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A5-Ostast

450 Kühlschränke vereisen den Berg

Im Längholztunnel kommt wegen heiklen geologischen Bedingungen ein aufwendiges Verfahren zum Zug: Die Vereisung des Gesteins.

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ANDREA BUTORIN

Für Aldo Quadri, A5-Ostast-Projektleiter, steht wieder einmal ein Gang oder besser gesagt eine Fahrt in den Tunnel an. Zusammen mit Thierry Kreienbühl, Fachspezialist Projektierung beim Bundesamt für Strassen (Astra), begutachtet er die fortgeschrittenen Bauarbeiten. «Wir sind gut im Plan», sagt Quadri. In Orpund ist der Rohbau der Tunnelzentrale schon fertig, auch der Tagbautunnel als Verlängerung des Büttenbergtunnels nimmt Form an. Und im Längholztunnel ist die Biel zugewandte Röhre ebenfalls schon weit fortgeschritten.

Das Gefrierverfahren ist teuer
Halt bei einem zukünftigen Verbindungsstollen. Hier sieht es spektakulär aus. Wo normalerweise die Vortriebsarbeiter einfach ein Loch in das Gestein bohren würden, ist eine ganze Maschinerie aus Rohren, Schläuchen, einer Stahlkonstruktion und einer rosafarbenen Abdichtung installiert.
Zwar sind hier zur Zeit gerade keine Arbeiter beschäftigt. «Doch die Maschinen sind permanent am Arbeiten», erklärt Quadri. Grosse Eisklumpen verraten, was hier passiert. Quadri erklärt, man habe es hier mit einer heiklen Mischung aus Lockergestein und Grundwasser zu tun. «Würde man hier einfach konventionell bohren, so käme einem der ganze Schlick entgegen, was grosse Schäden verursachen könnte», sagt er. Vorsondierungen hätten ergeben, dass das Gefrierverfahren an dieser Stelle am idealsten ist. Und so werden der erwähnte Verbindungsstollen, Querschlag genannt, sowie sieben SOS-Nischen mittels diesem aufwendigen Verfahren erstellt.
Das Gefrierverfahren ist nicht nur aufwendig, sondern auch teuer: Ein damit erstellter Querschlag kostet 1,1 Millionen Franken, mehr als das Doppelte eines konventionell hergestellten Querschlages. «Doch diese Kosten waren von Anfang an einberechnet», sagt Quadri.

Kühlung auf minus 35 Grad
Vereist wird das Gestein folgendermassen: Als erstes wurden in einem Abstand von 1,4 Metern Rohre in den Berg gebohrt. Sie sind so lang wie der Verbindungsstollen sein wird, nämlich 28 Meter. Durch diese Rohre wird die sogenannte Sole geleitet, ein Wasser-Salz-Gemisch mit einer Temperatur von minus 35 Grad. Damit wird um die Rohre herum das Gestein und das Grundwasser vereist.
Ziel ist, dass um jedes Rohr herum ein Eisblock von 1,5 Metern Durchmesser gebildet wird. Die benötigte Kälte wird in einem bauwagengrossen Kühlaggregat produziert. «Der Motor hat eine Leistung von 450 Kühlschränken», sagt Quadri. Die Abwärme des Kälteaggregates wird in einen Kühlturm geleitet, der im Brüggmoos steht. Quadri erklärt weiter, wozu die Stahlkonstruktion dient: «Vereisen bedeutet, das Volumen um rund zehn Prozent zu vergrössern.» Und so würden Kräfte in Richtung Tunnel wirken, die durch diese Massnahme eingedämmt werden. Die rosafarbene Abdichtung dient dazu, die Kälte im Berg zu behalten.

Vorsicht mit Chemikalien
Mit der Eisbildung ist Quadri zufrieden: «Zur Zeit laufen noch letzte Kontrollbohrungen. Bald schon kann der Vortrieb an die Arbeit gehen.» Das heisst bohren und dann die Verkleidungselemente entfernen und den Verbindungsstollen mit Spritzbeton sichern. Alles wie immer – fast.
Armin Strauss ist der Leiter Vortrieb und Ansprechperson der Firma Max Bögl aus Deutschland, die das Gefrierverfahren realisiert. Er sagt: «Die grösste Gefahr lauert bei dieser Methode darin, dass man beim Vortrieb unbeabsichtigt eine Sole transportierende Röhre beschädigt.» Denn da könnten die Arbeiter mit dem eiskalten Material in Kontakt kommen. Auch die chemischen Substanzen erfordern erhöhte Vorsicht. Um den Rücklauf der Sole wieder auf minus 35 Grad herunterzukühlen, werden Kohlendioxid und Ammoniak eingesetzt. Das sind giftige, gar tödliche Stoffe. In einer speziellen Schulung haben die Arbeiter gelernt, wie sie sich verhalten müssten, falls ein Problem auftritt, falls also beispielsweise giftige Gase austreten würden.
Beim erwähnten Verbindungsstollen kümmern sich die Spezialisten zur Zeit vor allem um die Überwachung der Vereisung. Da noch sieben SOS-Nischen vereist werden müssen, laufen diese Arbeiten parallel. Bereits letzten April begannen die ersten Arbeiten zum Gefrierverfahren. Strauss rechnet damit, dass spätestens nächsten März alle Arbeiten abgeschlossen sein werden.
 

 

Nicht für alle Verbindungsstollen geeignet
• Verbindungsstollen, auch Querschläge genannt, stehen im Tunnel alle 300 Meter.
• Sie dienen bei Unfällen als Flucht- oder Rettungswege.
• Im Längholz- und im Büttenbergtunnel werden insgesamt 12 Querschläge gebaut, drei davon sind befahrbar.
• Da das Gefrierverfahren sehr teuer ist, wird es nicht generell im Lockergestein angewendet.
• «Man schaut in jedem Fall, welche Methode die beste ist, im Kosten- und Nutzenverhältnis», sagt Aldo Quadri.

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