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Autofahren im Alter

Geistige Frische hat kein Ablaufdatum

Wann und wo auch immer eine ältere Person in einen Verkehrsunfall verwickelt ist, wird im vornherein ein Teil der Schuldfrage dem Alter zugeschoben. Es ist unbestritten, die Reaktionsschnelligkeit der Menschen verlangsamt sich mit dem zunehmenden Alter erheblich. Dagegen aber ist das Erfahrungspotenzial der Fahrzeuglenkerinnen und -lenker bei guter geistiger Frische ein nicht unerhebliches Plus. Das Wissen und Kennen der Gefahren im Strassenverkehr kann das gegebene Manko mit vorsichtigem, vorausschauendem Fahren durchaus eliminieren. Das Einhalten der wichtigsten gesetzlichen Vorschrift, die da heisst: «Der Fahrzeuglenker muss jederzeit auf Sichtweite anhalten können», ist für Routiniers eine Selbstverständlichkeit. Die rein manuellen Anforderungen, die das Lenken eines Autos stellt, sind für sie kein Problem. Eine Überforderung des Könnens offenbart sich eher im Grossstadtverkehr, wo der Orientierungssinn verbunden mit Stress aufs Höchste gefordert ist. Der Grossstadtverkehr kann aber auch für junge stadtungewohnte Autofahrer ein Problem sein, deshalb darf man älteren Leuten nicht gleich Unfähigkeit unterstellen.<br>Tatsache aber ist, nur eine absolut potente geistige Frische, die kein Ablaufdatum hat, gewährleistet eine korrekte, über jedem Zweifel erhabene Fahrfähigkeit. Die in Artikel 7 der VZV (Verkehrszulassungsverordnung) verbindliche Vorschrift, dass Ausweisinhaber ab dem 70. Altersjahr alle zwei Jahre eine ärztliche Kontrolle zu bestehen haben, ist sicher richtig. Nur ist diese Kontrolluntersuchung nicht über alle Zweifel erhaben, da es schlicht und einfach nicht möglich ist, in der kurzen Gesundheitstestzeit allfällige psychische Unzulässigkeiten festzustellen. Da selbst ein Neurologe ausserstande ist, gesprächsweise allfällige psychosomatische Defizite zu offenbaren, kann nur eine über den eigenen Schatten springende Selbstdiagnose weiterhelfen. So wenig man einen Arzt braucht, um Kopfschmerzen zu diagnostizieren, braucht es einen Neurologen, um die selbst schon lange erkannte psychosomatische (seelische) Angeschlagenheit) zu akzeptieren.<br>Es ist nicht erwiesen, aber anzunehmen, dass so genannte Selbstunfälle oftmals auf psychische Absenz zurückzuführen sind. Fast täglich kann man in den Verkehrsunfallbulletins der Tagespresse entnehmen, dass ein Fahrzeuglenker aus unerklärlichen Gründen von der Fahrbahn abgekommen und auf ein Hindernis (etwa einen Baum) aufgefahren ist. Abgesehen von übersetzter Geschwindigkeit als Unfallursache muss angenommen werden, dass eine plötzliche Absenz der Auslöser für den Unfall war. Dank der Güte des Schicksals ist das Resultat des Unfalls nicht immer verheerend. Im Sinne des Verantwortungsgefühls sollte jedes unerklärliche Unwohlsein eines Fahrzeuglenkers eine Vorwarnung auf eine mögliche Absenz sein.<br><span style="font-weight: bold;">Ernst Müller, Grenchen</span>

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