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Echte Blockbuster beginnen mit einem Knall. Bitteschön, mit einem solchen kann „Mass Effect 2“ gleich mehrfach aufwarten. Die Normandy, das Mutterschiff aus dem ersten Teil zerbirst unter Getöse in einem riesigen Feuerwerk. Commander Shepard, die Hauptfigur aus dem Vorgänger, stirbt. Aus, Ende? Und dies gleich zum Anfang eines epischen Abenteuers im Weltall? Natürlich nicht. Der Einfall ist aber ebenso gewagt wie genial.
Das zwielichtige Cerberuskonsortium investiert Millionen Credits in eine medizinische und klontechnische Wundertat und belebt den tot geglaubten Shepard wieder. Gleichzeitig erhält dieser auch eine verbesserte Version seiner Normandy und einen ungewollten Job bei besagtem Konsortium. Ein unheimlicher Kettenraucher erteilt von nun an die Befehle.
Der Spieler erstellt „seinen“ Shepard, der gerne auch eine Frau sein darf, mit den üblichen Mitteln eines Rollenspiels. An Aussehen und Kleidung/Rüstung darf herum geschraubt und mit der Farbpalette experimentiert werden.
Im Zentrum der Geschichte steht der Schlussauftrag, eine Art Selbstmordmission. Die gesamte Spielzeit davor verbringt man mit dem Rekrutieren der möglichen neun Gefährten und zahlreichen im Zusammenhang stehenden Nebenmissionen.
Weniger Rollenspielanteil
Die Charaktererstellung und -entwicklung sind mit den Gesprächen stets tragender Teil eines Rollenspiels. Diesen Kern tastet Bioware denn auch nicht gross an. Die Gespräche verlaufen äusserst intuitiv. Die Auswahlmöglichkeiten sind nur auf die ungefähre Richtung ausgelegt. Was die Figur schlussendlich sagt, ist bei der Auswahl noch nicht bekannt. Das funktioniert einwandfrei und steuert sich mit dem Xbox-Controller spielerisch und geschmeidig. Dies gilt auch für die Waffenauswahl via Kreis in der Bildschirmmitte und einen weiteren aufrufbaren Kreis mit den Talenten. Hier merkt man die Ausrichtung der Entwickler auf die Konsole stark. Vergleichbare, vom PC portierte Spiele, steuern sich eindeutig schwerfälliger.
Verbesserungen bei den Fähigkeiten und der Rüstung sind wie das Aufrüsten der Waffen möglich, im Vergleich zum Vorgänger dennoch deutlich reduziert worden. Die teuren Aufrüstungen finanziert man sich durch das Erledigen diverser Aufträge oder einem lästigen Minispiel. Dabei scannt man unerforschte Planeten der Galaxis und fördert Proben. Vibrationen lassen lohnenswerte Stellen erkennen. Ein ödes Vorgehen.
Vordergründig ist „Mass Effect 2“ ein Deckungsshooter in einem Science Fiction-Setting. In Umgebungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, hechtet man vorwiegend von Deckung zu Deckung und beharkt seine Gegner mit diversen futuristischen Feuerwaffen. Der Rollenspielanteil kommt eher in der Art der Auftragsvergabe und dem relativ freien Vorgehen zum Vorschein.
Neukäufer im Vorteil
Die Idee ist an sich nicht neu,diesmal wird sie aber noch offensichtlicher von Hersteller Electronic Arts eingesetzt: Erstbesitzer erhalten seit einiger Zeit bei vielen Titel Boni oder Extras spendiert. Ähnlich wie bei Vorbestellungen in diversen Internetshops erhält der Käufer beispielsweise zusätzliche Rüstungen, Fahrzeuge oder Mehrspielerkarten spendiert.
An sich eine schöne Sache. Der beiliegende Code wird eingegeben, die Inhalte dadurch freigeschaltet. Die ungeliebten Käufer von Gebrauchtspielen werden neuerdings vom Hersteller zusätzlich zur Kasse gebeten, wenn sie die selben Inhalte haben wollen. Rechtlich und wirtschaftlich gesehen sicher nicht unfair, werden dadurch schlussendlich auch Raubkopierer in ihrem schädlichen Tun begrenzt.
Kunden mit beschränktem Geldbeutel werden aber unnötig bestraft. Der Markt für kostenlose und spätere kostenpflichtige Downloadinhalte ist in „Mass Effect 2“ dem Erstkäufer vorbehalten. Wer als Gebrauchtkäufer Zugriff dazu erhalten möchte, muss für 1200 Microsoftpunkte, also über Fr. 25.- den Markt nachträglich erwerben. Ein unverschämt hoher Preis für eine an sich im Startmenü bereits vorgesehene Funktion. Die Zukunft wird zeigen, ob sich die Hersteller damit einen Gefallen erweisen.
Fazit: Das Weltall ist eine unbegrenzte Bühne
Wie Science Fiction und Oper meisterhaft zusammenpassen können, beweist nicht etwa der grandiose Soundtrack, sondern eine wendungsreiche Geschichte um Verlust, Betrug, Liebe und Verrat. Der Begriff „Weltraumoper“ trifft auf Mass Effect 2 perfekt zu.
Die zumeist kalten, abweisenden Welten werden erst durch die glaubwürdigen Charaktere mit Leben erfüllt. In den zahlreichen Gesprächen die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen, ist für Neulinge zu Beginn leider kaum möglich. Allianzen, offene Rechnungen und tödliche Auseinandersetzungen des ersten Teils bleiben ihnen verborgen. Einige Rückblenden wären hier sehr willkommen gewesen.
Einsteiger werden sich deshalb mit den ersten Stunden schwer tun. Zu viele Alienrassen und Völker, allesamt miteinander verhängt und oft zerstritten, buhlen um die kargen Ressourcen. Lesearbeit im nach und nach freigeschalteten Kodex tut deshalb Not. Glücklich nur, wer über einen Fernseher der neueren Generation mit mehr als 55cm Durchmesser verfügt. Alte Röhrengeräte vermögen die zu kleine Schrift nämlich nicht lesbar darzustellen.
Wer den Vorgänger kennt, wird sich Teil 2 wohl bereits zugelegt haben. Allen anderen bleibt eine Anschaffung trotz des harzigen Einstiegs unbedingt zu empfehlen. Rollenspieler mögen am stark ausgebauten Actionanteil wenig Freude haben, werden aber mit vielen Verbesserungen im Spielablauf und bei der Optik entschädigt. Die mindestens 35 Stunden Spielzeit dürften denn auch zu den eindrucksvollsten dieses Winters zählen. Garantiert.
Positiv aufgefallen:
- Superbe Optik und Akustik
- Entscheidungen haben Konsequenzen
- Einfache, durchschaubare Rollenspielstruktur
- Wiederum äusserst vielschichtige Charaktere
- Planeten und Schauplätze unterscheiden sich stark
- Gleichzeitig viele verschiedene Waffen mitführbar
- Gute Waffenrückmeldung
- Spannende Gefechte mit Deckungssystem
- Abwechslungsreiche (Neben-)Aufträge
- Zusätzliche Inhalte zum Download bereit und geplant
- Immer wieder wechselnde animierte Ladebildschirme
Negativ aufgefallen:
- Downloadmöglichkeit nur mit dem integrierten Cerberus-Netzwerk
- .... eine teure Sache für Gebrauchtkäufer
- Mühsame Hackeraufträge mit immergleichem Schwierigkeitsgrad
- Technische Perfektion trifft auf atmosphärische Kühlheit
- Zu umfangreicher Textanteil im Kodex
- Viel Laufarbeit auf der Normandy
- Langweiliger Elementeabbau auf unerforschten Planeten
Spielspass 9.0 von 10 Punkten
Erhältlich für PC, Xbox360 (getestet)
Freigegeben ab 18 Jahren
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