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„Krawattenzwang“

Barttragmode killt den Playoff-Mythos

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Barttragmode killt den Playoff-Mythos.

Bernhard Rentsch: Krawattenzwang
  • Dossier

Playoffzeit ist im Eishockey die Zeit der unrasierten Männer. So die Tradition, schon fast ein Mythos. Selbst Nicht-Kenner konnten sich an der Gesichtsbehaarung der Eishockeyspieler orientieren, um zu wissen, in welcher Phase sich die Meisterschaft befindet. Je struber, desto erfolgreicher, weil eben länger im Meisterrennen verbleibend. Gestärkt durch etwas Aberglaube und fast etwas bubenmässiger Motivation, das Erreichte durch äussere «Statussymbole» zu unterstreichen, nahm manch einer das ungewohnte Jucken im Gesicht in Kauf. Die ganz Jungen noch ohne Bartwuchs oder die ganz Blonden mit sehr unvorteilhaftem Gesichtsschmuck hatten dabei das Nachsehen.

Das ist nicht mehr so. Die Barttragmode killt den Playoff-Mythos. Aktuell verzichten viele Männer – nicht nur Eishockeyspieler – auf die tägliche Rasur. Nicht, um am Morgen vor dem Spiegel Zeit zu sparen. Denn ein gepflegter Bart bedeutet ebenso viel Aufwand. Wer das Ganze einfach wuchern lässt, sieht bald einmal ungepflegt und «schmuddelig» aus. Stutzen und Rändlischneiden gehören bei vielen dazu.

Zurück zum Eishockey und dem vermissten Bild: Viele Spieler tragen ganzjährig Bart und können ihr Äusseres in der Schlussphase der Saison entsprechend nicht verändern. Und weil viele Nicht-Bartträger den Playoff-Mythos ebenfalls nicht mehr mitmachen, ist die Tradition eben keine mehr. Es fällt nämlich auf, dass in der laufenden Schlussphase der Eishockeymeisterschaft mehr Spieler als früher ohne Gesichtsbehaarung antreten.

Barttragen ist «in» – auch ohne Eishockey. Und die Gesichter verändern sich doch ziemlich markant. Kürzlich an einem Stehapéro: Zwei Bartträger nähern sich schüchtern und wollen sich gegenseitig vorstellen, brechen dann aber in lautes Lachen aus. Sie waren über Jahre Jugendfreude und haben sich nur kurz aus den Augen verloren. Unrasiert standen sich dann plötzlich Fremde gegenüber.

Allerdings gewöhnt man sich auch schnell an neue Erscheinungsbilder. Da ist es dann schon fast wieder komisch, wenn der Bartträger plötzlich wieder rasiert erscheint. Wenigstens ist diese Rückverwandlung am Ende der Eishockeysaison nicht mehr nötig. Und dennoch vermissen einige den Playoff-Mythos. Vielleicht gibt‘s ja schon bald eine Alternative. Oder die Bartmode weicht wieder der regelmässigen Rasur.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

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