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Gewerbe & Gastronomie

Einem Ort Gutes tun

Kaum einer kennt die Bieler Altstadt so gut wie er: Martin Jegge. Seit über drei Jahrzehnten arbeitet der Restaurator und Galerist dort. Was wünscht er sich für diesen Stadtteil? Und welche Befürchtungen hat er?

Martin Jegge: «Die Altstadt hat ein unglaubliches Potenzial. Es darf aber nicht eine Attraktivierung um jeden Preis geben.» Copyright Peter Samuel Jaggi / Bieler Tagblatt

von Raphael Amstutz

Martin Jegge ist in Safnern geboren und aufgewachsen, damals in den 60er-Jahren. Den Weg in die Stadt Biel hat er in seiner Jugendzeit unzählige Male gemacht, oft mehrmals täglich. Hier hat er die Steiner-Schule besucht, am Juraplatz eine Schreinerlehre gemacht. Er war in einer Band, hat sich mit anderen Handwerkern in den Restaurants der Altstadt getroffen. 1986 eröffnete er zusammen mit dem Drechsler Thomas Blaser an der Juravorstadt ein eigenes Atelier für Möbelrestaurationen. Es folgten das Antiquitätengeschäft, der Start der Gewölbegalerie, Erweiterungen, Renovationen und Umzüge. Von Anfang an ist die Liebe zu diesem Fleck in Biel entflammt. «Dieser Ort ist für mich Lebensqualität», sagt Jegge.

 

Raum lassen für Spontanes
Jegge arbeitet gerne mit den Händen. Das Erlebte, Gelebte interessiert ihn. Im Kunsthandwerk und weit darüber hinaus. Der direkte Kontakt mit den Menschen ist ihm wichtig, der unmittelbare Austausch, ein Händedruck, der Blick in die Augen. Ganz da sein im Moment. Raum lassen für Spontanes. Oberflächlichkeit mag er nicht.

So hat er auch sein Geschäft als Restaurator, Antiquitätenhändler und Galeriebetreiber geführt über all die Jahre: Einen Kontrapunkt setzen zur schnelllebigen Zeit mit der Anonymität und der Unverbindlichkeit. Er ist seinem Geschäftsmodell immer treu geblieben, auch wenn der Umsatz Schwankungen unterworfen war und ist. Er weiss, dass normale Arbeitszeiten für ihn nicht denkbar sind. Jegge ist immer da und probiert in Geschäft und Galerie Neues aus.

 

Keine Schnellschüsse
Immer wieder ist im Gespräch dieses eine Wort zu hören: Lebensqualität. Für Jegge ist sie mehr als ein Schlagwort, wenn er von ihr im Zusammenhang mit der Altstadt spricht. Er fühlt sich hier daheim, er ist Teil dieser Altstadt geworden und deshalb ist er auch besorgt um sie.

«Auch wenn es abgegriffen klingen mag», sagt er. «Die Altstadt hat ein unglaubliches Potenzial. Es darf aber nicht eine Attraktivierung um jeden Preis geben. Nur ein Brimborium zu veranstalten, um die Menschen dazu zu verleiten, hierher zu kommen und Geld auszugeben, ist kontraproduktiv.» Mehr Menschen heisse nämlich manchmal weniger Leben. Es brauche Sorgfalt, den Blick fürs Ganze, den Mut auch zum Verzicht.

Natürlich fällt hierbei das Stichwort First Friday. In welche Kategorie gehört dieser Anlass? Jegge ist grundsätzlich ein grosser Freund des Anlasses, der innert kürzester Zeit zum Erfolg wurde. Jegge ist mit Herzblut dabei. Aber auch hier: Entscheidend sei, alles genau zu durchdenken. «Es richtig machen», nennt es Jegge. Schnellschüsse mag der Mann nicht. Wichtig sei, jene Menschen mit einzubeziehen, die hier leben. Jegge erzählt von den «Abfallschneisen», die er nach den ersten Durchführungen gesehen und entfernt habe. «Eigenverantwortung, Respekt, Engagement, ein Gefühl fürs Mass und die Kreativität des Gewerbes sind entscheidend», so Jegge. «Sonst wird das zu einer x-beliebigen Chilbi». 70 Prozent der Häuser in der Altstadt seien bewohnt. Es gelte, Rücksicht zu nehmen, eine Balance zu finden. Kommunikation sei wichtig. Einander zuhören, Kompromisse suchen, neue Ideen erarbeiten. Leben in einen Stadtteil zu bringen heisse nicht, einfach volle Gassen zu haben am Wochenende. «Lebensqualität hat mit Lebendigkeit zu tun, mit Abwechslung und einem breiten Angebot.» Und diese Angebote müssten gut erreichbar sein. Jegge plädiert für ein Miteinander von Velofahrern, Fussgängern und Autofahrern. «Alle Beteiligten sollen angehört werden», sagt er. Von einer Verteufelung des motorisierten Verkehrs hält er nichts. «Man verbannt einen Frosch auch nicht aus dem Biotop, weil er laut ist.»

 

Gegenseitiger Respekt
Auch hier: gegenseitiger Respekt, das genaue Abklären der Bedürfnisse und das Finden von Kompromissen. Dafür setzt sich Jegge seit vielen Jahren ein. Die Altstadt ist tot, hier läuft ja nichts. Jegge räumt dezidiert auf mit diesem Bild, das er immer wieder gezeichnet bekommt. «Wir haben eine der lebhaftesten, authentischsten und am besten funktionierenden Altstädte der Schweiz, die nicht das Stadtzentrum bilden.»

Jegge erwähnt das jährliche Kinderfest, das vor zwei Jahrzehnten ohne Grosssponsoren gegründet wurde, mittlerweile in der ganzen Altstadt stattfindet und bei dem zahlreiche Institutionen mitmachen, die mit Kindern arbeiten. Dazu kommen die Verkehrsbetriebe und die Feuerwehr, das Kinderspital und die Bibliothek, die IG Velo oder der SAC. «Ein schönes Beispiel für einen kreativen Anlass ohne kommerziell reisserischen Aufhänger», sagt Jegge. Wichtig sind ihm auch die Gruppe Vieille Ville Active und der Altstadtleist.

Und was wünscht er sich? Gut tun würde der Altstadt eine bessere Signaletik. «Dass die Busstationen Mühlebrücke und Juraplatz die Eingangstore sind, ist für einen Ortsunkundigen nicht ersichtlich.» Er empfiehlt, sie mit dem Zusatz «Altstadt» zu versehen oder bei den Stadteingängen auf eine historisch bedeutende Altstadt hinweisen, wie das viele andere Städte schon längst machen. Mit kleinen Veränderungen viel bewirken. Jegge hätte gerne neue, kleinere Anlässe tagsüber, einen Pasta- oder Blumenmarkt zum Beispiel oder einen mit Töpfereiartikel. Nicht stehenbleiben und doch das Ursprüngliche und Authentische bewahren. Diesen Spagat macht Jegge jeden Tag neu.

Dabei macht es für ihn keinen grossen Unterschied, ob es um die Altstadt als Ganzes oder um das eigene Geschäft geht. Was zählt, ist der unbedingte Wunsch und Wille, einem Ort Gutes zu tun. Wenn Martin Jegge etwas macht, dann nicht halb.

 

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Zwei Ausstellungen, ein Kinderfest

- Martin Jegge, Möbelrestaurationen, Kunst, Design und Antiquitäten, Obergasse 4 und 10a, Biel.

- Öffnungszeiten Laden: Di/Mi/Fr, 14 bis 18.30 Uhr; Do, 14 bis 20 Uhr; Sa, 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr. Oder nach telefonischer Voranmeldung unter der Nummer 032 323 49 58.

- Öffnungszeiten Atelier: Mo und Mi,7 bis 12 Uhr; Di/Do/Fr, 7 bis 12 Uhr,13.30 bis 17 Uhr.
Bis diesen Samstag läuft die Ausstellung «Möbelklassiker und bildende Kunst im 20./21. Jahrhundert». Vom24. August bis am 15. September sind Werke von Sarah Fuhrimann, Petra Tschersich (beide Malerei) und Lucia Strub (Skulpturen) zu sehen.

- An diesem Samstag findet das nächste Kinderfest statt. raz

 

Link: http://gewoelbegalerie.ch.
 

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