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Globus-Krawall

Die heisse Nacht von Zürich

Wasserwerfer, Tränengas und Pflastersteine – am Abend des 29. Juni 1968 kam es beim Globus-Provisorium in Zürich zu den wohl grössten Jugendausschreitungen, die die Schweiz bis dahin erlebt hatte. 
Jugendliche und Polizisten lieferten sich eine regelrechte Strassenschlacht, Dutzende Verletzte auf beiden Seiten waren das Resultat. Geblieben sind vor allem Bilder für die Geschichtsbücher – und ein bisschen Autonomie in Biel.

Etwa 1000 Jugendliche demonstrierten am 29. Juni vor dem Globus-Provisorium in Zürich für ein Autonomes Jugendzentrum. Im Verlaufe des Abends eskalierte die Situation. Bild: ETH Bibliothek Zürich/Comet Photo AG/zvg
  • Dossier

Jana Tálos

Es war eine heisse Nacht am 29. Juni 1968 in Zürich. So heiss, dass sich die Polizisten bei der Einsatzbesprechung auf der Hauptwache gar dazu entschieden, den Dienst in Hemd und Krawatte anzutreten und auf die Kampfmontur zu verzichten.

Wie hitzig die Nacht tatsächlich werden würde, konnten die Einsatzkräfte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Gerade mal ein paar Hundert Jugendliche hatten sich am frühen Abend auf dem Platz vor dem leer stehenden Globus-Provisorium versammelt, um für ein Autonomes Jugendzentrum zu demonstrieren. «Anfangs war es fast wie auf einem Volksfest», sagte Heinz Steffen, ehemaliger Zugführer der Stadtpolizei Zürich, vor ein paar Jahren gegenüber SRF. Doch schon wenige Stunden später kippte die Stimmung, Steine, Flaschen und andere Wurfgeschosse flogen durch die Luft. Es war der Auftakt in eine Nacht voller Gewalt und Emotionen – eine Nacht, die hierzulande bis heute als Startschuss für die Schweizer 68er-Bewegung in Erinnerung geblieben ist.

 

Raum ohne Überwachung gefordert
Angefangen hatte alles ein paar Wochen zuvor, als am 31. Mai Jimi Hendrix im Zürcher Hallenstadion auftrat. Tausende Jugendliche waren gekommen, um den Star aus Amerika Songs wie «Hey Joe» oder «Voodoo Child» spielen zu hören. Auch die Polizei war mit einem Grossaufgebot von 160 Mann vor Ort, um die euphorisierte Menge «in Schach zu halten». Schon wenige Minuten nach dem Konzert kam es deshalb zu einem Gerangel. Als dann die ersten Stühle zu Bruch gingen, setzten die Einsatzkräfte Knüppel und Hunde ein. Am Ende mussten fünf Verletzte vom Areal getragen werden.

Das gewaltsame Vorgehen der Polizei heizte die ohnehin schon brodelnde Stimmung zwischen Behörden und Jugendlichen weiter auf. Schon seit einiger Zeit forderten Letztere von der Stadt ein autonomes Jugendhaus, einen Ort, an dem sich die Jugend Zürichs treffen konnte, ohne vom Staat, den Eltern oder sonstigen Obrigkeiten überwacht zu werden. Am Tag des Jimi-Hendrix-Konzerts hatte EVP-Stadtrat Otto Baumann beim Gemeinderat eine Motion eingereicht, in dem er ihn bat, die Jugend das leer stehende Globus-Provisorium bei der Bahnhofbrücke als Jugendzentrum nutzen zu lassen, bis dieses einer Neuüberbauung weichen soll – ein Vorschlag, der bei der Zürcher Jugend innert kürzester Zeit zu einer fixen Idee mutierte.

 

Jugend stellt ein Ultimatum
Zwei Wochen nach den Ausschreitungen des 31. Mai organisierte die Vereinigung Fortschrittliche Arbeiter, Schüler und Studenten (Fass) auf dem Hirschenplatz im Niederdorf einen «Schauprozess» gegen einen «unbekannten Polizisten», um die Brutalität der Staatsgewalt an den Pranger zu stellen. Im Anschluss daran nahmen die Jugendlichen die Räumlichkeiten des Globus-Provisoriums in Beschlag und gründeten das «Provisorische Aktionskomitee für ein Autonomes Jugendzentrum». Dieses Komitee war es dann auch, das am 22. Juni beim Stadtrat vorstellig wurde und diesem ein Ultimatum stellte: «Steht der Jugend am 1. Juli kein dem Globus entsprechendes Gebäude offen, werden wir dieses Areal besetzen und zu unserem autonomen Kultur-, Gesellschafts- und Freizeitzentrum ausbauen.»

Doch der Stadtrat sperrte sich. Und so kam es, dass das Aktionskomitee mit Flugblättern zu einer «Warndemonstration» aufrief, die am Mittwoch, dem 26. Juni um 18 Uhr beim Globus-Provisorium stattfinden sollte, «um den Stadtrat psychologisch unter Druck zu setzen». Dieser kündigte wiederum an, das Gebäude weitläufig abzusperren. Dies tat er dann auch, als die Zürcher Jugend am darauffolgenden Samstag, dem 29. Juni, mit Unterstützern aus der ganzen Schweiz vor dem Globus-Provisorium auftrat. Mit von der Partie war auch die «Jeunesse Progressiste» rund um den Bieler Aktivisten Beat Schaffer (siehe Interview rechts).

Anfangs habe man noch versucht, die Demonstranten mit Wasserstrahlen vom Gebäude fernzuhalten, so Zugführer Heinz Steffen zum Schweizer Fernsehen. «Aber das waren mehr nautische Spiele, als es sie tatsächlich abgeschreckt hätte». Als sich der Demonstrationszug dann Richtung Bellevue in Bewegung setzte, sei man ihnen mit einer Polizeikette gefolgt. «Sofort haben die Demonstranten die Polizisten angegriffen, sie an den Krawatten gepackt und so gewürgt», erzählt Steffen. Sie hätten sich natürlich gewehrt, es sei teils zu wüsten Szenen und Schlägereien gekommen. «Bald darauf sind dann die ersten Steine geflogen.»

Auf die Steine folgten Flaschen, und die Polizisten begannen, mit ihren Knüppeln auf die Demonstranten einzudreschen. Am Ende hatten beide Seiten mehrere Dutzend Verletzte zu beklagen. 170 Personen wurden verhaftet. Die Gewaltszenen prägten am darauffolgenden Montag auch die Schlagzeilen der Tageszeitungen. «Traurige Bilanz der Zürcher Strassenkrawalle», schrieb etwa das «Bieler Tagblatt» auf der Titelseite, stellte sich in seiner Berichterstattung aber wie so viele Zeitungen mehrheitlich auf die Seite der Behörden, die «durch gut organisierte Blitzaktionen» bei der ersten Konfrontation «beherrscht» gewirkt hätten.

Erst später wurde bekannt, dass verhaftete Demonstranten von Polizisten in den Keller des Globus-Gebäudes geschleift und körperlich misshandelt worden waren. Die Jugend zeigte sich empört und in den darauffolgenden Tagen kam es in der ganzen Schweiz zu Solidaritätsbekundungen.

 

Biel zeigt Solidarität
In Biel organisierte die «Jeunesse Progressiste» eine Demo, an der über 200 Personen teilnahmen. Auf Flugblättern forderten die Jugendlichen damals erstmals auch für Biel ein eigenes Jugendzentrum. Im Gegensatz zu Zürich, wo Monate vergingen, bis die Politik überhaupt auf die Forderungen reagierte, wurden die Jugendlichen in Biel relativ rasch erhört. Bereits im August reichten die SP-Stadträte Ernst Stauffer, Otto Arnold und Rodolphe Grimm eine Motion ein, die verlangte, dass den Jugendlichen die Kuppel des ehemaligen Gaswerkareals überlassen wird. Der Gemeinderat entschied daraufhin, die beiden Gaskessel, die eigentlich hätten abgerissen werden sollen, vorläufig zu erhalten und die Idee eingehend zu prüfen. Das «Bieler Tagblatt» und das «Journal du Jura» starteten am 24. August gar eine Spendenaktion für das Jugendzentrum, wodurch rund 12 000 Franken gesammelt werden konnten.

Obwohl das Bieler Aktionskomitee ebenfalls Druck ausüben musste, bis im Jahr 1970 endlich mit dem Bau des Jugendzentrums begonnen werden konnte, kam es in Biel damals zu keinen gewaltsamen Ausschreitungen. Am Ende entstand ein AJZ, das bis heute erhalten werden konnte und noch immer der Jugend gewidmet ist.

Vom Zürcher Globus-Krawall ist letztlich nicht viel mehr geblieben als ein paar eindrückliche Fotos und Berichte für die Geschichtsbücher. Zwar wurde im Jahre 1970 ein Jugendzentrum im sogenannten «Lindenhofbunker» errichtet. Dieses wurde aber aufgrund von Konflikten mit der Polizei nach symbolischen 68 Tagen wieder geschlossen.

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Nachgefragt

«Die Zürcher waren 
bloss der Funke 
an der Zündschnur»

Beat Schaffer, Sie waren mitten im Geschehen, als es heute vor 50 Jahren in Zürich zum sogenannten Globus-Krawall kam. Wie haben Sie als Bieler überhaupt von der Aktion erfahren?Beat Schaffer: Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ich glaube per Telefon. Vielleicht war es auch ein Flugblatt. Aber das lief ja alles ziemlich spontan damals. Viele Demos wurden innerhalb eines Tages organisiert, oft haben wir hier in Biel erst am nächsten Tag aus der Zeitung davon erfahren. Aber an dem Einsatz für ein Autonomes Jugendzentrum in Zürich waren mehrere Vereine und Gruppierungen beteiligt. Jeder von uns kannte da jemanden, und sei es auch nur flüchtig, weil man sich einmal an einer Anti-Vietnam-Demo in Bern kennengelernt hat. Deshalb wussten wir frühzeitig Bescheid.
 

Die Demo ist dann relativ schnell eskaliert. Es kam zu Strassenschlachten zwischen Polizisten und Jugendlichen. Wie haben Sie die Nacht erlebt?
Anfangs war es eine Demo wie jede andere. Wir stellten uns vor das Globus-Provisorium und versuchten möglichst auch da zu bleiben und uns nicht von den Polizisten vertreiben zu lassen. Nach einer Weile wurde das aber schwierig, sie setzten Wasserwerfer ein und Gummischrot. Das war dann nicht mehr so gemütlich. Ich war schon erstaunt, wie heftig da aufeinander losgegangen wurde. Das ist wohl auch der Grund, warum das Ereignis aus heutiger Sicht als so prägend angesehen wird. Für uns war es damals aber einfach eine Demo wie jede andere.
 

Sie sprechen von anderen, die gewalttätig wurden. Sind Sie selbst auch mit Polizisten aneinandergeraten?
Nein. Wie gesagt, wir haben einfach versucht, an Ort und Stelle zu bleiben. Wie genau das alles abgelaufen ist, weiss ich nicht mehr im Detail. Ich weiss nur noch, dass wir bis am Morgen dageblieben sind.
 

Wurde jemand aus Ihrer Gruppe verletzt?
Nein, und verhaftet haben sie uns auch nicht. Wir sind dann am Morgen einfach zurück nach Biel gefahren.
 

Wenn Sie von «wir» sprechen, dann meinen sie die Mitglieder der
«Jeunesse Progressiste». Diese Gruppe war es ja auch, die wenige Tage später eine Solidaritätsdemo in Biel organisierte und erstmals ein eigenes Autonomes Jugendzentrum forderte. Wie konkret war die Idee damals?
Wir haben einfach einmal gefordert, viel darüber nachgedacht haben wir in dem Moment nicht. Die Leute, die an der Globus-Aktion dabei waren, haben Flugblätter mitgebracht, um den anderen zu zeigen, wie sich die Zürcher ein solches AJZ vorstellen. Für uns war die Idee ja nicht ganz neu, wir haben uns vorher auch Gedanken über einen Ort gemacht, an dem man nicht konsumieren muss, und an dem wir Jugendlichen unsere Konzerte und Filmabende veranstalten können. Die Zürcher haben uns mit ihrem Vorhaben einfach zusätzlich inspiriert – sie waren bloss der Funke an der Zündschnur, dass wir endlich loslegen.
 

Dafür, dass am 6. Juli noch nichts konkret war, ging es dann relativ schnell: Nur wenige Wochen später beanspruchten die Bieler Jugendlichen das Gaswerkareal für sich, in der Zeitung begann eine Spendensammlung für das Jugendzentrum.
Ja, da hatten wir wohl mehr Glück als Verstand. Ernst Stauffer, damals SP-Stadtrat, kam eines Tages auf mich zu und sagte: Hey, ihr «stürmt» doch ständig wegen eines Jugendzentrums. Der Stadtrat entscheidet heute über den Abriss des Gaswerks beim Kongresshaus. Wäre das nicht etwas für euch? Von diesem Moment an haben wir das Areal besetzt, wir sagten: Wir gehen hier nicht mehr weg, bis wir unser Jugendzentrum haben. Der Vorschlag war für uns ein gefundenes Fressen.
 

Innert kürzester Zeit wurde auch ein Aktionskomitee gegründet, das dann die Verhandlungen mit dem Gemeinderat aufnahm. Trotzdem dauerte es bis 1970, bis endlich mit dem Bau des AJZ begonnen werden konnte. Warum hat sich das solange hingezogen?
Es war ein ständiges Hin und Her. Die Politiker wollten, dass wir uns als Verein organisieren, mit Statuten und einem Präsidium, mit dem sie verhandeln können. Aber wir sagten: Nichts da, Entscheide werden bei uns nur in einer Vollversammlung getroffen, wir wollen keinen Präsidenten oder eine Präsidentin. Das hat sie natürlich extrem geärgert.
 

Das Aktionskomitee hat dann auch immer wieder versucht, Druck auf die Behörden auszuüben. Zum Beispiel mit einer Medienmitteilung mit dem Titel «Am 1.10.69 soll JZ fertig sein», die im Juni 1969 im BT erschienen ist, und dem Gemeinderat ähnlich wie in Zürich ein Ultimatum gestellt wurde.
Ja, das war auch wieder so eine spontane Aktion. Wir haben uns damals im Restaurant St. Gervais getroffen, um uns zu beraten, wie es weitergehen soll. Ich sagte: «Lasst uns einen ‹Spaziergang› machen». Laut sagen, was wir vorhatten, konnte ich ja nicht, weil wir zu dieser Zeit immer von den Behörden bespitzelt wurden. Also sind wir los in Richtung Gassmann-Gebäude, wo im 2. Stock die Redaktion untergebracht war. Wir gingen rein, setzten und auf den Boden und sagten: Wir gehen erst wieder, wenn unser Text abgedruckt und der Lieferwagen mit den Zeitungen ins Seeland aufgebrochen ist.
 

Offenbar hat es funktioniert ...
Ja, aber dem Chefredaktor hat das gar nicht gefallen (lacht). Wir aber waren durch unseren Erfolg beflügelt und ein paar Tage später sind wir auch ins Blöschhaus hineinspaziert und haben das Sitzungszimmer des Gemeinderats besetzt. Dort sind wir solange sitzen geblieben, bis uns der Gemeinderat schriftlich zusicherte, dass er uns finanziell beim Bau des AJZ unterstützt – so wie er es eigentlich auch versprochen hatte.
 

Ein Jahr später begann dann die Bauphase. Da waren jedoch andere am Werk, etwa Renato Maurer, der auch am Buch über die Geschichte des AJZ beteiligt ist. Was ist aus der «Jeunesse Progressiste» geworden?
Wir haben uns anderen Themen zugewandt, zum Beispiel den Frauenrechten, der AKW-Diskussion oder den italienischen Arbeitern, die damals unter ganz miesen Bedingungen in irgendwelchen Baracken leben mussten. Und irgendwann hat sich die Gruppe dann aufgelöst.
 

Die Entwicklung des AJZ haben sie trotzdem mitbekommen. Ist es so herausgekommen, wie Sie es sich damals vorgestellt haben?
Wir hatten diesen Ort eher für politische Diskussionen, Filmvorführungen und Musik-Konzerte vorgesehen, ohne jeglichen Konsumationszwang. Heute ist es eher ein Konzertlokal, was ich aber sehr gut finde. Ich stehe voll und ganz hinter dem heutigen AJZ. Interview: Jana Tálos

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