
Keine Neuerungen
Vor anderthalb Jahren erschien mit „Lips“ ein direkter Konkurrent zu „SingStar“. Speziell daran waren vor allem die ausgezeichnet verarbeiteten Mikrophone. Kabellos, mit mehrfarbigen LEDs und Bewegungssensoren ausgestattet, erweiterten sie die Möglichkeiten für den Bühneneinsatz vor dem Fernseher enorm. Auch heute, einige Musikspielereihen später, stechen sie aus der Masse des Spielezubehörs heraus. Einige Patches und Updates haben das Original soweit „geflickt“, dass diesmal keine grossen Verbesserungen nötig waren.
Leider fehlen dann aber auch wirkliche Neuerungen bei der Modusauswahl oder der Technik. Am besten spielt sich „Lips“ immer noch mit den Originalmikrophonen, obschon über den USB-Anschluss auch Zubehör aus „Rock Band“ oder „Guitar Hero: World Tour“ funktioniert. Gesten und Bewegung registrieren letztere eben nicht, wodurch einige Erfolge nicht freigespielt werden können und der volle Spielspass so nicht aufkommen kann.
Disco und die Langhaarfraktion
Ein Karaoketitel steht und fällt mit der Songauswahl, das ist klar. Die Auswahl ist auch diesmal wieder gross, die Qualität insgesamt hoch. Mit einigem Erstaunen registriert man gar, dass selbst ein Lied der unsäglichen Gruppe Aqua (Doctor Jones) nicht nur Spass beim Nachsingen bereiten kann, sondern auch so seine textlichen Tücken aufweist. Neben absoluten Klassikern wie „When a man loves a woman“ von Percy Sledge oder Gloria Gaynors „I will survive“, kommt auch die Langhaarfraktion mit ihren softeren Titeln zu Ehren.
Zu nennen sind hier zum Beispiel Poisons „Every rose has its thorn“, Foreigner mit „I want to know what love is“, Whitesnake und Mr. Big mit ihrem grössten Hit. Die neusten Titel stammen von Maroon 5, Amy Winehouse und James Blunt. Für Disostimmung sorgen Dee-Lite oder die seligen The B-52s mit „Love shack“.
Wem das nicht genügt, der holt sich weitere Lieder aus dem Musikstore von Lips oder spielt im Modus „Freestyle“ ab Festplatte oder dem MP3-Player über den USB-Anschluss Musik ein. Leider werden nur Microsofts eigener Zuneplayer und verschiedene iPod-Modelle unterstützt, mein Spieler von Sony wurde nicht erkannt. Bei der Freestylevariante fehlen Video und Songtext, zum Mitsingen und Punkten ist man also auf sein Gedächtnis angewiesen.
Allein herrscht kaum Party
Alleine singen ist schön, in grösserer Runde herrscht aber erst die richtige Stimmung. Da man mit dem Xbox-Kontroller Rhythmen beisteuern und mit weiteren Mikrophonen durch Schütteln jederzeit bei einem Stück beitreten kann, ist für alle Anwesenden etwas zu tun. Bewegt sich der eigene Avatar am Bildschirm, lässt sich seine Bewegung nachmachen, dafür gibt es Bonuspunkte. Natürlich werden auch die Tonhöhe und das Rhythmusgefühl wieder beurteilt. Wie bei Titeln der SingStar-Reihe lässt sich aber hier mogeln. Die Worterkennung funktioniert wenig zuverlässig. Auch ein wahrer Summ- und Wortbrei kann bei korrekter Anwendung und Höhe für die volle Punktzahl sorgen. Schade.
Ob Duett oder Duell, die eigene Leistung zählt. Neben diversen Medaillen sind auch Pokale zu erringen. Die werden vergeben, wenn man in der Weltrangliste bei einem Song entsprechend weit vorne rangiert. Bereits während der Performance kann man sehen, ob es für weltweite Meriten reicht. Ein Motivations- und Stressfaktor zugleich.
Zu den bereits bekannten Minispielen „Kuss“, „Zeitbombe“ und „Vokalmatadoren“ gesellten sich leider keine neuen Varianten. Hier dürften die Entwickler bei Nachfolgern wieder einmal kreativ werden und für frischen Wind sorgen.
Fazit: Erinnerungen wecken für Mitdreissiger
Die bis dato beste Songauswahl, viele solide Spielmodi und die noch immer überragenden Mikrophone sprechen klar für „Lips: Party Classics“. Wer schon einige Lebensjahre mehr hinter sich gebracht hat und über einen singfreudigen Freundeskreis verfügt, wird wiederum bestens unterhalten. Die Integration des eigenen Avatars macht Sinn und der Abgleich der Singleistung mit den weltweiten Bestenlisten bei einer Verbindung mit Xbox Live motiviert ungemein. Wie die teils fabelhaft hohen Punktzahlen der Weltbesten zustande gekommen sind, bleibt dennoch ein Rätsel.
Leider ist auch bei der insgesamt vierten Lips-Ausgabe der Schwierigkeitsgrad nicht veränderbar. Die direkte Songauswahl im Marktplatz ist für Kaufwillige sicher eine gute Sache, wirkt aber etwas aufdringlich. Zudem sind die Menüs ziemlich überladen, hip und modern zwar, aber zumindest für die aktuelle Songauswahl aus den Achtzigern und Neunzigern ziemlich unpassend.
Mitdreissiger, die Mitte der Achtziger ihre Engtanzpremiere im Skilager erlebt haben, werden einige Male wohlig seufzen und in seligen Erinnerungen schweben. Jüngere Partysänger müssen sich bei einigen Liedern wohl erst etwas einhören und üben. Wer noch mehr Musik der Achtziger singen will, wartet bis Anfang April, da erscheint mit „I love the 80s“ bereits die nächste Lips-Ausgabe.
Positiv aufgefallen:
- Mit 40 Titeln ansprechend bestückt
- Bis dato beste Songauswahl
- Keine Füller
- Ausgezeichnete Mikrophone
- Sinnvoller Einsatz der Xbox-Avatare
- Weckt Erinnerungen
- Spielt auch Lieder ab Festplatte oder MP3-Player
- Auch mit anderen USB-Mikrophonen spielbar
Negativ aufgefallen:
- Leider funktionieren die weit verbreiteten SingStar-Mikros nicht
- Neue Lieder vom Marktplatz bleiben mit rund Fr. 3.- teuer
- Penetrante Dauerverbindung zum Marktplatz
- Gesten und Bühnenshow erfordern Platz im Wohnzimmer
- Kein veränderbarer Schwierigkeitsgrad
- Für Solosänger schnell dröge
Spielspass 8.0 von 10 Punkten
Erhältlich nur für Xbox 360
Freigegeben ab 12 Jahren
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