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Nidau

«Es ist wichtig, dass ich ruhig bleibe»

Der Barkenhafen in Nidau ist aus dem Winterschlaf erwacht. Bootsbesitzer verpassen ihren Schiffen den letzten Schliff und Hafenmeister Jürg Kiener hat die Palmen vom Frostschutz befreit. Kiener erzählt, wie er bei seiner Arbeit von der Ausbildung zum Automechaniker profitiert und warum er regelmässig nach Guinea reist.

Während sich das H-Boot langsam ins Becken des Barkenhafens senkt, achten Beat Schneeberger (hinten) und Jürg Kiener darauf, dass es die Hafenmauer nicht berührt. Copyright Peter Samuel Jaggi / Bieler Tagblatt
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von Peter Staub

Die Vögel zwitschern um die Wette, während auf dem See ein frühaufgestandener Fischer in seinem kleinen Schiff langsam dem Bieler Kleinbootshafen zustrebt. Über dem brachliegenden Expo-Gelände drückt die Sonne durch Schleierwolken. Die Luft ist frisch und klar. Im Nidauer Barkenhafen stört nichts die Idylle, die bei so schönem Wetter an die legendäre Fernsehserie «Flipper» erinnert. Fehlt bloss, dass ein Delfin im Hafenbecken seinen Kopf aus dem Wasser streckt, um Besucher zu begrüssen.

Um 8.30 Uhr wartet vor dem Hafenkran das H-Boot Milan auf einem Trailer darauf, an den Haken gehängt zu werden.  Sein Besitzer, Beat Schneeberger aus Bellmund, segelt seit 45 Jahren auf dem Bielersee. Im Herbst hatte er sein 38-jähriges Schiff ausgewassert und auf dem ehemaligen Expo-Gelände zwischengelagert, danach das Unterschiff frisch gestrichen und das Oberdeck poliert. Sodass er nun im Frühling nur die Abdeckung entfernen musste, um für die neue Segelsaison startklar zu sein.  

Von Holland nach Neuseeland

Der Leiter der Schule Studen-Aegerten freut sich darauf, mit dem Milan auf den See rauszufahren, um die Verbindung mit der Natur zu spüren. Etwa einmal pro Woche zieht es ihn auf den Bielersee und einmal pro Jahr aufs Meer. Ans Meer hat er schöne Erinnerungen: In den 80-er Jahren segelte er während zwei Jahren von Holland nach Neuseeland. Noch heute glimmt ein leichtes Leuchten in seinen Augen, wenn er davon spricht. Am See gefällt ihm besonders, dass er hier einfach ablegen kann, ohne sich so umfangreich vorzubereiten, wie das für einen Hochseetörn nötig ist.

Um 8.50 Uhr fährt ein Kleinwagen vor. Auf der Beifahrerseite steigt ein gut gelaunter Mann aus: Jürg Kiener, Hafenmeister des Barkenhafens. Pünktlich für den 9-Uhr-Termin mit Schneeberger. Auf sein Grinsen angesprochen, fragt Kiener rhetorisch: «Was will man mehr, bei diesem Wetter?»

Nach einem kurzen Blick ins kleine Hafenbüro im zweistöckigen Holzgebäude des Barkenhafens bedient Kiener den Bootskran. Keine zehn Minuten nach Kieners Ankunft hängt der Milan bereits am Haken. Langsam lässt der Hafenmeister das Boot anheben, bis es frei in der Luft schwebt, sodass Schneeberger den Trailer darunter hervorziehen kann. Und wiederum nur ein paar Minuten später schwimmt das elegante Segelboot wieder in seinem Element. Um den Mast zu stellen, braucht Schneeberger die Hilfe des Krans nicht, das wird er später mit einem Kollegen von Hand machen.

Für die Krananlage war das Heben des 7.30 Meter langen Segelbootes kein Problem, dieses wiegt «bloss» 1,3 Tonnen. «Der Kran ist für 10 Tonnen zugelassen», sagt Kiener. Ist ein Schiff schwerer, was eher selten vorkommt, braucht es einen Pneukran. Schneeberger und Kiener verschwinden im Hafenbüro, um die finanziellen Fragen zu regeln; das Einwassern eines Schiffs dieser Grösse kostet 80 Franken.

Seit 72 Jahren auf dem Wasser

An der Ecke zum Restaurant Péniche liegt ein zweistöckiges Motorboot mit rotem Rumpf auf einem Trailer. Zwei ältere Männer sind damit beschäftigt, dem Schiff den letzten Schliff zu geben. «Ich bin seit 72 Jahren auf dem Wasser», sagt Hans Gasser, stolzer Besitzer des Schiffes. Das 6,3 Tonnen schwere Boot sei der erste «Pedro» – notabene eine holländische Marke –, der in die Schweiz importiert worden sei. Gasser entpuppt sich als wahrer Binnen-Seebär. Kunststück: Er ist nicht nur menschenfreundlich und kommunikativ.

Mit seinen 81 Jahren hat der Süsswasser-Kapitän auf dem Wasser auch einiges erlebt. So leistet er etwa seit 1964 Dienst im Rettungsdienst Bielersee. «Am Anfang habe ich dafür noch das eigene Boot benutzt», sagt Gasser. Daneben engagierte er sich ehrenamtlich auch für Dampfschiffe auf dem Bieler- und dem Neuenburgersee. «Bei der letzten Fahrt des Dampfschiffes ‹Berna› auf dem Bielersee habe ich Kohlen geschaufelt», erzählt Gasser.

Es gehe ihm gut, obwohl er doch ein wenig die Pharmaindustrie unterstütze, sagt er schmunzelnd und fügt an: «Seit dem Tag, an dem ich mich 1996 im technischen Dienst des Spitalzentrums pensionieren liess, habe ich kein Bauchweh mehr gehabt.» Nun freut er sich, mit der Familie und Freunden auf den See hinauszufahren. Wobei es ihm nicht wirklich ums Fahren geht. «Das Schönste ist, in einer gemütlichen Ecke zu ankern, und das Leben zu geniessen. Und dabei ab und zu baden zu gehen.»

Als Kiener vom Kontrollgang durch die Duschanlage des Hafengebäudes zurückkommt, um mit dem Reporter einen Kaffee trinken zu gehen, raunt der ebenfalls betagte Helfer Gassers: «Kiener wird überall am See gelobt. Wir wären froh, wenn es auf unseren drei Seen überall solche Hafenmeister gäbe.»

Kiener behandelt alle gleich

Als Automechaniker habe er gelernt, mit allen Menschen umzugehen. Und für die Bootsbesitzer sei ihr Schiff genauso wichtig wie für viele ihr Auto. Und weil er die Menschen möge und sie alle gleich behandle – «egal ob einer eine Luxusjacht oder ein kleines Fischerboot besitzt» – komme er bei den Leuten gut an, sagt Kiener auf das Lob angesprochen.

Wir sitzen im «Péniche», als Kiener aus dem Nähkästchen erzählt. Bereits beim Betreten des Restaurants, wurde er von mehreren Tischen her freundlich gegrüsst.  Und auch während des Gesprächs gibt es immer wieder neue Gäste, die Kiener mit Handschlag und Namen begrüssen. Man kennt sich, und man mag sich. Seine diesjährige Saison habe bereits im letzten Monat begonnen, sagt Kiener, der in Lyss aufgewachsen ist und nun seit ein paar Jahren in Port wohnt.

Bevor er die Hafenkran-Saison gestartet hat, kümmerte sich Kiener als Hauswart um die Gebäude rund um den Barkenhafen. Und um die Pflanzen: «Haben Sie gesehen, dass alle Palmen blühen?» Auch der Olivenbaum, der unter einem Tipi überwinterte, habe die Kälteperiode gut überstanden. Und damit sich die Gäste des «Péniche» über einen schönen Garten zwischen der Terrasse und dem Hafenbecken erfreuen können, hat Kiener Primeln und Aprilglöckchen gepflanzt. «Zudem habe ich einige Blumenzwiebeln versteckt, auf die sich die Gäste freuen können», verrät er.   

«Bin voll ausgelastet»

Jürg Kiener arbeitet sein knapp einem Jahr im Barkenhafen, angestellt mit einem 60 Prozentpensum. «Ich arbeite dann, wenn es mich braucht: Im Frühling und im Herbst, wenn die Boote ein- und ausgewassert werden, arbeite ich eher 120 Prozent», sagt Kiener. Neben der Stelle in Nidau betreut er als Hauswart noch eine Liegenschaft mit zwölf Wohnungen. Und hin und wieder revidiert er einen Bootsmotor. «Ich bin jedenfalls voll ausgelastet», sagt Kiener. Für seine Arbeit im Barkenhafen hilft ihm nicht nur seine handwerkliche Ausbildung. Auch seine jahrelange Erfahrung als Bootsmechaniker in einer Werft in Solothurn kommt ihm zupass.

Der Moment, wenn die Boote am Haken in der Luft hängen, mache die meisten seiner Kunden etwas nervös, sagt Kiener. «Dann ist es wichtig, dass ich ruhig bleibe, immerhin geht es um ihre Lieblinge.» In diesen Momenten kann der 53-Jährigen auch auf die Sozialkompetenz aus seinem Privatleben zählen. Kiener lebt mit seiner Partnerin in einer Patchwork-Familie. Auch seine eigenen Kinder sieht er regelmässig. Am Sonntag trifft sich jeweils die ganze Familie. «Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ich könnte nicht mehr sein ohne sie», sagt Kiener.

Dazu kommt das, was er seine zweite Familie nennt. Sein Vater arbeitete früher als Auslandkorrespondent für Medien aus Guinea. Und er studierte in Fribourg, wo er Kieners Mutter kennenlernte. Erst im Alter von 28 Jahren erfuhr Kiener per Zufall den Namen seines Vaters. Nachdem er ihn das erste Mal besuchte, hat er regelmässig Kontakt zu ihm und seinen sechs Brüdern und vier Schwestern in Guinea. «Im Februar war ich einen Monat in Conakry, der Hauptstadt von Guinea zu Besuch.»

Obwohl sein Vater unterdessen 75 Jahre alt ist, arbeitet er immer noch als Journalist. Zudem unterrichtet er jeweils am Samstag Studenten an der Universität. In Guinea gebe es halt keine Altersvorsorge wie in der Schweiz, sagt Kiener achselzuckend. Am letzten Sonntag hatte Jürg Kiener Geburtstag. Da habe seine zweite Familie in Afrika ein grosses Fest gemacht und ihren europäischen Sohn und Bruder online zugeschaltet: «Ich sah, wie sie tanzten und hörte ihre Musik im Hintergrund, das war schön», erzählt der Nidauer Hafenwart.  

Ein Hohelied auf Nidau

Bei seiner täglichen Arbeit mit Motorbooten und Segelschiffen hat sich Jürg Kiener mit dem Wassersport-Virus angesteckt. Zusammen mit einem Kollegen aus dem Barkenhafen teilt er sich nun ein Segelboot. Und er ist daran, den Segelschein zu machen. Seine Partnerin macht derweil das Motorboot-Billet. «Ich lebe mich hier richtig ein. Für mich gibt es keinen schöneren Platz als den See», schwärmt Kiener. Und er vergisst nicht, zu erwähnen, dass der Barkenhafen selber und das Städtchen Nidau so schön seien, dass sich ein Besuch jederzeit lohne. Es sieht also ganz so aus, dass sich die Bootsbesitzer am unteren Bielersee noch länger an Jürg Kieners guter Laune und seinem Arbeitseifer erfreuen können.  

Seine Dienstleistungsmentalität zeigt Kiener, als wir das «Péniche»verlassen und Hans Gasser zu ihm sagt, dass er doch noch nicht wie vorgesehen um 11 Uhr sein Boot einwassern kann, da er noch daran arbeiten müsse. «Sag mir, wenn du bereits bist, dann bin ich da», sagt Kiener. Die beiden einigen sich, das Schiff um halb Zwei ins Wasser zu heben. Und Kiener wendet sich den Werftarbeitern zu, die am Kran beschäftigt sind, um einem ihrer Kunden dessen Schiff bereit zu machen. Die Frühlingssaison im Barkenhafen ist in vollem Gang.

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