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Von den Schiedsrichtern spricht niemand

Nur wenige Fehlentscheide und eine klare Linie: Die Schiedsrichter und deren Assistenten haben die Spiele an der EM bislang gut geleitet. Für Seeländer Unparteiische ist dies alles andere als ein Zufall.

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Patric Schindler

Es gibt kaum ein grosses Fussballturnier ohne dass Spieler, Trainer und Fans die Unparteiischen kritisieren. Bislang blieb es an der EM in Frankreich diesbezüglich erstaunlich ruhig. Sowohl in den Vorrundenspielen als auch während den Achtelfinalpartien stand selten ein Schiedsrichter im Mittelpunkt des Interesses. «Wenn man nach dem Spiel den Namen des Schiedsrichters nicht kennt, hat er gut gepfiffen», lautet ein oft zitierter Satz in der Fussballszene. Obwohl die Unparteiischen genauso wichtig wie die anderen Akteure eines Fussballspiels sind, bringt es dieses Zitat auf den Punkt.

Sechs grosse Fehlentscheide

Dieser Meinung ist auch Martin Iseli, ehemaliger Fifa-Schiedsrichter-Assistent. «Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man während und nach dem Spiel nicht über die Unparteiischen spricht.» Dies deute darauf hin, dass sie einen guten Job machen würden, so der Lysser. Bis und mit den Achtelfinalspielen habe er einen sehr guten Eindruck von den Leistungen der Schiedsrichter und deren Assistenten. «Klar findet man immer etwas, was nicht gut gewesen ist. Aber man kann mit den Leistungen durchaus zufrieden sein.»

Bezogen auf Tore, Penaltys und Rote Karten lagen die Schiedsrichter in Frankreich gemäss dem Datenanbieter Deltatre nur sechs Mal in den 36 Vorrundenspielen offensichtlich falsch. Bei der EM 2012 gab es durch das kleinere Teilnehmerfeld insgesamt nur 31 Partien, dabei lagen die Unparteiischen aber 15 Mal klar daneben.

Gelb sieht man selten

Auffallend ist vor allem, wie wenige Gelbe Karten ausgesprochen wurden. Auch Rote Karten gab es erst drei. Während in der Vorrunde an der EM vor vier Jahren noch 4,04 Verwarnungen pro Spiel ausgeteilt wurden, mussten die Schiedsrichter nach der Gruppenphase lediglich 3,58 Mal eine Gelbe Karte zücken. «Das ist kein Zufall», sagt Iseli. Die Schiedsrichter hätten von Beginn weg eine klare Linie verfolgt und die Spieler haben sich darauf eingestellt. Dies habe sich wie ein roter Faden bislang durchs Turnier gezogen. Was Iseli zudem aufgefallen ist, sind die Unsportlichkeiten, die seltener geahndet werden müssen. «Es wird klar weniger reklamiert, als dies bei der letzten EM der Fall gewesen ist.» Vieles deutet darauf hin, dass das Briefing der Uefa, das vor einer EM mit jeder Mannschaft gemacht wird, Früchte trägt. Dort wird unter anderem mitgeteilt, was die Schwerpunkte sind. In diesem Jahr im speziellen Fall die Regeländerungen.

Die Briefings wirken offenbar

Die Spielvorbereitung könnte der Schlüssel zu den verbesserten Leistungen der Unparteiischen sein. Die Schiedsrichter bekommen vor jedem Spiel ein von zwei Trainern vorbereitetes Briefing zu Taktik und Eigenheiten beider Teams. Ob in jenem auch über bekannte «Schwalbenkönige» gesprochen wird, ist nicht bekannt. Iseli glaubt nicht, dass es bei den Briefings für manche Spieler zu Vorverurteilungen kommen könnte. «Bei den Briefings geht es unter anderem um die taktische Einstellung des Teams und nicht um einzelne Spieler.»

Der frühere Ausbildungschef der Schweizer Schiedsrichter-Assistenten möchte keine Unparteiischen hervorheben. «Es ist auch schwierig zu sagen, wer für das Endspiel in Frage kommt. Dies ist natürlich auch davon abhängig, welche beiden Teams es ins Finale schaffen.» Iseli bedauert es, dass kein Schweizer Schiedsrichter an der EM_ist. «Ich bin aber zuversichtlich, dass sich dies mittel- bis langfristig ändern wird.» Obschon an dieser EM wenig über Fehlentscheidungen gesprochen wird, sei der Video-Beweis nicht vom Tisch. «Dieser wird ja bald in einem Versuch eingeführt.»

Unterschätzte Torrichter

Die Ipsacherin Emilie Aubry hat im Vergleich zu früher nun mehr Zeit, eine EM intensiv zu verfolgen. Diesen Frühling hat sie ihre Snowboard-Karriere beendet (das BT berichtete) und kann nun im Sport voll auf die Karte des Schiedsrichterwesens setzen. In der Promotion League ist sie sogar als Schiedsrichter-Assistentin tätig. «Die Leistungen der einzelnen Schiedsrichter an der EM möchte ich nicht beurteilen», sagt sie. Aber grundsätzlich habe die 26-Jährige einen guten Eindruck der Unparteiischen. Auch Aubry ist überzeugt, dass die bescheidene Anzahl ausgehändigter Gelber Karten pro Spiel kein Zufall ist: «Diesbezüglich ist es gut möglich, dass vor der EM spezielle Weisungen an die Schiedsrichter herausgegeben wurden, von denen wir nichts wissen. Von aussen her ist es immer schwierig zu beurteilen, was für eine Linie quasi als Marschroute ausgegeben wurde.»

Wichtig sei, dass man in allen Partien die gleiche klare Linie verfolge. «Ich finde auch, dass mehrheitlich sehr fair gespielt wird. Brutale Fouls hat man fast keine gesehen.» Die umstrittenen Torrichter findet Aubry gut. «Sie sind oft im Hintergrund, aber können für den Schiedsrichter bei den Penaltysituationen eine grosse Hilfe sein.»

Stichwörter: Schiedsrichter

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