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Biel

Die Wölfe kommen nachts

Wohin führen die vielen Naturprojekte in der Stadt Biel? Ein Blick in die Aufzeichnungen eines unbekannten Chronisten im Bieler Jahrbuch von 2027 gibt Aufschluss darüber.

Es ging ja anfangs bloss um Schmetterlinge. Ich hätte auch nicht gedacht, dass es dann so schnell geht. Bildmontage: Anita Vozza
  • Dossier

Gefunden von Tobias Graden

Nun ist also das Baugesuch des neuen «Arcade»-Wirts abgelehnt worden. Das ist überaus bedauernswert, und ich halte es nach reiflicher Überlegung für eine fragwürdige Einschränkung privater Initiative. Schliesslich war ich nicht der einzige, der nach den Gartenarbeiten jeweils gerne eine dieser neuen Bierkreationen ausprobieren ging. Auch der InsektenBurger schmeckte mir mehr und mehr; ich finde, er ähnelte zunehmend dem, was wir früher als Hamburger gekannt hatten. Dass der Wirt heimlich und verbotenerweise echtes Rindfleisch beimischte, halte ich für ein Gerücht.

Der Schutzzaun beeinträchtige den Lebensraum der Wölfe in unzulässiger Weise, hiess es in der Begründung der Stadt, die Gewährung eines möglichst natürlichen Wanderverhaltens der Wildtiere sei höher zu gewichten als die Interessen des Wirts und seiner Gäste, abends geschützt draussen sitzen zu können. Nun, diese Argumentation vermochte kaum mehr jemanden zu überraschen. Zwar gibt es nun viele, die sagen, sie hätten diese Entwicklung schon vor zehn Jahren vorausgesehen, doch die spielen sich auf. Gewiss, wir müssen uns einige Fragen gefallen lassen, ich nehme mich da nicht aus. Doch in Wahrheit ist es so, dass sich die damals durchaus vorhandenen Indizien erst im Nachhinein zu einem Bild zusammenfügen lassen.

Es ging ja anfangs, im Frühling 2017, nur um Schmetterlinge. Wer hätte auch was dagegen haben sollen, die städtische «Biodiversität» durch ein «Pilotprojekt» auf drei «Grünflächen» zu erhöhen? Der «Verein Stadtschmetterlinge» hatte nicht umsonst auf die Gefährdung der schönen Tiere aufmerksam gemacht. Niemand kritisierte, dass die Stadt solche Projekte unterstützte und die «Mitarbeitenden der Stadtgärtnerei» die «Wildblumenwiesen schmetterlingsgerecht – und somit insektengerecht – bewirtschaften» würden.

Im Nachhinein komme ich allerdings nicht umhin, gewisse Parallelen zum kurz zuvor propagierten Schutz der Amphibien zu sehen. Auch ich fand es schade, dass deren Lebensräume durch die Siedlungstätigkeit stark eingeschränkt worden waren, und begrüsste es daher, dass «die Stadt Biel ihre lokalen Amphibien fördern» wollte. Das ist halt Natur, dachte ich, als meine Katze starb, nachdem sie einen dieser mit der Zeit überraschend zahlreich auftretenden Feuersalamander gefressen hatte. Eine neue zu kaufen, schien mir angesichts der zunehmenden Berichte, wonach Hauskatzen durch ihre Jagdtätigkeit in Städten die Artenvielfalt gefährdeten, unangebracht.

Dass mit der Zeit unerwarteterweise die Aspisviper in Biel heimisch wurde, liess sich sodann durch das Projekt «Mehr städtischer Lebensraum für Eidechsen» im Jahr 2018 erklären, weitete sich doch damit auch das Nahrungsangebot für die Schlangen aus. 
Ich muss anerkennen, dass das folgende Präventionsprojekt der Stadt, das Schulkinder den richtigen Umgang mit dem giftigen Tier lehrte, erfolgreich war und gröbere Zwischenfälle bis heute ausgeblieben sind.

Im Rückblick muss ich allerdings eingestehen, dass auch ich die Zeichen nicht erkannt habe, obwohl ich geschmunzelt hatte, als die «Energiestadt Biel» Mitte September 2016 verkündete, sie habe nun «zum ersten Mal ihren eigenen Honig», nachdem sie die «Standorte Mettmoos und Friedhof Bözingen zur Verfügung» gestellt hatte, da diese sich für die «Apis mellifera mellifera (Dunkle Biene Schweiz)», «diese einzige einheimische Bienenrasse der Schweiz», «hervorragend» eigne. Es war Wahlkampf, und die Umweltdirektorin mobilisierte eben auch die Bienen, um die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Dass kurz darauf Bieler Imker protestierten, sie produzierten im Fall schon seit geraumer Zeit Honig auf Stadtgebiet, tat ich als aufgesetztes Beleidigtsein einer eher freakigen Randgruppe ab. Erst kürzlich kam mir der Gedanke, es hätte auch als berechtigte Unmutsbekundung initiativer Privatpersonen gelesen werden können.

Oder dann die Walnussbäume im Schüsspark, die im März 2017 in einem feierlichen Akt mit der Gemeinderätin gepflanzt worden waren: Auch ich hegte Sympathien für den Initianten Shahverdi Ahadov, den ehemaligen stellvertretenden Landwirtschaftsminister von und späteren Geflüchteten aus Aserbeidschan und unermüdlichen Förderer von Naturprojekten in der Schweiz. 
Ich freute mich ob seiner Initiative und gönnte es ihm, an der Seite eines Exekutivmitglieds einen Auftritt zu haben. Wer hatte damals schon seine Äusserungen ernst genommen, wonach die Schweiz ihre Abhängigkeit von Agrarimporten vermindern müsse und frisch gesetzte Walnussbäume schon nach kurzer Zeit die Bevölkerung mit Essen versorgen könnten?

Ich habe – wie viele andere auch – erst dann die Stirne gerunzelt, als ein paar Monate später immer mehr Walnussbäume gepflanzt wurden, die Sozialdirektion ins Projekt einbezogen, die Schüssinsel zum «Lebensraum für essbare Insekten» erklärt wurde und erste städtische Kurse stattfanden, die einen «ausgewogenen Speiseplan durch Nüsse und Insekten» versprachen.

Ich gebe es zu, es hätte auch mir zu denken geben können, als während der Pressekonferenz, bei der es um die bedeutsame Ausweitung der Schwanenkolonie ging, erstmals die Idee eines «Umweltbeirats» für Biel geäussert wurde, zumal ich Schwanenmutter und Tieraktivistin Liz Vogt als mögliches Mitglied für eine etwas eigenwillige Personalie hielt. Auch hätte ich die Einberufung dieses Rates anlässlich der Ausweitung des Biberparks auf das ganze städtische Gebiet der Schüss etwas kritischer beobachten sollen, zumal Franz Hohler darin einberufen wurde, der an der entsprechenden Pressekonferenz im Jahr 2019 irgendwas von «Rückeroberung» erzählte.

Den Entscheid dagegen, anstelle der Inverkehrssetzung von noch nicht praktikablen autonom fahrenden Bussen zum Tierpark hinauf das Areal des selbigen bis auf das Stadtgebiet hinunter auszuweiten, bewertete ich nach anfänglicher Skepsis durchaus als positiv und wirtschaftsfreundlich, nachdem ich sah, wie viele Touristen damit angelockt werden konnten und wie der Bieler Tierpark im Jahr 2022 im europäischen Vergleich des Zooverbands in puncto Nachhaltigkeit sogar die Masoala-Halle auf den zweiten Platz verwies.

Während ich diese Zeilen schreibe, stelle ich mit Bestürzung fest, dass der Fischreiher meinen Felchen stibitzt hat, den ich auf dem Balkon ausgelegt hatte. Dabei habe ich diesen heute Nachmittag selber gefangen! Das ist nicht einfach und braucht Ausdauer, seit sowohl Netze als auch Angelruten mit dem Verweis auf «ungleich lange Spiesse zwischen Mensch und Tier» in Biel im Jahr 2024 verboten worden sind. Ich habe ja, ich gebe es zu, eine gewisse Abneigung gegen solches Federvieh, seit ich kürzlich zufälligerweise – ich betone: zufälligerweise! – eine Szene aus dem Hitchcock-Film «Die Vögel» gesehen habe. Der Film ist ja mittlerweile in Biel verboten, es heisst, die Tiere würden darin «nicht ihrer Natur gemäss dargestellt», mithin «herabgewürdigt», doch es kursieren Raubkopien. Davon halte ich mich aber fern. Nicht, weil mich die Gesetze schreckten, aber ich will doch nicht die Fischreiher auf dumme Gedanken bringen.

Jedenfalls stellt sich mir nun die Frage, was ich zum Abendessen kochen soll. Das Gemüse ist nämlich auch bald alle. Leider hatte ich weniger Glück als mein Nachbar, dessen Bepflanzungsparzelle auf dem mittlerweile begrünten früheren Zentralplatz im Gegensatz zu meiner verschont geblieben ist, als eine Rotte Wildschweine die Gegend im Zentrum der Stadt umpflügte.

Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass es so schnell geht. Dass die Tiere so rasch auch mitten in die Stadt zurückkommen. Ich vermute, es hat mit dem denkwürdigen «Agglolac-Westast-Kompromiss» zu tun. Nach jahrelangem Geplänkel und politischem Kleinkrieg fiel 2025 der Entscheid, das Quartier am See doch nicht zu bauen, das Areal für Mensch, aber auch Tier komplett freizugeben, im Gegenzug dafür die erstaunlich rasch fertiggestellten, sich unter Erdniveau befindenden Autobahnteile unter Wasser zu setzen, sie mit dem See zu verbinden und an ihrem Ufer stadtnah eine Marina-ähnliche Überbauung zu realisieren, die gute Steuerzahler anlocken soll. Ich frage mich einfach, ob diese denn auch nach Biel kommen werden, nun, da bisweilen Luchse durch die Gassen streifen.

Aus der Autobahn einen Hafen zu machen, war dagegen ein vergleichsweise einfacher Entscheid. Nachdem sich die Unfälle mit kreuzendem Wild gehäuft hatten und der Bundesrat den Automobilisten empfahl, die Stadt Biel «weiträumig zu umfahren», hat auch der örtliche TCS schliesslich eingesehen, dass Privatschiffe auf dem A5-Areal einträglicher sind als nicht mehr verkehrende Privatautos.

Ich muss sagen, diese Solarenergie-Speicherpanels, die letztes Jahr an die Stadtbevölkerung abgegeben wurden, sind recht praktisch. Ohne sie könnte ich gar nicht abends noch Texte in meinen Laptop schreiben. Diese Entwicklung der Fachhochschule ist wirklich nützlich, ich habe mich sogar bereits beim Gedanken ertappt, die Rationierung des Strombezugs gar nicht mehr 
so schlimm zu finden.

Apropos Fachhochschule: Ich sollte mich noch einschreiben für den demnächst beginnenden Kurs. Ich gestehe, ich habe im vergangenen Jahr noch einen süffisanten Kommentar geschrieben, als der neue Studiengang vorgestellt wurde. Mittlerweile bedaure ich das, und ohne über Beweise zu verfügen, muss ich vermuten, dass der damalige Text der Grund dafür ist, dass ich auf der Warteliste so weit hinten gelandet bin. Tatsächlich bin ich aber zum Schluss gekommen, es könnte mir nützlich sein, das Studium «Alternative Urbanisierung» zu absolvieren, heisst es doch im Untertitel, «Mensch, Natur und Technik» würden «in Einklang gebracht».

Jetzt muss ich aber aufhören. Es wird dunkel, und die Wölfe kommen nachts. Ich weiss nicht, ob es bloss ein Gerücht ist, aber sie sollen jene riechen können, die noch Fleisch essen. Doch was ich selber gejagt habe (der Verkauf von Fleisch ist auf Stadtgebiet ja schon länger untersagt), lasse ich mir nicht nehmen, verschärfte Wilderergesetze hin oder her.

Stichwörter: Wölfe, Schmetterlinge

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