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Biel

Ein Dorf auf dem Campus

Archäologie Der Aushub der Baugrube für den Campus fördert das bisher älteste Pfahlbaudorf am Bielersee zu Tage. Es ist knapp 6 000 Jahre alt. Die Fundstelle wird morgen ab 14 Uhr erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

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Nandita Boger

Nachmittag auf der nebelverhangenen Baustelle des Campus, gegenüber dem Centre Bahnhof, in Biel. Fünf Gestalten stehen am Rande der Baugrube. Eine Figur, in grelloranger Arbeitskleidung, löst sich aus der Gruppe und kommt mit schweren Stiefeln und Helm der Besucherin entgegen. Es ist Regine Stapfer, Leiterin Ressort Prähistorische und Unterwasserarchäologie beim Kanton.

Routiniert bewegt sie sich auf der Baustelle des Campus, seit April überwacht sie einmal wöchentlich den Fortschritt der Ausgrabungen. Sondierungen hatten schon vor Baubeginn ergeben, dass mit archäologischen Funden zu rechnen ist, die Ausgrabungen laufen parallel zum Baugrubenaushub. Nun haben sich die Hoffnungen bestätigt: Das Team ist bei den Grabungen auf eine Siedlung gestossen. Innerhalb weniger Wochen haben die Ausgräber zahlreiche Fundstücke zu Tage gefördert. Die Artefakte werden morgen um 14 Uhr der Öffentlichkeit präsentiert.


Einblicke ins Dorfleben
Vor knapp 6000 Jahren, 3840 vor Beginn unserer Zeitrechnung, lebten hier Menschen, die sich Häuser bauten, Beeren und Pilze sammelten, Ackerbau und Viehzucht betrieben und auf die Jagd gingen. Das Dorf bestand wahrscheinlich aus zehn bis zwanzig Einzelhäusern, die je von sechs bis zehn Personen bewohnt wurden. Davon ausgehend lebten in der Siedlung zwischen 100 und 200 Personen. Zu diesem Ergebnis kommt der archäologische Dienst nach ersten Schätzungen. Dabei handelt es sich heute noch um Spekulationen, denn gesicherte Ergebnisse werden erst nach Abschluss der Grabarbeiten vorliegen. Bis es soweit ist, erhaschen die Forscher scheibchenweise einen Blick auf die Vergangenheit.

Im Grabungsgebiet von 5000 Quadratmetern befindet sich das innere Siedlungsgebiet, der eigentliche Kern der Siedlung, auf einer Fläche von ungefähr 1400 Quadratmetern. Genauer gesagt befindet sich hier nur das halbe innere Siedlungsgebiet. Zum Leidwesen der Archäologen lag die andere Hälfte unter dem ehemaligen General-Motors-Gebäude und wurde vollständig zerstört. «Dies ist im Moment die älteste Siedlung vom Bielersee», sagt Stapfer. «Das Alter, die Anzahl und die Grösse der gefundenen Artefakte übersteigen unsere bisherigen Erwartungen.»

Das Dorf war mit einem doppelten Palisadenzaun aus schmalen Hölzern umgeben, der wohl als Schutz vor wilden Tieren gebaut worden war. Man könne sich vorstellen, dass er mit Ranken umflochten und verstärkt gewesen sei. Dem Ansturm feindlich gesinnter Horden habe er aber nicht standhalten müssen. Im Gegensatz zu anderen Palisaden um Siedlungen am Bielersee gibt es hier keine Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen. Da die Siedlung am Ufer des Bielersees gestanden hat, könnte der Zaun auch ein Wellenbrecher gewesen sein, sagt die Archäologin. Die Sonne drückt nun durch die Nebeldecke. Am Boden der Baugrube, gut fünf Meter unter dem Strassenniveau, sind die Ausgräber an der lehmigen Wand beschäftigt. Hier befanden sich die Häuser der Siedlung.


Mit Bagger und Spachtel
Ein Ausgrabungsmitarbeiter in oranger Sicherheitskleidung schabt mit einer Kelle über die Lehmschichten. Handbreite Lagen in unterschiedlichen Grautönen umschliessen die Pfähle der Wohnhäuser. Das Dorf lag im Bereich des Flussdeltas der Schüss. Doch die Häuser standen nicht am Fluss, sondern auf der Strandplatte des Bielersees, der wohl bis zur heutigen Campusbaustelle reichte. Diese Folgerung lassen die feinen Schichten des Untergrunds, die wie Bänder übereinander liegen, zu, die nur in einem ruhenden Gewässer entstehen können.

Etwa zehn Pfähle befinden sich in diesem Abschnitt. Sind sie vermessen, dreht der Bagger die umgebenden Bodenschichten von unten nach oben, und die Suche nach von Menschen hergestellten Gegenständen, den Artefakten, beginnt. Wenn die Fundstelle Quadratmeter für Quadratmeter durchforstet und die Fundmaterialien entnommen worden sind, wird die Schicht abgetragen und auf die Deponie geführt. Die nächste Scheibe wird zur Ausgrabung angezeichnet, und die Erde mit dem Langarmbagger in feinen Schichten abgezogen. So erscheint jeweils nur für die Dauer eines kurzen Augenblicks ein Abschnitt der Siedlung vor den Augen der Betrachter und wird im nächsten Moment schon wieder verschwinden.

Die Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Bauarbeitern verläuft dank guter Koordination problemlos. Die Bauzeit verlängert sich zwar durch die Ausgrabungen, dafür wird der Baugrubenaushub teils durch die Archäologen finanziert.


Die weite Reise eines Beils
Der bisher spannendste Fund sei ein «Stiegbaum», eine primitive Treppe aus einem Baumstamm mit eingehauenen Kerben, sagt Stampfer. Leider ist dieser vor Ort nicht zu sehen, denn zum Schutz wurde er sofort nach der Entdeckung nach Bern transportiert, um feucht und kühl gelagert zu werden. Alle übrigen Fundmaterialien werden aber an der Führung zu sehen sein. Keramik von Kochtöpfen und Schalen in den typischen Formen der Region, lagert in Schachteln. Säuberlich beschriftet mit Datum, Fundort, Bezeichnung. Die Verzierung der Töpfe mit Knubben oder die glänzende, glatte Oberfläche des Tons durch Bearbeitung mit einem flachen Stein zeigen: Auch Steinzeitmenschen hatten den Anspruch auf Ästhetik im Alltag.

Und es gibt Überraschendes, wie Bruchstücke eines Gefässes mit eingerolltem Rand, eine Zierart, die vor allem im Elsass vorkommt. Hier hat steinzeitlicher Kulturaustausch stattgefunden. Gebeine von Tieren, Fundamentpfähle mit Schlagspuren vom Beil, Palisadenhölzer und Steinbeile aus grünlichem Serpentit, einem Gletschergeröll, liegen nebeneinander auf dem Tisch.

Die Fundstücke zum Anfassen nahe vor Augen zu haben, lässt angesichts ihres Alters schaudern. Andere Exponate sind dazu geeignet, in Erstaunen zu versetzen. Pfeilspitzen aus Silex, dem sogenannten Feuerstein, lassen auf ein ganz Europa umspannendes Kontaktnetz der Abbaugebiete schliessen. Wie gross war die Mobilität der Menschen schon damals, dass sie 450 Kilometer Distanz für das Rohmaterial zurücklegten? Oder jene feine, schwarze Klinge eines Beils: Das verwendete Sedimentgestein stammt aus den Vogesen.

Dass das Werkzeug nicht hier gefertigt wurde, ist anzunehmen, sonst hätten sich Bruchstücke des Steins vor Ort gefunden. Wie und weshalb ist diese Klinge nach Biel gekommen? An der öffentlichen Begehung werden nicht nur diese Artefakte zu sehen sein. An fünf Posten erhält der Besucher Einblick in die Arbeitsweise der Archäologen, erfährt Vieles über das Leben der Pfahlbauer und ihre Häuser und kann sich das Verfahren der Schlämmproben oder die Dendrochronologie erläutern lassen. Baustellentaugliches Schuhwerk wird empfohlen.

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