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Biel

«Aufgehört habe ich gefühlte 10 000 Mal»

Von Tag zu Tag leben: Die Bielerin Brigitte Graf war 17 Jahre lang heroinabhängig. Ihr Alltag war geprägt von Höhenflügen und Höllenschmerzen. Doch sie schaffte den Ausstieg aus der Drogenszene.

Brigitte Graf geriet durch ihren damaligen Freund in die Bieler Drogenszene und wurde als 16-Jährige heroinabhängig. Stefan Leimer/copyright
  • Dossier

Interview: Hannah Frei


Gefangen von der Suche nach dem nächsten Kick: Während 17 Jahren war Brigitte Graf aus Biel heroinabhängig. Durch die Liebe verfiel sie der Droge und dank der Liebe konnte sie sich schliesslich von ihr lösen. Heute lebt die 47-Jährige drogenfrei. Dem BT berichtet sie von den Sonnen- und Schattenseiten ihrer Sucht.

Brigitte Graf, was würden Sie heute tun, wenn Ihnen jemand Heroin anbieten würde?
Brigitte Graf: Heute sagt mir das gar nichts mehr. Es könnte hier auf dem Tisch liegen und ich würde es nicht anrühren. Ich habe keine Lust mehr darauf. Nicht nur, weil ich die Folgen des Konsums kenne, sondern weil ich mich jetzt an einem anderen Punkt im Leben befinde.


Wie gehen Sie damit um, wenn Sie auf Menschen aus der ehemaligen Drogenszene treffen?
Wenn ich in die Stadt gehe, dann besuche ich gezielt nur die Orte, an denen ich etwas einkaufen will. Falls ich jemandem begegne, den ich von früher kenne, weiche ich je nach Gefühlszustand aus. Aber meist grüsse ich meine ehemaligen Bekannten und gehe dann weiter. Orte wie das frühere Bahnhofbuffet oder das ehemalige Restaurant Cardinal erinnern mich stark an die Zeit meiner Drogenabhängigkeit.


Strahlen diese Orte eine Anziehungskraft auf Sie aus?
Nein, ich verspüre keine positiven Gefühle, wenn ich an den Orten von früher vorbeigehe. Ich bedaure meine alten Bekannten, die bis heute in der gleichen Schlaufe gefangen sind und nicht von der Droge wegkommen. Sie tun mir leid. Und von meinen alten Bekannten sind viele bereits verstorben.


Wie kamen Sie dazu, Heroin auszuprobieren?
Als ich 15 Jahre alt war, lernte ich einen Mann kennen. In ihn habe ich mich sofort verliebt. Damals war ich noch in der Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau und habe ab und zu einmal Cannabis konsumiert, mehr nicht. Und dann kam dieser Typ, der mich wirklich sehr beeindruckt hat. Wir hatten viel Spass zusammen, besuchten Konzerte und genossen jeden Moment. Er sah ein bisschen aus wie Jon Bon Jovi und ich war ein totaler Fan der Rockband.


Wie ging es dann weiter?
Ohne es zu wissen habe ich geahnt, dass dieser Mann bereits Erfahrungen mit Drogen hatte. Ich habe ihn gefragt, ob meine Vermutung stimme, und er hat mir dies erstaunt bestätigt. Dann sagte ich zu ihm, dass ich gerne Heroin probieren möchte, wenn er einmal etwas übrig habe. Ich wollte wissen, weshalb ihm diese Droge so gefällt, und war neugierig. Damals war ich so etwa 16 Jahre alt.


Hatten Sie keine Angst davor, dass Sie in die Abhängigkeit rutschen könnten?
Nein, ich dachte mir zu dieser Zeit, dass ich niemals abhängig werden könnte. An einem Wochenende kam er dann einmal zur mir und sagte, er habe etwas.


Und dann haben Sie sich das Heroin direkt gespritzt?
Nein, ich wollte mir keine Spritze geben, sondern das Heroin durch die Nase hochziehen. Doch blöderweise habe ich, anstatt es durch die Nase einzuatmen, ausgeatmet. Dadurch hat sich das pulverige Heroin auf Tisch und Boden verteilt. Was übrig blieb, reichte nicht mehr für einen guten Flash, meinte mein Freund. Daher kochte er es auf – wie man es kennt, auf einem Löffel – und spritzte es mir in den Arm. Nach dem ersten Mal folgte das zweite Mal und dann war ich bereits abhängig.


Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich fühlten, als Sie zum ersten Mal Heroin konsumiert haben?
Ich habe nicht viel gespürt. Ich denke, dass die Dosis zu niedrig war. Aber als wir mehr davon hatten, konnte ich während des Flashs alle Probleme vergessen und ich fühlte mich stark und wertvoll. Es war ein unglaubliches Gefühl der Leichtigkeit, so als wäre ich in einer schöneren Welt angekommen.


Wie hat sich der Heroinkonsum auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Als ich im Verkauf tätig war, ging ich jeden Morgen zerstört zur Arbeit. Ich war müde und konnte kaum arbeiten. Am Mittag kam dann meist mein Freund vorbei, um mir in der Umkleidekabine oder an einem anderen versteckten Ort einen Schuss zu geben. Und nach seinen Besuchen war ich hellwach und motiviert. Am Morgen war ich ein Häufchen Elend, nach dem Schuss hätte ich Bäume ausreissen können. Meistens ging ich gar nicht ins Bett, ohne dass ich noch ein wenig Heroin für den nächsten Morgen übrig hatte.


Wie viel Geld haben Sie pro Tag für Heroin ausgegeben?
Als ich 20 Jahre alt war, kostete eine Dosis zirka 50 Franken. Der Konsum gestaltete sich jeden Tag anders, je nachdem wie viel Geld wir auftreiben konnten.


Wie konnten Sie dies finanzieren?
Als ich noch als Servicekraft gearbeitet habe, war das Trinkgeld meine Quelle. Später musste ich andere Wege finden. Für manche Dinge schäme ich mich noch heute. Aber die Sucht war stärker als das Gewissen.


Was hat Sie nach 17 Jahren dazu gebracht, mit dem Heroin aufzuhören?
Wenn ich ehrlich bin, weiss ich das gar nicht so recht. Lange Zeit habe ich versucht, meine Vergangenheit zu verdrängen. Aufgehört habe ich gefühlte 10000 Mal. Zum Beispiel während meiner Schwangerschaft oder nach dem Spitalaufenthalt. Ich habe auch einige stationäre Entzüge hinter mir. Meist verfiel ich der Droge jedoch nach kurzer Zeit wieder.


Haben Sie auch Erfahrungen mit Methadon gemacht?
Ja, fast bei jedem Entzugsversuch. Als ich im Jahr 2000 aufgehört habe, Heroin zu konsumieren, war ich bis 2005 methadonabhängig.


Und wie kamen Sie 2005 vom Methadon los?
Wieder war es die Liebe, die mein Leben beeinflusst hat. Ich war damals mit einem Mann aus Zentralafrika zusammen. Er verkaufte Kokain und war vorbestraft. Wir wollten heiraten und gingen daher gemeinsam nach Afrika. Vor der Abreise war für mich klar, dass ich sauber sein muss und kein Methadon mitnehmen konnte. Also reduzierte ich die Dosis täglich. Damals verbrachte ich zudem einige Wochen im Gefängnis, da ich während meiner Abhängigkeit mehrmals wegen Ladendiebstahl und Drogenbesitz erwischt wurde. So durchlebte ich meinen letzten Methadonentzug hinter Gitter. Mit Kokain und Medikamenten versuchte ich, meine Sucht zu kompensieren. Bis ich wirklich sauber war, dauerte es Monate.


Was würden Sie in Ihrem Leben anders machen, wenn Sie noch einmal jung wären?
Ach, ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas anders machen würde. Je älter ich wurde, umso mehr habe ich dazu gelernt und Dinge hinterfragt. Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich mir wahrscheinlich keine Gedanken darüber machen und mein Leben nochmals genau so leben, wie ich es getan habe. Ich war nun einmal unglaublich verliebt in diesen Typen. Und ich bin sicher, ich hätte mich wieder in ihn verliebt. Er bedeutete mir alles.


Wenn Sie ein Fazit ziehen: Gab es mehr schöne oder mehr schlechte Tage während Ihrer Drogensucht?
Das ist schwierig zu sagen. Ich erlebte unglaublich viele schöne Momente und genauso viele schreckliche. Jeder Tag hatte Schatten- und Sonnenseiten.


Können Sie einen dieser schlimmen Momente beschreiben?
Jeder Morgen, an dem ich kein Heroin mehr hatte, war für mich die Hölle. Kurz nach dem Aufstehen ging es mir körperlich meist noch einigermassen gut. Doch ein paar Stunden danach begannen die Schmerzen und das Unwohlsein. Mir war oft übel und ich fühlte mich schwach, bis ich meine Dosis zu mir nehmen konnte. Und die ganze Sucht war natürlich abhängig vom Geld. Daher war die Geldbeschaffung immer das wichtigste Tagesziel.


Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie mit Heroin und Methadon aufgehört haben?
Kurz nachdem ich mit dem Methadon aufgehört hatte, erhielt ich die Diagnose Multiple Sklerose. Die Krankheit ist keine Folge des Heroinkonsums. Doch ich dachte mir: Und das ist jetzt der Dank dafür? Das Schicksal hat es nicht gut mit mir gemeint. Seither hat sich mein Leben stark verändert. Ich bin viel zuhause, oft müde und kämpfe mit den Folgen der Krankheit. Doch trotzdem kann ich sagen, dass ich glücklich bin, am Leben zu sein. Ich versuche stets, optimistisch zu bleiben.


Welche Momente geniessen Sie heute in Ihrem Leben besonders?
Je nach Tagesform mache ich einen Waldspaziergang oder gehe einkaufen. Am meisten geniesse ich jedoch die Zeit mit meiner Tochter. Sie besucht mich regelmässig und wir unternehmen viel zusammen. Auch meine Katzen geben mir Halt, wenn ich einmal nicht genug Kraft habe, um das Haus zu verlassen. Ich denke, ich bin auch heute noch ein fröhlicher Mensch, der die Hoffnung trotz all der Schwierigkeiten nie aufgegeben hat.

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