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Leonhard Cadetg

«Biel wird einen Sprung nach vorne machen»

Gemeinderatskandidat Leonhard Cadetg will sparen, Verbrechern das Leben erschweren und mit Nidau fusionieren.

Leonhard Cadetg will die Sozialhilfequote um zwei Prozentpunkte senken. Bild: Adrian Streun

Interview: Joel Weibel

Was gefällt Ihnen an Biel?
Ich fühle mich hier wohl, weil ich hier aufgewachsen bin. Ich fühle mich zu Hause. Ich mag die Stadt und die Leute.

Sie fühlen sich offensichtlich wohl in der Stadt. Fühlen Sie sich auch sicher?
Ich kann nachvollziehen, wenn sich Menschen nicht sicher fühlen. Es gibt Orte, wo es Gruppen hat, die aggressiv auftreten. Es gibt ein objektives Sicherheitsproblem.

Im Moment möchten viele die Stadtpolizei zurück, Sie auch?
Nein. Ich löse die Probleme lieber mit den zur Verfügung stehenden Mitteln. Wir können da einen Zacken zulegen. Ich will mir kein Urteil über die SIP anmassen, aber ich glaube nicht, dass sie so wirksam ist

Wären Sie denn dafür, die SIP aufzulösen und mit dem Geld mehr Polizeipatrouillen einzukaufen?
Ja. Wenn die Polizei den Leuten, die illegale Geschäfte tätigen, das Leben schwer macht, haben wir auch viele andere Probleme nicht mehr.

Sie glauben also an die «Broken-Window-Theorie», wonach eine zerbrochene Fensterscheibe zu noch mehr Vandalismus führt?
Das sehen wir beim Gymnasium. Wir entfernen ganz gezielt die Sprayereien. Wenn wir mit der Arbeit nicht nachkommen, dann nimmt der Vandalismus sofort zu. Wenn wir es aber stetig entfernen, dann haben wir gar nicht so viele Schäden.

Biel hat die höchste Sozialhilfequote aller Schweizer Städte. Wie wollen Sie diese senken?
Es braucht einen Strauss von Massnahmen. Zum Beispiel dürfen die Mieten nicht mehr direkt an die Vermieter bezahlt werden. Das führt zu einer höheren Verantwortung der Immobilienbesitzer und dazu, dass der Druck auf andere Gemeinden, von denen wir viele Sozialhilfe-Fälle bekommen, grösser wird.

Ist es zu einfach, in Biel Sozialhilfe zu bekommen?
Wahrscheinlich ja. Ein Beispiel: Wir zahlen in der Sozialhilfe Mieten im Schweizerischen Durchschnitt, aber die Mieten in Biel liegen durchschnittlich tiefer. Da stimmt etwas nicht. Dazu müssen wir auch den Missbrauch bekämpfen.

Müsste man das Sozialhilfe-Inspektorat stärken, ähnlich wie in Bern, wo die Inspektoren ja rentieren?
Inspektoren sind genauso wirksam, wie man will, dass sie wirksam sind. Das heisst, der Chef muss bereit sein, vor die Leute hinzustehen, wenn es ekelhaft wird.

Also öffentlich die Prügel einstecken?
Ja. Denn diese wird man sowieso einstecken müssen. Wenn wir da aktiv werden, wird es nicht hübsch aussehen.

In welchem Zeithorizont lässt sich denn diese Quote um wie viel senken?
Ich halte es für möglich, dass wir die Quote in den nächsten vier Jahren um zwei Prozentpunkte senken können. Das wäre eine Reduktion um 18 Prozent, was rund 1100 Leuten entspricht.

Das klingt anspruchsvoll.
Ja.

Vor Jahren lobte die NZZ noch die Investitionsfreude in Biel. Heute geht es mit dem Image wieder etwas bergab. Wie wichtig ist ein gutes Image für Biel?
Unternehmer suchen sich Orte aus, wo sie gesuchte Arbeitnehmer finden. Ein schlechtes Image führt dazu, dass gut ausgebildete Leute eine Hürde mehr haben, um hierher zu ziehen. Das Image ist also relevant für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt.

Man spricht in Biel von Ghettoisierung. Haben wir Ghettos?
Wir haben soziale Brennpunkte. So das Madretsch-Quartier oder die Neumarktstrasse und auch die Mettstrasse.

Wie kann man die Brennpunkte angehen, braucht es mehr Frühförderung von Kindern?
Auf jeden Fall. Aber das ist nicht das Einzige. Das Problem hat viele Gründe und Facetten. Da spielen Wohnbaupolitik, Sozialhilfequote, Image, Sicherheit und Polizei rein.

Hat Biel zu viele billige Wohnungen?
Biel hat einen liquiden Wohnungsmarkt. Das führt zu weniger Druck auf die Sanierung von Altliegenschaften. Aber ich bin überzeugt, dass die Entwicklung der Stadt in den nächsten zehn bis zwölf Jahren einen ziemlichen Sprung nach vorne machen wird.

Woher diese Zuversicht?
Die Stadt wächst kontinuierlich. Das heisst, es wird mehr Wohnraum gebraucht, was zu mehr Druck auf die alten Liegenschaften führt.

Das wären ja gute Nachrichten. Im Moment muss aber gespart werden. Wo soll Biel sparen?
Es geht nicht an, dass Stellen geschaffen werden, wie dies letztes Jahr getan wurde. Diese müssen wieder gestrichen werden. Wir können etwa 150 Millionen des Budgets beeinflussen. Das strukturelle Defizit von zehn bis 15 Millionen Franken pro Jahr müssen wir dort einsparen.

Man müsste also zehn Prozent einsparen?
Ja. Dafür müssen wir uns wahrscheinlich drei Jahre Zeit geben.

Soll man bei den Investitionen kürzen?
Eine Etappierung wird nötig sein.

In die Schulen müsste man 250 Millionen Franken investieren?
Man hätte den Schulraum wesentlich billiger bereitstellen können.

Werden die Schulhäuser vergoldet?
Es braucht gute Bedingungen für Lehrer und Schüler, aber sie müssen nicht luxuriös sein. Wenn man das Schulhaus an der Unionsgasse anschaut: Man hat das einfach verludern lassen und das Gebäude ist auch noch geschützt. Eine Sanierung kostet enorm viel.

Was soll man denn mit einem solchen Gebäude machen?
Abstossen, verkaufen!

Welcher Private sollte daran ein Interesse haben?
Man kann das für einen Franken verkaufen. Ähnlich lief es mit den Gebäuden am Strandboden. Der Kanton hat sie günstig gekauft und muss jetzt 90 Millionen Franken investieren.

In der Kritik ist auch das Regiotram, weil die Aufwertungen entlang der Strecke von der Stadt bezahlt werden müssen. Soll man das beerdigen?
Es liegt noch nicht alles auf dem Tisch. Im Moment bin ich sehr skeptisch. Ich möchte die Gesamtrechnung sehen und wissen, dass wir es finanzieren und unterhalten können. Aber: Das Tram ist das Verkehrsmittel in der Stadt, mit dem man am meisten Leute in der kürzesten Zeit von A nach B befördern kann. Wenn die Stadt so weiterwächst, dann brauchen wir das Tram an der Hauptschlagader dieser Stadt.

Agglolac?
Das ergibt endlich einen Seezugang für die Stadt. Publilac schränkt das Projekt zu sehr ein.

Dagegen zu sein, weil die Steuerzahler in Nidau und nicht in Biel sind, wäre schon sehr egoistisch gedacht, oder?
Das wäre primitiv, das würden wir nie tun (lacht).

Anders gesagt: Wollen Sie die Fusion mit Nidau?
Das muss unbedingt kommen. Wir werden die Braut schön machen. Dann wird ein relativ kleines Zeitfenster kommen, in dem die Fusion machbar sein wird.

Wie stehen Ihre Wahlchancen?
Die Chance ist intakt. Ich bin aber nicht sicher, ob die Zeit gereicht hat, um zu zeigen, was die Stadt Biel an mir hat. Wenn das die Leute wüssten, würde ich gewählt.

Klingt selbstbewusst. Eine letzte Frage: In Biel geht das Gerücht, Sie wohnten eigentlich in Magglingen und nicht in Biel.
Ich arbeite in Biel und schlafe fast jede Nacht hier.

Auch am Wochenende?
Nein, am Wochenende bin ich in Magglingen. Aber meine Frau und ich zahlen in Biel Steuern.

 

Zur Person
  • Geburtsdatum: 6.2.1963
  • Beruf: Physiker, Wirtschaftsingenieur FH, B sc. Wirtschaftswissenschaften
  • Partei: FDP
  • Liste: Bürgerliche Motivation
  • Ämter: Rektor Seeland-Gymnasium, Präsident FDP Biel, Schulrat PH Bern, Präsident Kunstturnen Kt. Bern

 

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