Peter Staub

Seit knapp einem halben Jahr organisiert der reformierte Arbeitskreis für Zeitfragen sogenannte Begegnungstandems. Die Religion spiele dabei allerdings keine Rolle, sagt Aysel Korkmaz, die das Projekt «Auf Augenhöhe» als Koordinatorin betreut (siehe Zweittext).

Korkmaz ist selber ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration. Die Kurdin kam vor 17 Jahren aus der Türkei in die Schweiz. Sie lebt heute in Bern, wo sie sich zu Hause fühlt. Zum Gespräch über die Begegnungstandems hat sie die Bielerin Beatrice Hug und die aus dem Tibet geflüchtete Dorjee Lhakyi Deyu eingeladen, die seit fünf Monaten ein solches Tandem bilden.
 
Aysel Kurkmaz, die erste Saison der Bieler Begegnungstandems neigt sich dem Ende zu. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Aysel Korkmaz: Zuerst möchte ich sagen, dass ich ein solches Projekt gesucht hatte, als ich in die Schweiz kam. Leider gab es dies damals nicht. Umso schöner, dass ich mich nun selber dafür engagieren kann. Wir haben in der ersten Phase mit zehn Tandems begonnen und dann noch ein elftes Team gebildet. Es läuft ganz gut. Die Geflüchteten zu finden war nicht schwierig, da sie uns beispielsweise vom Roten Kreuz gemeldet wurden. Die hiesigen Freiwilligen haben wir über verschiedene Kanäle rekrutiert. Einige haben sich selber gemeldet, etwa über Facebook. Andere kamen durch Aktivitäten des Arbeitskreises für Zeitfragen zu uns.

Als Koordinatorin stellen Sie die einzelnen Tandems zusammen. Nach welchen Kriterien?
Ich führe mit allen Interessierten ein Einzelgespräch. Dieses dauert etwa eine halbe Stunde. Themen sind das Alter, die Hobbys und was sie sich vom Tandempartner wünschen. Aufgrund der Antworten stelle ich die Tandems zusammen. Etwa eine alleinerziehende Frau von hier mit einer Newcomerin, wie wir die Geflüchteten nennen, die ebenfalls Kinder hat.

Warum haben Sie Beatrice Hug und Dorjee Lhaki Deyu zusammengebracht?
Dorjee Lhaki Deyu singt sehr gerne, als Amateurin, aber sie hat ein grosses Potenzial, das sie vielleicht einmal entfalten kann. Beatrice Hug ist ebenfalls jung. Und sie ist in einem Theaterkurs. Deshalb dachte ich, dass sie kein Problem haben sollten, gemeinsam etwas zu unternehmen.

Beatrice Hug, was war Ihre Motivation, sich zu melden?
Beatrice Hug: Ich wollte mich schon lange mal im Haus pour Bienne engagieren, aber das hat irgendwie nie geklappt.
Korkmaz: Da haben wir sie uns geschnappt (lacht). Wir arbeiten mit dem Haus pour Bienne viel zusammen, es ist toll, dass Leute sich an mehreren Orten engagieren.
Hug: Das Vorgespräch mit der Koordinatorin Aysel Korkmaz empfand ich als sehr professionell. Mir hat gefallen, dass mir sehr genau erklärt wurde, was erwartet wird und was nicht. Auch dass es klare Spielregeln gibt, hat mir gefallen. Dass die Begegnung eben auf Augenhöhe passieren soll und ich also nicht eine Helferin bin und nicht für alles verantwortlich bin. Wir unternehmen und sprechen viel zusammen, aber ich bin nicht die Lehrerin, die nur gibt. Es soll ein Geben und Nehmen sein. Und das ist es auch.

Dorjee Lhakyi Deyu, Sie sind seit gut sechs Jahren in der Schweiz und sprechen relativ gut Deutsch. Weshalb machen Sie beim Tandem mit?
Dorjee Lhakyi Deyu: Meine Sozialarbeiterin beim Roten Kreuz hat mich angemeldet. Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, aber ich wollte vor allem mein Deutsch verbessern, um mehr mit Schweizern sprechen zu können. Ich lebe immer noch von der Sozialhilfe, möchte aber arbeiten.

Als Sie sich zum ersten Mal trafen, waren Sie sich gleich sympathisch?
Deyu und Hug: Ja (beide lachen).
Hug: Das erste Mal gingen wir in einem Restaurant einen Kaffee trinken. Seitdem haben wir uns etwa alle zwei Woche getroffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Zum Beispiel gingen wir in Biel spazieren.
Deyu: Und Beatrice erklärte mir, was ich wo in der Stadt finde. So waren wir zusammen in der Bibliothek, wobei ich nur selten ein Buch lese.

Wovon haben Sie am meisten profitiert?
Deyu: Für mich war vor allem die Gelegenheit, im Alltag Deutsch zu sprechen, sehr wichtig. Dank den Gesprächen mit Beatrice konnte ich mein Deutsch stark verbessern. Und ich habe mehr über die Umgebung von Biel erfahren.

Haben Sie Ausflüge gemacht?
Hug: Ja, wir waren etwa in Les Prés -d’Orvin oder auf dem Gurten.
Beatrice Hug, was hat Ihnen das Tandem gebracht?
Hug: Ich habe einen neuen, interessanten Menschen kennengelernt und viel über die Kultur im Tibet erfahren, etwa wie dort Weihnachten, respektive Neujahr gefeiert wird. Aber ich habe auch gelernt, wie es ist, hier als Flüchtling zu leben.

Haben Sie sich schon vorher mit dem Tibet befasst?
Hug: Ich war einmal in Nepal in den Ferien. Dort hatte ich die Idee, Tibet zu besuchen, aber die Chinesen wollten mich nicht einfach so einreisen lassen. Da habe ich mich ein wenig mit dem Tibet auseinandergesetzt aber nicht sehr intensiv.

Das Tandem wird vom reformierten Arbeitskreis für Zeitfragen durchgeführt. Diskutierten Sie über religiöse Fragen?
Deyu und Hug: Nein (beide lachen).
Korkmaz: Es ist uns wichtig, zu betonen, dass das Tandemprojekt religiös neutral ist. Ich als Koordinatorin habe auch keinen religiösen Hintergrund. Ich glaube an das Gute der Menschen. Meine Eltern sind Aleviten, aber ich definiere mich nicht über eine Religion.

Im Projektbeschrieb heisst es, dass Tandem-Teilnehmer acht Stunden pro Monat investieren sollen. Wie war das bei Ihnen?
Hug: Wir haben uns alle zwei Wochen getroffen und dabei jeweils mindestens eine Stunde zusammen verbracht. Manchmal etwas länger. Mit den Ausflügen kommen die acht Stunden etwa hin.
Korkmaz: Die genaue Stundenzahl ist nicht so entscheidend. Alle Teilnehmenden sind frei, dies nach ihren eigenen Bedürfnissen zu regeln. Diese Freiheit ist uns sehr wichtig. Die Form des Projekts soll ermöglichen, dass Leute, die mitten in der Ausbildung oder im Berufsleben stehen, sich freiwillig engagieren können. Diese Menschen haben viele Erfahrungen und Kontakte, die Geflüchteten hier beim Zurechtfinden unterstützen können. Das Projekt soll ihnen maximale Flexibilität ermöglichen. Wichtig ist uns dennoch, dass es eine gewisse Regelmässigkeit und Verbindlichkeit gibt.

Dorjee Lhakyi Deyu, wie sind Sie mit dem Tandem zufrieden?
Deyu: Ich bin sehr zufrieden. Aber ich möchte noch weitere Orte in der Umgebung kennenlernen und noch mehr mit Beatrice sprechen können. Das mit der Augenhöhe hat auf jeden Fall funktioniert. Ich hatte nie das Gefühl, dass Beatrice die Chefin war. Ich konnte einfach so sprechen, wie ich es kann.

Und Sie, Beatrice Hug?
Hug: Ja, die Augenhöhe hat gestimmt (lacht). Die gemeinsamen Ausflüge waren sicher die schönsten Momente, zum Beispiel als wir in Bern im Zoo waren. Und ich habe es auch genossen, Lhakyi die Orte in Biel zu zeigen, die ich selber schön finde.
Korkmaz: Es ist uns wichtig, dass wir die Freiwilligen auf die Gefahren des Helfersyndroms sensibilisieren; die Gefahr, dass man das Gegenüber als hilflose Person sieht, der man helfen muss. Das kann zu Abhängigkeiten, Bevormundung und Vorurteilen führen statt zu echtem Kennenlernen. Das könnte Enttäuschungen auf beiden Seiten geben. Auf Augenhöhe sieht man das Gegenüber als Mensch mit vielen Facetten, nicht nur als Geflüchtete oder Schweizerin. Es ist ein Ideal, das zu erreichen schwierig ist. Denn «Locals» und «Newcomer» stehen strukturell gesehen immer in einer ungleichen Beziehung zueinander. In unseren Gruppengesprächen diskutieren wir darüber.

In einem Monat geht Ihr Tandem zu Ende. Haben Sie Pläne für die Zeit danach?
Hug: Wir haben darüber gesprochen, dass wir uns auch nachher treffen und Ausflüge machen können. Wir sind ein wenig Freundinnen geworden.
Deyu: Ich werde in einer Firma ein Praktikum beginnen. Und hoffe, dort im Kontakt mit Einheimischen mein Deutsch weiter verbessern zu können.
Korkmaz: Wir suchen für die neue Saison noch hiesige Freiwillige, die sich zur Verfügung stellen. Wir möchten die Solidität und die Begegnungen zwischen Geflüchteten und Hiesigen stärken. Dieses Projekt bietet dank flexibleren Treffmöglichkeiten auch jenen eine Chance, die berufstätig sind.


Einheimische zeigen «Newcomers»ihre Stadt

Das Projekt «Auf Augenhöhe», im Untertitel auch das Bieler Begegnungstandem genannt, wird durch den Arbeitskreis für Zeitfragen der reformierten Kirchgemeinde Biel organisiert. Das Tandem sei offen für Einheimische und Flüchtlinge, heisst es im Projektbeschrieb, und zwar unabhängig von der Religion, der politischen Orientierung oder dem Aufenthaltsstatus.

Alle interessierten Menschen sollen mitmachen können, sofern sie «an Begegnungen auf Augenhöhe mit Menschen unterschiedlicher Prägungen interessiert sind». Wobei mit den Eingesessenen nicht zwingend Schweizerinnen und Schweizer gemeint sind. Das können auch Inländer mit einem anderen Pass sein, aber sie sollten in Biel und Umgebung leben. Auf der anderen Seite des Tandems sitzen geflüchtete «Newcomer», wie die Flüchtlinge in der Projektsprache neudeutsch genannt werden.

Mit den Interessierten führen die Projektverantwortlichen ein Gespräch. Anschliessend werden zehn Zweierteams, die Tandems, gebildet. Die Teams erleben zusammen den Alltag. Einheimische können den Flüchtlingen ihre Stadt oder ihr Dorf zeigen. Die Zuzüger bringen ihre Fähigkeiten ein und vermitteln etwa Hintergrundwissen zu ihrem Land. Diese sollten Basiskenntnisse in Deutsch mitbringen. Pro Tandem wird mit vier bis acht Stunden pro Monat gemeinsamer Zeit gerechnet. Die nächste Tandemrunde beginnt im Mai, sie dauert ein halbes Jahr.

Info: Wer sich für die Teilnahme interessiert, kann sich bei der Projektkoordinatorin Aysel Korkmaz melden: aysel.korkmaz@ref-bielbienne.ch

Über die Personen

• Aysel Korkmaz arbeitet zu 20 Prozent als Koordinatorin für das Projekt Bieler Begegnungstandem. Sie kam vor 17 Jahren als Kurdin aus der Türkei in die Schweiz, ist verheiratet und Mutter einer Tochter.
• Beatrice Hug ist eine 36-jährige Bielerin, die als Sozialpädagogin in einem Kinderhaus arbeitet.
• Dorjee Lhakyi Deyu ist 26 Jahre alt. Sie ist 2011 aus dem Tibet in die Schweiz geflüchtet und lebt mit Mann und ihren zwei Kindern in Biel. Zurzeit ist sie Hausfrau, beginnt demnächst ein Praktikum in einem Industriebetrieb.

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