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Filmkritik

Der Goalie bin ig

Die Verfilmung des Mundartromans von Pedro Lenz läuft eben erst im Kino an, hat aber bereits sieben Nominationen für den Schweizer Filmpreis bekommen – wohlverdient. Am Freitag sind die Macher in Biel zu Gast.

Anbandeln in der Beiz: Regula (Sonja Riesen) und der Goalie (Marcus Signer).

Was und wann es beim Goalie genau schiefgegangen ist, erfährt man nur andeutungsweise. Geschickt eingebettete Rückblenden in die Kindheit decken immerhin nach und nach auf, wieso einer Goalie heisst, obwohl er immer im Sturm gespielt hat. Die Vergangenheit beschäftigt ihn sehr, das Hier und Jetzt überfordert ihn regelmässig, zu viele Gedanken über die Zukunft mag er sich allerdings nicht machen, vor auem, wenn de nid weisch, was no aues chunnt. Drogengeschichten sind von aussen betrachtet vor allem eines: nervtötend. Die variantenreiche Eintönigkeit der immer gleichen Leier: Die anderen und sich selber belügen, betrügen und betrogen werden, alles wegen dem blöden Gift, stets auf der Suche nach dem nächsten Kick. Irgendwann wird man dann gfüdlet und inegnoh, das bedeutet zum Beispiel ein Jahr in «Witz» – der im Seeland wohlbekannten Strafanstalt Witzwil.

Liebenswerte Plaudertasche
Die Geschichte setzt ein, als der Goalie nach seiner Entlassung zurück nach «Schummertau» (ein listiges Pseudonym für Langenthal und den Oberaargau) kommt. Suber wie nes Chinderzimmer und guten Mutes, das Gift sein zu lassen, aber gezeichnet vom Entzug, vom Knast und von den Freunden, die sich nie haben blicken lassen. Er versucht, wieder Fuss zu fassen, was aber nicht ganz einfach ist in einem Kaff, wo jeder jeden kennt. Und mit der Zeit wird er die unangenehme Wahrheit erfahren, wer ihm als Sündenbock das Jahr in Witzwil eingebrockt hat. Kurz keimt am Anfang des Filmes die Befürchtung, nun eine Drögeler-Jammernovelle vorgeführt zu bekommen, doch dem ist zum Glück nicht so. Das liegt vor allem an der Hauptfigur des Goalies. Er ist, das weiss er selber genau, zwar ein Stürmi, ein Lafericheib und ein Plouderi, was eventuell damit zusammenhängt, dass er eine mittelprächtige Junkiekarriere hinter sich hat. Doch der Goalie ist ein guter Mensch mit guten Vorsätzen, und seine weit- und öfters abschweifenden Betrachtungen des Lebens, im Film aus dem Off gesprochen, erwärmen trotz aller Tragik das Herz. Für ihn sind seine Geschichten das Mittel zum Zweck, seine verzwickte Existenz zu begreifen.

Gute Mannschaftsleistung
Der Schauspieler Marcus Signer («Mary & Johnny», 2011) ist ein Glücksfall. Eigentlich ist er numerisch fast 20 Jahre zu alt für die Rolle des Goalie, liegt damit aber genau richtig, denn mit Gift altert man zuverlässig und schneller als ohne. Er haucht dem Ich-Erzähler aus dem Buch eine liebenswerte Leinwandpräsenz ein. Genau die richtige Mischung aus Plappermaul, treuer Seele und Dickkopf mit kindlichem Sanftmut; aber auch mit viel lakonischer Lust an der verbalen Provokation, häufig mit einem schiefen Lächeln im Gesicht, trotz aller Widrigkeiten. Auch die Nebenrollen überzeugen durchs Band: Pascal Ulli als Ueli, der beste Freund des Goalies, und im Gegensatz zu diesem überhaupt nicht sauber, gelingt es subtil, von Anfang an ein komisches Gefühl für diesen Mann zu wecken. Bei Sonja Riesen könnte man zunächst fälschlicherweise den Eindruck bekommen, sie wisse nicht genau, was sie mit der Serviertochter Regula anfangen soll, doch schnell wird klar, dass zurückhaltendes Herumlavieren genau ihre Rolle ist: Unglücklich mit dem Aufschneider Budi liiert, kann sich «Regi» aber auch nicht für den Goalie entscheiden. Und beweist damit, dass sie ein Händchen für die falschen Männer hat. Oder wie der Goalie es treffend zum Ausdruck bringt: «Wenn e normali Frou cha useläse zwüschemne Drögeler wi mir und emne gwauttätigen Idiott wi däm Budi, de het si natürlech nid di beschte Wauhmöglechkeite, dasch scho klar.» Mundart in Schrift und Film hat es nicht einfach. Gesprochene Sprache von der Bühne überzeugend in Schriftform zu bringen, ist eine Herausforderung; einen solchen Roman zu lesen, braucht Einarbeitungszeit und Gewöhnung. Bis in die letzte Nuance vertraut mit den Feinheiten unserer Sprachvarietät, reagieren wir empfindlich auf Unstimmigkeiten – gerade in Filmdialogen. Mancher Schweizer Film der letzten Jahre hat unter diesem Manko empfindlich gelitten.

Lebendige Mundart
«Der Goalie bin ig» ist in dieser Hinsicht eine Wohltat: Pedro Lenz hat zusammen mit Regisseurin Sabine Boss («Ernstfall in Havanna», 2002) und Autorin Jasmine Hoch (Co-Autorin von «Der Verdingbub», 2011) das Drehbuch für den Film verfasst. Dieses überzeugt nicht nur als gestraffte Film-Adaption der Romanvorlage, sondern ebenso als authentische Interpretation unseres Alltags. Wohlkomponierte Dialoge mit Gespür für Rhythmus und Sprachwitz, die aber ihre Inspiration nicht verleugnen. So könnte es jederzeit im Spunte, auf dem Bügu oder uf der Gass tönen: «Goalie, machsch ou Sport?» – «Eigetlech ender gäge weni.»

Unentschiedenes Matchende
Ebenso vortrefflich gelingt die filmische Umsetzung: Die leicht gedrückte Stimmung und Melancholie des Buches finden ihre Entsprechung in einer abgetönten Farbpalette und schäbiger Provinz-Ästhetik, häufig ist es düster, neblig oder dunkel, und gerne regnet es dazu. Auch eine kleine Flucht ins sonnige Spanien bleibt seltsam gedämpft und matt, wie wenn man erahnen würde, dass sich dadurch nicht viel ändern dürfte im vermurksten Leben des Goalies. Der Schluss bleibt konsequent offen, doch hat man den Goalie so ins Herz geschlossen, dass man ihm wünschen möchte, was Kuno Lauener und Züri West ihm im Soundtrack mit auf den Weg geben: «Ä härzleche Applous däm aute Goalie, und chli meh Glück für ds nächschte Mau.»

Info: Der Film läuft ab Donnerstag, jeweils um 17.45 Uhr, im Kino Lido 2 in Biel. Die Spezialvorstellung findet aber im Kino Beluga statt.

Sven Weber

• «Der Goalie bin ig» ist am Freitag, 7. Februar, in Biel in einer Spezialvorstellung zu sehen.
• Anwesend sein werden Autor Pedro Lenz, die Regisseurin Sabine Boss, der Schauspieler Pascal Ulli und Produzent Michael Steiger.
• Das BT verlost in Zusammenarbeit mit der Cinevital AG 10 x 2 Tickets für die Vorstellung von 20.30 Uhr im Kino Beluga an der Neuengasse 40.
• Mitmachen per Mail mit Angabe von Name, Adresse und Wohnort an: verlosungen@bielertagblatt.ch
• Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Stichwörter: Kino

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