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„Krawattenzwang“

Der Stubentiger als Herrscher beim Bieler Pavillon

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, Chefredaktor „Bieler Tagblatt“, wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Der Stubentiger als Herrscher beim Bieler Pavillon.

Bernhard Rentsch: Krawattenzwang
  • Dossier

Einige (zu) warme frühlingshafte Tage Anfang Februar laden ein zum Spaziergang. Warum nicht wieder einmal den Bieler Pavillon zu Fuss erobern? Dieser Aussichtspunkt oberhalb der Bieler Seebucht ist immer wieder einen Besuch wert. Es sind entsprechend viele Bielerinnen und Bieler und Gäste anzutreffen. Entdecken doch auch Sie wieder einmal die Sehenswürdigkeiten in unserer unmittelbaren Umgebung.

Jeder Kultort – benennen wir den Bieler Pavillon hier als solchen – hat seine Geschichte und seine Eigenheiten. Und er hat häufig seine lebendigen Eigenheiten, gelegentlich in Form von zwei- oder vierbeinigen Bewohnenden. Auch der Bieler Pavillon. Da raschelt es beim Anmarsch auf den weissen Bau im Wald – der gwundrige Blick geht neben den Weg. Ab da begleitet uns ein herziges Büsi bis zum Aussichtspunkt mit wenigen Metern Vorsprung, den Weg bestens kennend. Zweifellos eine gepflegte und gut ernährte (junge?) Hauskatze, die sogar mit Halsband und Törlisender ausgerüstet ist. Und halt gelegentlich von zu Hause ausrückt, um beim benachbarten Pavillon das eigene Revier zu beschützen.

Denn ganz offensichtlich fühlt sich der Stubentiger, der so gar keiner zu sein scheint, an diesem Ort wohl. Das Büsi begleitet die Besuchenden über eine kurze Strecke bis zur Lichtung und macht es sich sofort an der wärmenden Sonne auf einem Bänkli bequem. Das Revier will aber trotz trügerischen Nichtstuns konsequent kontrolliert und nötigenfalls verteidigt werden, wie sich kurz darauf beim «Eindringen» eines kleinen Hundes zeigt: Die Katze nähert sich vorsichtig und schleichend dem fremden Gast, der seinerseits nichts bemerkt. Erst die Hundebesitzerin bewahrt die zwei Vierbeiner vor einer ungewollten Eskalation und führt ihr Tier rasch weg. Der Ort ist und bleibt öffentlich und ist einfach zugänglich. Es gibt keine Kontrollen und keine Schranken.

Schade nur, dass einige Besucher die weissen Wände immer wieder versprayen. Das ist ärgerlich – die dummen Bubenstreiche sind zu verurteilen. Zumal es sich nicht um kreative Graffitis handelt, sondern meist um primitive Sprüche, die fantasielos und häufig sogar fehlerhaft hingesprayt wurden.

Auf kleinstem Raum disqualifiziert sich der Mensch. Denn das Verhalten des Stubentigers als Herrscher beim Pavillon ist wesentlich sympathischer. Geniessen auch wir solche kleinen Naturschätze und tragen wir Sorge dazu.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

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