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Gaskessel

«Chessu» macht Eigenwerbung

1,5 Millionen Franken fehlen für den Umbau des Bieler «Chessu». Mit einem Benefizkonzert hat das Autonome Jugendzentrum nun sein Fundraising gestartet. Das AJZ ist organisatorisch im Umbruch und will sogar auf Werbeartikel setzen.

Der «Chessu» muss sich vermarkten, will sich aber ideologisch nicht verkaufen. Bald soll es nun Fan-Artikel zu kaufen geben. Copyright: Peter Samuel Jaggi/Bieler Tagblatt/a

von Patrick Furrer

Mit einem Benefizkonzert und vier regionalen Rockbands endete im «Chessu» am Samstag der Solidaritätsmonat April. Erstmals wurde dem Publikum das Modell des geplanten Um- und Anbaus präsentiert - geschützt hinter Plexiglas und ergänzt mit Plänen und Texten. Die Baugruppe des Autonomen Jugendzentrums beantwortete die Fragen des Publikums. Wie Fundraising-Projektleiterin Tina Messer bilanziert, war der Anlass «ein würdiger Abschluss des Soli-Monats April». Mit fast 500 Besuchern war der «Chessu» gut gefüllt. «Eine ausgelassene Stimmung herrschte die ganze Nacht hindurch.»

Das Konzert war der Startschuss in die Fundraising-Phase. Das AJZ braucht unbedingt Geld. Für das 4,3 Millionen teure Umbau-Projekt fehlen knapp 1,5 Millionen, weshalb der Baustart verschoben werden musste (das BT berichtete). 2,8 Millionen Franken kommen von der Stadt, den Rest müssen die «Chessu»-Leute selber auftreiben. Letzten Sommer wurde bereits der «Baustutz» eingeführt, der jährlich 60 000 Franken in die Kasse spült. Zudem wurde ein Spendenkonto eingerichtet. 90 000 Franken erhält der Verein ausserdem von der Stadt im Rahmen des Leistungsvertrages, der für 2015 verlängert wurde. Ob er 2016 weitergeführt wird, ist aber unsicher. Der Umbau ist ein ambitioniertes Vorhaben. Die Baueingabe soll diesen Herbst erfolgen. Gleichwohl: Wahrscheinlich nur im Idealfall kann mit dem Umbau schon wie angekündigt 2016 gestartet werden.

 

Kreative Köpfe sind gefragt

Will das AJZ das nötige Geld zusammenbekommen, muss es sich sputen. Gemäss Tina Messer sind bereits mehrere Fundraising-Ideen in Planung. Das Benefizkonzert von Samstag wird nicht das einzige bleiben. Im Herbst sollen weitere Bieler Bands auftreten. Dabei wolle man die Musikgeschichte des «Chessu» aufrollen. Die Reihe, die mit Rock gestartet ist, wird mit Hip-Hop und anderen Stilen weitergeführt. Ebenfalls dieses Jahr wird die Coupole ihr 40-Jahr-Jubiläum feiern. Auch eine Podiumsdiskussion ist geplant. Als Nächstes allerdings steht noch eine ganz andere Idee auf dem Plan: Morgen wird die AJZ-Vollversammlung grünes Licht für einen Ideenwettbewerb geben.

Dabei geht es um Merchandising. Mit Fan-Artikel der Coupole soll der «Chessu» in der Öffentlichkeit präsenter werden. «Wir werden ziemlich sicher ein T-Shirt kreieren», sagt Tina Messer, «ansonsten ist aber alles noch offen.» Gesucht seien nun kreative Köpfe, von denen es in Biel ja glücklicherweise sehr viele gebe. «Es geht darum, mit welchen Produkten und welchem Design wir am besten für uns Werbung machen können.» Ob Logo, Schriftzug, Bilder - Hauptsache kreativ. Gezeigt werden soll das Ergebnis dann unter anderem an der Braderie Ende Juni, wo das AJZ mit einem Stand vertreten sein wird. Die Informationen über den Wettbewerb und die Teilnahme sind ab Mittwoch auf den AJZ-Kanälen im Internet abrufbar.

 

«Chessu» soll ein Freiraum bleiben

Zu einem späteren Zeitpunkt wird das AJZ dann auf die Suche nach weiteren Geldgebern gehen müssen: Private, Institutionen, aber auch der Kanton via Lotteriefonds kommen dafür grundsätzlich in Frage. Online-Crowdfounding wäre eine weitere Möglichkeit, um nochmals ein paar Franken zusammen zu bekommen.

Wer den «Chessu» kennt, weiss, dass mit dieser breit angelegten Geldsuche an einem Tabu gekratzt wird. Alternativ und autonom ist das AJZ - doch wie unabhängig kann man noch sein, wenn man von fremdem Geld lebt? Eine Frage, die intern bereits einige Diskussionen ausgelöst hat. Gerade ältere Mitglieder träumen noch dem romantischen Gedanken eines wirklich autonomen Zentrums nach und warnen, dass sich die Jüngeren nun nicht verkaufen dürfen. Vielen ist allerdings klar, dass das AJZ seine Strukturen ein wenig modernisieren und professionalisieren muss. Potenzielle Geldgeber jedenfalls sagen gegenüber dem BT, «wenigstens minimale Strukturen, die auch transparent sind» wünsche man sich, wenn man investieren solle.

Für Tina Messer ist das noch Zukunftsmusik. «Diese Diskussion um die künftige Organisation und Struktur laufen aber», bestätigt sie. Es sei eine Gratwanderung: Verkaufen werde man sich nicht. Zugeständnisse sind aber unvermeidbar. «Wichtig ist», sagt sie, «dass der Gaskessel ein Freiraum bleiben wird.» Man wolle bestimmt kein professioneller Kulturbetrieb wie die Kufa in Lyss werden. Die Organisation des AJZ mit der Vollversammlung als Hauptorgan scheint nicht gefährdet.

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