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Segeln

«Auf dem See muss es für alle Platz haben»

Vor 75 Jahren ist in Twann der Yachtclub Bielersee gegründet worden. War Segeln früher ein Vergnügen für Reiche, ist es mittlerweile erschwinglich geworden. Bruno Tschanz, Co-Präsident des Klubs, freut sich darüber, dass immer mehr Menschen den Bielersee geniessen wollen.

«Wir wollen unsere Mitglieder für die Umwelt sensibilisieren», sagt Bruno Tschanz, Co-Präsident des Yachtclubs Bielersee. © Peter Samuel Jaggi / Bieler Tagblatt

Interview: Peter Staub

Bruno Tschanz, was hat der Yachtclub Bielersee (YCB) gegen die Romands?
Bruno Tschanz: Gar nichts. Wir mögen die Romands. Bereits in der Gründungsphase des YCB hat man sie in den Klub integriert. Die Gründer des YCBwaren Deutschschweizer, man spricht von zigarrenrauchenden, etwas übergewichtigen Herren. Aber ziemlich schnell gab es im YCB eine Gruppe von französischsprachigen Seglern, die sich schon damals «Bordée de Tribord Yachtclub Bielersee» nannten. Das waren vor allem Mitglieder aus La Neuveville. Nachdem sie lange im YCBwaren, gründeten sie ihren eigenen Klub. Das war auch sinnvoll. Aber weil Biel eine zweisprachige Stadt ist, haben wir französischsprachige und Deutschschweizer Mitglieder, etwa im gleichen Verhältnis wie in der Stadt: ein Drittel Frankophone, zwei Drittel Deutschschweizer.

Trotzdem gibt es die Website des YCB nur auf Deutsch.
Das ist ein Ressourcenproblem. Wir haben momentan niemanden im Vorstand oder im engeren Team, der die französischsprachige Website betreut und beispielsweise deutsche Texte auf Französisch übersetzen könnte. Deshalb haben wir uns entschieden, lieber eine gute Website auf Deutsch zu haben, als auch noch eine auf Französisch, die dann nicht gut geschriebene Texte beinhaltet.

Es gibt in der hiesigen Segelszene also keinen Röstigraben?
Nein, überhaupt nicht.

Der YCB wurde vor 75 Jahren, am 27. Juni 1942, im «Bären» in Twann gegründet. Mitten im Zweiten Weltkrieg. Europa hatte sich in ein Schlachtfeld verwandelt, fast eine halbe Million Schweizer befanden sich im Aktivdienst. Was wissen Sie über die Initianten und ihre Motive, ausgerechnet während des Krieges einen Yachtclub zu gründen?
Ich war ja nicht dabei, deshalb kann ich nur nacherzählen, was ich gehört, respektive gelesen habe. Dass die Gründung während des Krieges geschah, fiel mir natürlich auch auf. Als ich dann nachschaute, was im Juni vor 75 Jahren geschehen war, stellte ich fest, dass es wohl die entscheidendste Phase im Zweiten Weltkrieg war: Die Schlacht von Stalingrad hatte gerade begonnen. Aber es gab damals auch andere, schönere Dinge: Walt Disney brachte den Zeichentrickfilm «Bambi» heraus, Bing Crosby komponierte «White Christmas». Es gab in dieser Zeit auch Menschen, die den Krieg verdrängen wollten. Das war bei den Gründern des YCB ebenfalls so. Sie schrieben damals: Sie wollten Momente erleben, in denen sie ihre Gedanken vom Krieg lösen, auf den See hinausfahren und loslassen konnten. Das war ihre Hauptmotivation: sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden, um einen Klub zu gründen. Ihre Vorbilder hatten sie in Genf und in Thun, wo es bereits Segelklubs gab. Und sie hatten eine Vision und glaubten daran, dass der Krieg einmal vorüber sein würde.

Das heisst, man wollte bereit sein, wenn der Krieg vorbei ist.
So interpretiere ich das heute.

Kennt man heute noch jemanden, der bei der Gründung dabei war?
Nein, unterdessen ist auch der letzte der Gründer, Alfred von Weissenfluh, genannt «Hai», verstorben. Was aber heute noch interessant ist: Bereits bei der Gründung gab es zwei Gruppen, die Älteren, Vermögenderen, die Yachten besassen, und die Jungen, die unbedingt Segeln wollten. Diese wurden schon damals die «stürmischen Jungen» genannt. Etwas, das man heute noch kennt. Die Älteren wollten es eher gemächlich angehen, deshalb heisst der Klub eben Yachtclub und nicht Segelverein Bielersee.  

Bis in die 60er-Jahre war das Segeln ein Hobby für Reiche. Dann kamen die ersten seriengefertigten Kunststoffschiffe auf den Markt, die das Segeln auch für Nomalverdiener erschwinglich machten. Wie hat sich diese Demokratisierung des Segelns auf den YCB ausgewirkt?
Das hat den YCB sehr stark verändert. Von der Gründung bis Ende der 50er-Jahre hatte der YCBnicht wahnsinnig viele Mitglieder. Die Zahl dümpelte bei 40 Mitgliedern herum. Und dann Anfang der 60er-Jahre gab es plötzlich einen Rutsch und es ging auf 200 Mitglieder hoch. Es war dann auch so, dass der Club immer sportlicher wurde. Das Regattieren spielte eine wichtige Rolle. Es gab auch mehr Jollen, also Schiffe, die nicht so teuer waren. Nicht billig, weil ein Schiff immer Geld kostet, aber doch erschwinglich. Aber es gab auch immer noch die Yachten. Also ähnlich wie heute. Wenn wir heute unsere Struktur anschauen, sieht das fast gleich aus. Unter unseren aktuell rund 600 Mitgliedern gibt es eine grössere Zahl, vor allem Junge, die Jollen besitzen, und die Älteren, die mit ihren sogenannten Dickbauchschiffen segeln, ohne wirklich zu regattieren, aber aus Treue zum Verein noch immer dabei sind.   

Es gibt viele Segler, die von einer Jolle auf eine Segelyacht umgestiegen sind. Welche Vorteile bietet diesen Genussseglern eine Mitgliedschaft im YCB?
Ein Vorteil ist sicher, dass man sich damit zum Segelsport bekennt. Zudem setzen wir uns  etwa bei den Behörden für die Interessen der Segler ein. Es ist auch eine Frage der Emotionen: Es macht Freude, diesen Sport auch für die Jungen erschwinglich zu machen. Denn ein grosser Teil unseres Vereinsbudgets fliesst zu den Junioren. Aber wir organisieren auch zwei, drei gesellschaftliche Anlässe pro Jahr, wo man Leute trifft und über das Segeln «klönen» kann. Wir sind ein Verein, der relativ viele Freiheiten bietet. Wir sagen nicht: Entweder du machst voll im Verein mit oder du lässt es sein.    

Trotz der 600 Mitglieder gilt der YCB bei vielen Seeländerinnen und Seeländern als elitärer Verein.
Ich denke, dass das eine falsche Sicht ist. Wenn man uns mit der Societé Nautic de Genève vergleicht und sich etwa die Klubhäuser ansieht, dann entspricht unser Klubhaus höchstens der Abstellkammer für Bojenmaterial der Genfer. Wir sind auch einfacher gestrickt. Unser Klubhaus ist etwas versteckt in Wingreis. Es ist schön, aber wir müssen uns beispielsweise selber bewirten, haben keinen Restaurateur, der das für uns macht. Auch unsere Schiffe sind, bis auf das Neuste, das wir zum Jubiläum gekauft haben, eher alte, gebrauchte Schiffe.

Wofür braucht der YCB eine eigene Schiffsflotte?
Unsere grösste Flotte, das tönt wie ein Widerspruch, sind die Motorboote. Aber diese brauchen wir für Regatten und die Trainings. Bei den Junioren brauchen wir Schlauchboote, damit die Trainer den Junioren Sicherheit bieten können. Bei den Regatten brauchen wir ein Startschiff, müssen Bojen setzen und ebenfalls für die Sicherheit sorgen, obwohl wir hier eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Seerettungsdienst pflegen. Zudem haben wir ein paar Jollen, die wir den Junioren günstig vermieten, damit ein Junior, respektive dessen Eltern, nicht gleich am Anfang einer Segelkarriere selber eine Jolle kaufen muss. Neu haben nun eine Trainingsyacht für die Swiss Sailing League, wo unser Team in der obersten Liga momentan auf den vorderen Plätzen rangiert. Dieses Schiff wird sehr oft benutzt, gerade auch von Jungen.

Bietet der YCB auch Regatten für normale Fahrtenjachten an?
Ja, gerade vor einer Woche führten wir den «Yellow Submarine» durch, der ausschliesslich für Dickbauchschiffe, also normale, nicht sportliche Jachten mit Kabinen, ausgeschrieben ist. Da haben zehn Boote teilgenommen.

Sie haben die Junioren erwähnt. Das sind dann aber eher Sportsegler?
Das ist so. Die jungen Leute kommen aus sportlichen Gründen zu uns. Meistens beginnen sie mit der kleinsten Bootsklasse, den Optimisten. Später kommen Einzeljollen wie Laser oder Zweipersonenjollen wie 420er dazu. Die Jungen wollen regattieren, suchen den Wettkampf.

Der heute wohl bekannteste YCB-Segler ist Nils Frei, der auf der Alinghi gesegelt hat. Gibt es zurzeit Talente, die sportliche Karriere machen können?
Ja, die gibt es. Momentan haben wir zwei Junge, die tatsächlich gross herauskommen können: Damian Suri und Florian Geissbühler. Noch sind sie Laser-Segler, respektive 420er-Segler, aber sie interessieren sich bereits dafür, auf Rennyachten zu segeln. Das ist interessant, wenn ein Junior am Steuer 55-jährige Vorschoter führt. Wenn sie dran bleiben, können sie dereinst vielleicht auch an Olympischen Spielen teilnehmen.  

Kehren wir zur Geschichte zurück. Welches waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte der Vereinsgeschichte?
Der erste Höhepunkt war sicher die Gründung, dass es den Klub überhaupt gibt. Dann der Bau und Ausbau des Clubhauses in Wingreis. Gebaut wurde es in den 70er-Jahren, erweitert im Jahr 2000. Das waren sicher Meilensteine. Wir hatten natürlich auch sportliche Highlights mit mehreren YCB-Mitgliedern, die an Olympischen Spielen teilnahmen. Ein weiterer Höhepunkt war die Tornado-Weltmeisterschaft, die wir 2011 auf dem Bielersee durchführten. Das hat es zuvor noch nie gegeben. Der Weltmeister erklärte, er habe noch nie so schwierige Bedingungen erlebt, wie hier auf dem Bielersee.

Gab es im YCB auch ernste Phasen?
Zum Glück blieben wir von schweren Unfällen verschont. Aber wir haben Unfälle miterlebt, wie etwa das Motorbootdrama vor sieben Jahren auf dem Bielersee, wo plötzlich auch wir im medialen Mittelpunkt standen, obwohl wir das nicht gesucht haben. So ein Unfall schädigt natürlich das Image des Bootsports allgemein. Wir haben auch Motorbootfahrer, die bei uns Mitglied sind, sie bilden sogar eine eigene Sektion. Und diese sehr korrekten Bootsführer und Seebenutzer haben wegen dieses Fehlverhaltens gelitten.  

Segelklubs haben den Ruf, dass sich die Mitglieder untereinander protegieren, wenn es um wirtschaftliche Aufträge geht. Wie sieht das beim YCB aus?
Das spielt bei uns sicher keine grössere Rolle als bei anderen Vereinen, eher eine kleinere.Aber klar, wenn ich etwas brauche und ein Vereinskollege hat ein entsprechendes Geschäft, dann schaue ich vielleicht bei ihm rein. Aber es gibt diesbezüglich keinen Druck, wie es das etwa bei Serviceklubs geben mag. Wie ich schon sagte, wir sind ein sehr freier Verein, bei dem keinDruck ausgeübt wird.

Nicht wenige Vereine, die sich dem Outdoor-Sport verschrieben haben, engagieren sich im Naturschutz. Taucher etwa putzen regelmässig den Seeboden. Auch die Segler sind lieber auf sauberen Gewässern unterwegs als auf schmutzigen. Was unternimmt der YCB diesbezüglich?
Eine unserer Zielsetzungen ist es, unsere Mitglieder für die Umwelt zu sensibilisieren. So nehmen wir etwa regelmässig beim Inselputzen teil. Auch im sogenannten Rattenhafen, wo Segelschiffe anlegen können. Dieser ist übrigens nicht im Besitz des YCB, wie immer wieder gemutmasst wird. Dort bezahlen wir wie alle anderen auch Liegegebühren. Wir arbeiten auch mit dem Bielerseeschutz zusammen.

Zurzeit erleben wir eine Hitzephase, die mit dem Klimawandel zu tun haben könnte. Trotzdem machen immer mehr Leute das Motorboot-Billet und immer weniger den Segelschein. Warum gelingt es den Seglern nicht, die Leute aus ökologischen Gründen aufs Segelboot zu holen?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die Segler viel stärker auf das Wetter angewiesen sind als die Motorbootfahrer. Wenn es keinen Wind hat, ist das Segeln nicht lustig. Wenn es zuviel hat, kann es sogar gefährlich werden. Der Motorbootfahrer hat ein breiteres Spektrum. Je nach Boot kann er auch bei heftigem Wind raus, wenn es keinen Wind hat sowieso. Auf dem Segelboot muss man auch immer etwas machen und manche Segelboote kann man nicht alleine segeln. Zudem muss man bei einem Segelboot den Mast legen, wenn man von einem See auf den andern will. Wir haben keine holländischen Verhältnisse, wo fürSegelboote die Brücken angehoben werden. Das sind alles Punkte, die nicht nur für das Segelboot sprechen. Auch hat unsere Region nicht nur für die Segler, sondern auch für die Motorbootfahrer viele Reize.

Gerade im unteren Seeteil wird es immer enger, seit neben Seglern, Motorbooten und Surfern auch noch Kitesurfer und Stand-Up-Paddler unterwegs sind. Wie erleben Sie das mit- oder gegeneinander auf dem See?
Es gibt auch immer mehr Kanufahrer oder Pedalofahrer, die zum Teil keine Ahnung haben, wer Vortritt hat (lacht.) Das ist doch schön, dass so viele Menschen den See geniessen wollen. Für sie alle muss es Platz haben. Ab und zu mag man sich über den einen oder anderen nerven, das ist ganz normal. Aber wenn ich auf dem See draussen bin, erlebe ich nie, dass sich die Leute so über andere Seebenutzer aufregen und sie beschimpfen, wie das etwa im Strassenverkehr der Fall ist. Wir haben hier auf dem See auch ein gutes System, in dem sich alle organisierten Seebenutzer einmal pro Jahr treffen, um miteinander zu sprechen. Das ist sogar die BSGdabei. Das ist vorbildlich. Es hilft, wenn man miteinander spricht und sich über die Sorgen austauscht.     

Sie haben gesagt, dass sich der YCB für die Interessen der Segler einsetze. Wer ein Segelboot kaufen will, findet schnell ein attraktives Angebot. Auf dem Bielersee einen Bootsplatz zu finden, ist dagegen äusserst schwierig. Was unternehmen Sie, damit es mehr Plätze für Segelboote gibt?
Unsere Mittel sind beschränkt. Die Plätze im Kanton Bern sind rar. Man kann fast keine neuen Plätze mehr bauen. Das hängt auch mit den Uferschutzbestimmungen zusammen. Wir haben auch keinen eigenen Hafen, aber auch den könnten wir wahrscheinlich nicht gross ausbauen. Wir versuchen, Einfluss zu nehmen, dass in Häfen auch Segelboote Platz finden und nicht nur Motorboote. So sind wir etwa mit Agglolac im Kontakt, um zu sehen, ob sich da etwas machen lässt.

Zur Person
Bruno Tschanz, 65 Jahre alt, arbeitet als Eventmanager beim Bundesamt für Sport (Baspo) in Magglingen.
Er ist verheiratet und lebt in Bellmund.
Tschanz ist seit 2016 Co-Präsident des Yachtclubs Bielersee (YCB). Zuvor war er vier Jahre lang Vizepräsident. Seit insgesamt 17 Jahren ist er im Vorstand des YCB.
Auf dem Bielersee segelt er mit einer Sunbeam 26. Eine zweieinhalbwöchige Reise in der Baja California bezeichnet er als seinen schönsten Hochseetörn.
 

Kommentare

ligerius47

Das hört sich gut an Hr. Bruno Tschanz. In der Realität jedoch sieht die Versöhnliche Aussage anders aus. Wenn die BSG Schiffe in Engelberg-Wingreis buchstäblich in ein Strandbad fahren wo sich viele Kinder um die Anlegepfähle tummeln dann fragen sie einmal einen Schiffführer was dieser von ihrer Aussage hält. Es muss für alle Platz haben richtig, aber nicht an jedem Ort.


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