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Biel

Die Innenstadt übt die Zukunft

Vom Einkaufszentrum zum Aufenthaltsraum: Die Innenstadt von Biel wird sich markant verändern. Die Stadt will in den nächsten Jahren bis zu 70 Millionen Franken investieren. Im Sommer gehts los.

Bild: Peter Samuel Jaggi
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Lino Schaeren

Das Ladensterben wird sich in erheblichem Masse fortsetzen, auch in Biel. Diese düstere Aussicht steht im «Zukunftsbild der Bieler Innenstadt», das gestern von der IG Innenstadt präsentiert wurde. Die IG setzt sich zusammen aus rund 30 Vertretern der Stadt, des Detailhandels, der Vereinigung City Biel-Bienne, dem Nidaugassleist und der Gastronomie-, Bar- und Clubszene.

Das Ladensterben, ausgelöst durch den Strukturwandel im Detailhandel, das laut «Zukunftsbild» durch niemanden verhindert werden könne, solle aber als Chance genutzt werden. Das Papier ist kein verbindlicher Massnahmenkatalog, im Gegenteil. Aber es zeigt auf, dass die Bieler Innenstadt vom Zentrum für Einkäufe zum belebten Begegnungs- und Aufenthaltsraum werden soll: Wo heute nur hinkommt, wer auf Einkaufstour geht, soll in Zukunft die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum verschwinden und eine «Wohnzimmeratmosphäre» herrschen. Wie das letztlich gelingen soll, ist weitestgehend offen, in diesem Jahr sollen aber bereits erste Versuche durchgeführt werden. Die Bahnhofstrasse komplett vom motorisierten Verkehr zu befreien, davon lässt die Stadt vorerst aber noch die Finger.

Analyse zeigt Potenzial auf
Die Bieler Innenstadt hat seit längerem viele Leerstände zu beklagen. Das ist kaum verwunderlich und betrifft bei weitem nicht nur Biel, schliesslich sorgt die Verlegung des Einkaufens ins Internet seit Jahren für schwindende Verkaufsflächen, in der Schweiz ist sie alleine in den letzten Jahren um fast zehn Prozent zurückgegangen. Innovative Ideen seien deshalb gefragt, sagte Hans Naef von der Zürcher Gesellschaft für Standortanalysen und Planungen (GSP) bereits im September 2017, als er seine Analyse des Entwicklungspotenzials der Bieler Innenstadt als Einkaufs- und Erlebnisstandort präsentierte. «Wer zu nostalgisch denkt, der verschwindet von der Bildfläche.» Die Untersuchung hatte die Stadt bei GSP in Auftrag gegeben, sie liegt dem «Zukunftsbild der Bieler Innenstadt» zugrunde.

Doch nicht nur neue Geschäftsmodelle im Detailhandel und eine neue Gestaltung des öffentlichen Raums sind gefragt. Auch die Liegenschaftsbesitzer müssen aufgrund der leer stehenden Flächen über die Bücher. Die IG Innenstadt versucht, alle Mitspieler zusammenzuführen. Nur, wenn Private und öffentliche Hand zusammenspannten, betont Stadtpräsident Erich Fehr (SP), könne die Umgestaltung der Innenstadt gelingen.

Und die IG glaubt, eine grosse Schwachstelle ausgemacht zu haben: Es mangle an Aufenthaltsqualität, der Mensch müsse mehr Raum erhalten. Doch auf Kosten von wem? Wahrscheinlich auf Kosten des motorisierten Verkehrs. Dieser beansprucht gerade in der Bahnhofstrasse, obschon teils nur noch von Taxis und Bussen befahren, viel Platz. Die Idee, die Bahnhofstrasse analog zur Nidaugasse zur Flaniermeile umzugestalten, wurde deshalb im letzten November erstmals breit diskutiert (das BT berichtete). Ein konkretes Projekt gibt es aber nach wie vor nicht und es dürfte auch noch einige Jahre dauern, bis ein solches auf dem Tisch liegen könnte: Die Situation ist vor allem für den öffentlichen Verkehr komplex; heute führen alle Buslinien zum Bahnhof, die meisten von ihnen durch die Bahnhofstrasse.

Ein dreitägiges Festival
Bis der Verkehr allenfalls neu geleitet wird, will die Stadt andere Massnahmen forcieren – zumindest temporär. Die Innenstadt soll bereits diesen Sommer als eine Art Labor genutzt werden: Die Stadt testet Massnahmen und wertet aus, wie diese bei der Bevölkerung ankommen. Dabei stehen Ideen im Vordergrund, die einfach zu realisieren sind. Etwa: Wird die Innenstadt vermehrt als Aufenthaltsraum genutzt, wenn mehr Sitzgelegenheiten zur Verfügung stehen? Oder: Braucht es Spielmöglichkeiten für Kinder, damit die Innenstadt für Familien zum Verweilen attraktiver wird? Solche Fragen will die Stadt dank temporärer Massnahmen beantworten können.

Insgesamt rechnet die Stadt für die Mission, die Innenstadt zum Erlebnis- und Aufenthaltsort zu transformieren, in den nächsten Jahren mit einem Investitionsvolumen von 50 bis 70 Millionen Franken. In die Grobschätzung miteinbezogen werden die beiden gescheiterten Projekte Bahnhof- und Neumarktplatz. Mit der Ausgestaltung und dem Nutzen beider Plätze ist heute niemand wirklich zufrieden, trotzdem wurde in den letzten Jahren an der Urne ein Kredit für die Neugestaltung jeweils abgelehnt. Die Stadt stellt eine neue Planung für den Bahnhofplatz ab 2020 in Aussicht, für den Neumarktplatz ab 2023.

Bereits im Frühling 2020 soll während drei Tagen ein «Themenfestival» in der Innenstadt durchgeführt werden. Dabei werde die Zukunft bereits Realität werden, teilt die IG mit: Das Festival solle aufzeigen, wie das Stadtzentrum belebt werden könnte. Interessierte sind eingeladen, sich mit konkreten Ideen zu beteiligen. Allerdings: Ob der Anlass tatsächlich stattfinden wird, wird erst nächsten Monat entschieden. Denn auch hier gilt: Detailhandel und Hausbesitzer müssen sich gleichermassen wie die öffentliche Hand beteiligen, wohl auch finanziell. So lässt es sich zumindest interpretieren, wenn die Stadt schreibt, dass das Festival von den Privaten mitgetragen werden müsse.

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