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«Ein Schraubenzieher wirkt bis zu 650 Kilogramm»

Stephan Hofer und sein Team machen Einbrechern das Leben schwer. Der Leiter der Einbruchprüfstelle der Berner Fachhochschule BFH und diplomierte Ingenieur FH erklärt im Gespräch, welche Faktoren neben roher Gewalt berücksichtigt werden.

Symbolbild: Keystone
  • Dossier

Stephan Hofer, Leiter Einbruchprüfstelle


Stephan Hofer, was ist eine Einbruchprüfstelle?
Stephan Hofer: Eine Prüfstelle ist eine formell anerkannte, fachlich und organisatorisch kompetente Stelle, die in einem bestimmten Geltungsbereich Dienstleistungen durchführen darf. Wir sind akkreditiert und notifiziert. Mit Tests versuchen wir abzubilden, wie ein Einbrecher vorgeht.   

Wie testen Sie genau?
Die Firma liefert uns zwei gleiche Exemplare des fixfertigen Produkts, das sie testen lassen will. Die beiden Teile werden bei uns in den Prüfstand eingebaut. Der nach den EN-Normen ausgeführte Test besteht aus drei Phasen. Zuerst wird mit einem Druckstempel auf das Testobjekt statischer Druck von 150 bis 1000 Kilos ausgeübt, je nach Sicherheitsstufe, die man erreichen will. In Phase zwei wird die Dynamik simuliert, wenn der Einbrecher mit Schultern oder Füssen einwirkt. Dazu lassen wir einen an einem Pendel aufgehängten 50 Kilogramm schweren Zwillingsreifen von einer bestimmten Höhe auf die Prüfkörper fallen. Als Drittes kommen manuelle Einbruchwerkzeuge zum Einsatz. Hier sind die eingesetzten Mittel und die Angriffszeit abhängig von der Sicherheitsstufe.

Wie sind die Sicherheitsstufen definiert?
Es gibt sechs sogenannte Widerstandsklassen (Resistance Class), von RC 1, der niedrigsten Sicherheitsstufe, bis RC 6, der höchsten. Meist prüfen wir RC 1 bis RC 4. Bei Fenstern bietet RC 2 ein gutes Sicherheitsniveau für den Wohnbereich, bei Türen geht es eher bis RC 3.

Welches sind typische RC-2-Werkzeuge?
Bei RC 2 verwenden wir hauptsächlich Schraubenzieher und Zangen, Schraubenschlüssel und Drähte, mit denen wir mit Biegen, Drücken und Abschrauben die schwächsten Punkte am Objekt suchen. Dabei ist der Effekt nicht zu unterschätzen: Ein Schraubenzieher kann bis zu 650 Kilogramm wirken. Bei RC 3 kommt noch der Geissfuss hinzu. Da sind wir dann bei Wirkungen über einer Tonne.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Teammitglieder in allen Tests konstant gleich viel Kraft ausüben?
Wichtige Frage. Einerseits ist nicht nur die Masse, die rohe Kraft, sondern auch die Technik und Dynamik entscheidend. Die sogenannten «Angriffsmodi». In unserem Team von fünf Leuten sind alle auf diese Aspekte geschult. Im Test selber sind wir zu zweit, Ausführender und Prüfungsleiter.

Wie hoch ist die Zeitvorgabe, die von Ihnen angesprochene «Angriffszeit»? Ein Einbruch geschieht ja meistens innert weniger Minuten.
Ja. Auf Stufe RC 2 hat der Prüfer drei Minuten Angriffszeit, bei RC 3 sind es fünf Minuten. Diese Zeiten sind abgeleitet aus statistischen Erhebungen der Polizei.

Wie schaffen Sie bei Ihren Kunden Vertrauen?
Die Hersteller sind bei der Prüfung meistens dabei. Wir machen nach jedem Testabschnitt eine Pause und besprechen zu zweit, also Prüfer und Prüfungsleiter, die Ergebnisse mit dem Auftraggeber. Die Prüfung wird zudem auf Video aufgezeichnet, um auch später das Ergebnis nachvollziehen zu können. Zum Schluss erhält der Kunde das Protokoll und den Prüfbericht.
 
Gehen Einbrecher heute noch gleich vor?
Überwachungs- und Alarmanlagen sind wichtige Komponenten im Gesamtkonzept für die Sicherheit vor Einbrüchen. Geissfuss und Schraubenzieher sind bei Einbrüchen immer noch die am häufigsten Werkzeuge.

Abschliessend der Tipp des Experten zur Einbruchsverhütung.
Zuerst sind es die einfachen Mittel: Rollläden und Fensterläden schliessen, wenn man weg ist. Aber generell ist es wichtig, für jedes Objekt individuell ein Gesamtkonzept zu erarbeiten.

Interview: Marc Schiess

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