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Biel

Kopftuch-Comedy im Klassenzimmer

Importiert aus der Pariser Banlieue, adaptiert für die Berliner Bühne – «Verrücktes Blut» hat im Gaskessel Premiere gefeiert: intensiv, lustvoll, anstrengend, schauspielerisch toll, aber etwas zu lustig.

Rütlischwur einmal anders. Bild: Pedro Rodrigues

Clara Gauthey

 

«Drecksack, Schwuchtel, Kunde, Tussi, Verräterschlampe, Spast, Bastard, Stück Scheisse, ich fick dich, du Opfer, Wichser, Nutte, du bist tot, Mann...!»

Wer aus dem Stück «Verrücktes Blut» herausgeht, hat sich ein üppiges Repertoire an wüsten Beschimpfungen aneignen können – wenn er es nicht schon hatte. Alternativ ist er gar nicht bis zum Schluss geblieben, weil es ihm schon nach zehn Minuten zu bunt wurde. Da verlässt nämlich bereits einer den Gaskessel, kopfschüttelnd. Zu rassistisch, sexistisch, politisch unkorrekt das Ganze.

Döner statt Blumen

Das übrige Publikum im ausverkauften Saal zeigt mehr Sitzfleisch und überschüttet die Schauspieler und den Regisseur Daniel Nobs mit viel Applaus und Gejohle für eine wahrhaft gute Leistung aller bis zum Schluss. Und Mit-Initiant Alain Pichard drückt den Beteiligten zum Dank einen dicken Döner in Alufolie in die Hand, bevor die Truppe, erleichtert und erschöpft, in Richtung Garderobe stürmt.

Wozu auch Blumen-Bouquets? Stilbruch und Ghetto-Gehabe bis zum Schluss. Kontroverse Diskussionen sind ohnehin im Sinne der Erfinder.

Ausgerechnet Schiller!

Allein, so vielfältig die Zuschauer an diesem Abend, so unterschiedlich ist wohl auch ihr Blickwinkel auf das soeben Gezeigte. Da sind einige Lehrer im Publikum, die fragen: Wieso macht die das überhaupt, die Lehrerin, in dem Stück? Schillers Texte in eine Klasse voller Migrantenkinder prügeln wollen? «Der Schiller geht mir am Arsch vorbei», protestieren die im Stück und sprechen damit wohl vielen Schweizer Klassenkameraden aus der Seele.

Im Spiel sind wir Mensch

Inzwischen führt die Lehrerin Frau Kehlich (Isabelle Freymond) lustvoll die eigene Pädagogik ad absurdum, weil sie sich nicht nur verbal und psychologisch an ihren Schülern vergreift, sondern auch eine Waffe benutzt, um ihnen Schillers Verse einzubläuen. Die Perversion wird noch gesteigert, indem sie die Schüler zwingt, per Schiller-Rezitation zur Selbstbefreiung zu finden. Dabei gibt sie zu: «Zu der Zeit, als Schiller lebte, haben auch die Frauen hier Kopftücher getragen.» Kurz darauf lässt sie sich dann auch noch zu folgender Aussage hinreissen, die in Richtung männlicher Schüler aus muslimischen Ländern zielt: «Hier rumficken wie eine Sau und am Ende eine Unberührte aus dem Dorf importieren!»

Per Zufall an die Schusswaffe gelangt, versteigt sie sich in pauschaler Beschimpfung von Unterdrückungs- und Machokulturen, die sie im Symbol des Kopftuchs gespiegelt findet. Die Befreiung der selbstbewussten Frau, das Ende allen «Angegrabscht-Werdens», das zeigt sich ihrer Meinung nach wunderbar in dem Disput zwischen Schillers Räuberhauptmann Karl Moor und der Amalia. Im Übrigen ist diese Szene einer der schauspielerischen Höhepunkte, wunderbar auf die Bühne gebracht von Simon Stricker als Räuberhauptmann und einer toll tobenden Barbara Mettauer. Respekt gilt aber dem ganzen Ensemble, das die Energie dieser einen, langen Schulstunde bis zum Gong ganz weit oben hält.

Es wurde viel gelacht. Vielleicht etwas gar viel für ein solch ernstes Themenfeld. Und dann zeigt der Schluss auch noch: Es war nicht nur kein Ernst, sondern alles nur Spiel. Ein Spiel im Spiel, das jetzt wegen eines Motivationstiefs der Schauspieler abgebrochen wird – die genug haben von diesen «Kopftuch- und Albanernummern». Nur gut, dass man ihnen die Lustlosigkeit bis hierhin gar nicht angemerkt hatte.

 

Kommentar:

  * Ob dieses Stück nicht nur jene schockiert, welche die Augen vor der Realität in Klassenzimmern verschliessen? Denn sprachlich und thematisch bewegen sich sowohl Berliner als auch Bieler Schulen längst im Dunstkreis der angesprochenen Probleme: sprachliche Totalausfälle, Schüler, die mit Mühe und Not überhaupt einen Text lesen können, Geprügel nicht nur untereinander, sondern auch mal mit der Lehrerin, welche man als Frau nicht besonders respektiert. All das ist ja trauriger Alltag, keine Erfindung der Filmbranche. Und da stellt sich die Anschlussfrage: Ist es im Sinne der Inszenierung, wenn gerade die Jugendlichen mit «Migrationshintergrund» – ein Wort, dem in sich schon gewisse Weltfremdheit und Diffuses anhaftet – lachend die Manege verlassen und finden: «Das war voll lustisch, ey»?     

 

Banlieue, Berlin, Biel

• Ursprünglich stammt der Stoff aus Jean-Paul Lilienfelds Film «La Journée de la Jupe» (2008)

• Eine Bühnenfassung erarbeitet das deutsch-türkische Autorenduo Nurkan Erpulat/Jens Hillje mit «Verrücktes Blut» (2010): aus Molière wird
Schiller, aus Sonia Bergerac die Lehrerin Sonia Kelich; anders als im Film bleibt sie bis zum Schluss am Leben                gau

Info: Weitere Aufführungen von «Verrücktes Blut» im Berner Brückenpfeiler am Mi, 21. Mai, 20 Uhr, Do, 22. Mai, 20 Uhr         
 
  
  

 

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