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Serie «Wege der Frauen»

«Das hätte meiner Mutter bestimmt gefallen»

Der geplante Park auf der Bieler Esplanade wird nach der Medienpionierin Laure Wyss benannt. Die alleinerziehende Mutter wäre dieses Jahr 102 Jahre alt geworden. Das BT besuchte mit ihrem Sohn Nikolaus Wyss die Baustelle. Finaler Teil der Serie «Wege der Frauen».

Nikolaus Wyss ist der einzige Sohn der Autorin Laure Wyss. Beim Besuch auf der Esplanade-Baustelle bezeichnet er die «Coupole» (links im Bild) als «Salz in der Suppe». Matthias Käser

von Patrick Furrer


Für einen kurzen Moment stoppt der Redefluss des weisshaarigen 66-jährigen Mannes. Nikolaus Wyss schaut sich um. Er malt sich den Park aus, der nach seiner in Biel geborenen, berühmten Mutter benannt wird: die Esplanade Laure Wyss. Noch erkennt man nichts von der Grünanlage in der Verlängerung von Kongresshaus und «Coupole». Er habe aber genügend Fantasie, sich dies vorzustellen, sagt Nikolaus Wyss.

Es ist das erste Mal, dass der Sohn der Journalistin und Schriftstellerin den Bauplatz in Biels Mitte besucht. Er wuchs in Zürich auf, wo Laure Wyss nach ihrer Scheidung ab 1945 lebte. Biel kennt Nikolaus Wyss vor allem aus seiner Erinnerung. Etwa von Jugendbesuchen bei der Grossmutter, die am Unteren Quai wohnte. Sein Gedächtnis sei nicht mehr das beste, kokettiert der pensionierte Journalist und Rektor mit seinem Alter. Kokettiert damit, ganz so, wie es seine Mutter tat. Mit einem breiten Grinsen und denselben Lachfältchen, wie die Familienfreunde sie von seiner Mutter kannten.


Der weise Entscheid
Der Weg zur Gedenkstätte war lang. Vor zehn Jahren sammelte der Verein Frauenplatz Biel Unterschriften für die Benennung einer Örtlichkeit nach Laure Wyss. Politische Vorstösse 2010 und 2013 folgten. Anfang 2018 nun soll der Park eröffnet werden. «Das hätte meiner Mutter gefallen», glaubt Nikolaus Wyss. Doch nicht mit jedem Standort hätte sich seine Mutter identifizieren können – nicht im kleinbürgerlichen Biel, das sie auch aus Trotz gegen das Elternhaus verliess.

Die konkrete Standortwahl der Behörden sei «ein weiser Entscheid». Wegen der benachbarten «Coupole» des Autonomen Jugendzentrums. Diese sei das «Salz in der Suppe», sagt Nikolaus Wyss. Für viele hatte die Zeit um 1968 ein Gesicht in der Person von Laure Wyss, der Kämpferin für Gleichstellung und Selbstbestimmung. Der «Chessu» ging auch aus dieser bewegten Zeit im Sommer 1968 hervor. Es sei das Spannungsfeld zwischen dieser alternativen Kultur und der Staatsmacht in repräsentativer Form des Kongresshauses, das die Esplanade zum idealen Standort mache, sagt Nikolaus Wyss. «Der Chessu verkörpert eine ähnliche Aufmüpfigkeit und Unangepasstheit, wie sie meine Mutter lebte.»


Die zwiespältige Person
Viel wurde über Laure Wyss geschrieben. Selten etwas über ihr Verhältnis zu ihrem Geburtsort. «Ein ambivalentes Verhältnis, so wie auch ihre eigene Persönlichkeit immer von verschiedenen Kräften geprägt war», sagt ihr Sohn. Zwei Beispiele für diese Ambivalenz: Laure Wyss hat zwar schon als junge Frau den Mut, sich als Texterin für die Frauen einzusetzen, beispielsweise beim «Luzerner Tagblatt» für das Frauenstimmrecht. Doch ihr erstes Buch publiziert sie erst mit 63 Jahren, weil sie sich das früher selber nicht zutraute. Oder ihre Wohnsituation in Zürich: Mit ihrem dreijährigen Nikolaus zieht sie in einem Haus im Mehrbesserviertel Winkelwiese ein, in dem auch Bankdirektoren und Politiker wohnen, das aber unmittelbar an die «Slums» der Altstadt angrenzt, wo sich Wyss oft und gerne unter die Leute mischt.

Laure Elisabeth Wyss: eine tapfere, kämpferische und gleichzeitig sensible, verletzliche Frau. Sie lebt ein intensives und eigensinniges Leben, ist stets um das perfekte Wort bemüht, denn was sie tut, ist die Dinge beim Namen nennen. Eine innere Spannung scheint sie anzutreiben, als wäre sie ein teures Schweizer Uhrwerk: exakt, verlässlich, umschwärmt.


Das zwiespältige Verhältnis
Zurück nach Biel. Die junge Laure Wyss wächst behütet auf, hat aber Mühe mit ihrer bürgerlichen Herkunft. Sie ist die Tochter des Notars, FdP-Stadtrats und Grossrats Werner Wyss und der Hausfrau Anna-Bertha Wyss-Uhlmann. Als sie 13 ist, zieht die Familie mit ihr in ein Haus nach Leubringen. Von 1926 bis 1932 besucht sie den «Affenkasten», das Gymnasium in Biel, das davor von ihrem Grossvater geleitet wurde. Danach zieht sie weg. Sucht in Paris nach der Matura eine Stelle als Au-pair. Studiert in Zürich und Berlin und heiratet 1937 den Bruder einer Freundin. 1945 folgt die Scheidung. Ab dann wohnt und bleibt Wyss in Zürich, wo sie 1949 ihren Sohn zur Welt bringt. Der Vater – ein ambitionierter Rechtsanwalt und Politiker – akzeptiert das uneheliche Kind nie vollständig.

Nikolaus Wyss sagt, auch wenn seine Mutter dem «Mief» Biels entfliehen wollte, habe sie ihre Heimat doch nie vergessen. Das Seeland, der See, der Jura habe ihr Freude gemacht. Das gespannte Verhältnis zur Heimat machte Laure Wyss gar zu ihrer Stärke, indem sie «die Schwierigkeiten mit ihrer Herkunft und der Familie hervorragend in ihren Romanen, Gedichten und Erzählungen umsetzte», sagt Nikolaus Wyss. So habe seine Mutter einmal ein Gedicht darüber geschrieben, wie sehr sie sich nach der grossen, weiten, offenen Welt sehne, was sie im Text mit Flüssen wie dem Mississippi oder der Wolga verglich. Demhingegen, schloss Laure Wyss, sei ihr die Schüss, so schön sie auch sei, immer zu wenig gewesen.

Nikolaus Wyss sieht in der Parkbenennung nicht nur eine Ehrung einer verdienten Persönlichkeit. Es gehe auch um die Versöhnung zwischen der Stadt Biel und ihrer «Tochter» Laure Wyss.


Die Vorreiterin in vielem
Laure Wyss war ein Vorbild. Als Journalistin, als Schriftstellerin, als Frau. Bis ins hohe Alter las sie jeden Morgen drei Zeitungen, weil «jeder anders denkt und die Dinge anders wiedergibt», wie sie in einem Interview einst erklärte. Sie war aber auch alleinerziehende Mutter, verdiente den Lebensunterhalt und kümmerte sich um ihren Sohn, bot ihm das bestmögliche Umfeld, unterstütze alle seine Ideen.

Seine Mutter habe ihn sicherlich ein Stück weit geprägt, sagt der 66-Jährige, der heute als Kommunikationsberater arbeitet. Seine berufliche Karriere begann auch Nikolaus Wyss als Journalist und profitierte vom grossen Netzwerk der berühmten Mutter. Später merkte er, dass ihn dies nicht erfüllte. Erst beim Theater und als Rektor fand er seine Erfüllung und entdeckte die eigene Stärke als Führungsperson. Seine Mutter Laure – eine «super Mutter», wie Nikolaus Wyss sagt – habe ihn auch darin unterstützt. Sie war stolz. Er wäre wohl auch irgendwie nicht der Sohn dieser aufmüpfigen Bieler Medienpionierin, hätte er ihr bloss alles nachgemacht.

 

 

Stichwörter: Biel, Laure Wyss, Esplanade

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