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Manufakturen

Biel, Hochburg der Indiennes

Im 18. und 19. Jahrhundert hat in Biel das Geschäft mit Baumwollstoffen, genannt Indiennes, floriert. Im heutigen Museum Neuhaus und in umliegenden Gebäuden wurden die beliebten Tücher gefärbt.

Auf der Zeichnung von 1820 sieht man die gesamte Manufakturanlage, von der heute nur noch das Hauptgebäude (heute Museum Neuhaus) und die Verdan-Schneue originalgetreu bestehen. Bild: zvg
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Sabine Kronenberg

Die nach ihrem Ursprungsland benannten Indiennes, leichte bunte Baumwolltücher, die mit waschechten Farben bemalt oder mit Modeln bedruckt waren, kamen im 16. Jahrhundert von den Eroberungszügen der europäischen Handelsmächte als Beute zurück und wurden in der Folge sehr beliebt. Die Nachfrage war derart gross, dass sich in Europa Manufakturen entwickelten, die mit rationelleren Druck- und Färbeverfahren Indiennes zu einer Massenware werden liessen. Die Herstellung der farbigen, mit verschiedenartigen, oftmals sehr komplexen, ornamentalen Sujets verzierten Stoffe war ursprünglich aufwendige Handbemalung. Die Stoffbahnen wurden in den neueren Verfahren über Tische gespannt und mittels Sujets auf Rollen «rollend» bedruckt. Oder die Stoffe wurden mit Holzmodeln gestempelt.

 

Boom der Stoff-Industrie
In Biel wurde im heutigen Museum Neuhaus auf diese Weise Stoff bedruckt. 1747 wurde die Indienne-Manufaktur Verdan-Neuhaus gegründet. Seit der Widerrufung des Ediktes von Nantes 1685 war es zu einem regelrechten Boom der Indienne-Industrie in der Schweiz gekommen. In Frankreich war es seit diesem Edikt vorbei mit der Religionstoleranz und Religionsflüchtlinge wanderten in die calvinistischen Kantone der Schweiz ein. Oftmals handelte es sich hierbei um Industrielle aus eben jener Indienne-Industrie Frankreichs.

Diese Talentabwanderung beförderte die Entwicklung der schweizerischen Indienne-Manufakturen. Als Frankreich dann in einem weiteren Schritt 1686 die Bedruckung und Bemalung von Stoffen verbot, um die eigene Textilindustrie zu schützen, erlebte die Schweizer Indienne-Industrie bis in die 1830er-Jahre einen Höhepunkt. Die Gebiete um den Genfer-, den Neuenburger- und Bielersee waren Zentren der europäischen Indienne-Produktion. Genf, Neuenburg und Biel besassen um die 21 Fabriken und beschäftigten mindestens 2600 Arbeiter.

So wurde die Schweiz zu einem Warenumschlagplatz eines Geschäfts, das früh globalisiert wurde: Für Milliarden von Franken führte die Schweiz jährlich Baumwolle, Gewebe und Farbe aus Europa, Afrika, Amerika und Asien ein und exportierte rund 95 Prozent seiner Indiennes. Das trug wesentlich dazu bei, dass sich die Schweizer Wirtschaft während der industriellen Revolution in der europäischen Wirtschaft etablieren und behaupten konnte. Mitte des 19. Jahrhunderts kam die schweizerische Indienne-Industrie in die Krise und die Verdan-Neuhaus-Manufaktur wurde 1942 geschlossen. Protektionismus in Europa und letztlich die Kontinentalsperre, eine von Frankreich ausgehende Wirtschaftsblockade über die Britischen Inseln, führten zum Niedergang dieses lukrativen Industriezweigs, und nur die französische Indienne-Industrie konnte sich bis heute halten. Angeblich kommen die qualitativ besten Indiennes heute aus Rouen.

 

Chemisches Färben
Zuletzt revolutionierte der kontinuierliche Zylinder- oder Rouleaux-Druck zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Druckverfahren: Eine Maschine ersetzte etwa 40 Arbeiter mit dem Handmodel. Dabei werden die Stoffbahnen durch Walzen gespannt und gedruckt. Auch das Färben der Stoffe revolutionierte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die aufkommende chemische Industrie produzierte synthetische Farben und der alte, höchst komplizierte Färbevorgang mit Krapp (eine Pflanze, deren Wurzeln einen roten Farbstoff enthält) und der Indigopflanze wurde ebenfalls modernisiert.

In Biel entstand die Manufaktur nahe der Schüss. Die Lage am Wasser diente dazu, die gefärbten Stoffe auszuwaschen. Für die Tuchmanufaktur verbaute man die Ufer der Schüss mit sogenannten Walken. Dabei handelte es sich um eine Art gerippte Steingut-Waschbecken, in denen gewobene Stoffe durch Klopfen, Kneten, Stampfen – und eben Walken – verdichtet wurden. Das Garn, das im Wasser aufquoll, wurde durch die mechanische Einwirkung verfilzt und die Stoffe wurden so geschmeidiger gemacht. Da diese Walken wie andere Uferverbauungen den Wasserlauf bremsten, wurden sie schliesslich wegen der vielen Überschwemmungen abgebrochen.

Ein Überbleibsel aus der Indienne-Zeit ist die leer stehende und ziemlich versteckt situierte Verdan-Scheune, die vermutlich als Stoffdruckatelier der Verdanschen Indienne-Fabrik diente.

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