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«Ich wollte nie im Leben einen Computer anfassen»

Der gebürtige Seeländer Thomas Weibel hat mit «Nerdcore» ein kurzweiliges Lexikon für Technikfans verfasst. Im Interview erklärt der Nerd, wie es dazu kam.

Der gebürtige Seeländer Thomas Weibel hat mit «Nerdcore» ein kurzweiliges Lexikon für Technikfans verfasst, Bild: zvg

Interview: Simon Dick

Thomas Weibel, Sie bezeichnen sich ja selber als Nerd. Was genau ist denn Ihrer Ansicht nach ein Nerd?
Thomas Weibel: Ein Nerd, so sehen es die meisten, ist ein Computerfreak und Fachidiot, ein asozialer, pickliger Milchbart, dessen PC ein Hausaltar ist und der ohne Pizzadienst verhungern würde. Das ist bloss ein einfältiges Klischee. Nerds sind wissbegierig, erfinderisch und kreativ. Ein Nerd interessiert sich schlechterdings für alles, womit sich Menschen beschäftigen. Nerds haben das Feuerschlagen und das Rad erfunden, und ohne sie würden wir noch heute in Höhlen hausen.

Sind Sie stolz, ein Nerd zu sein?
Auf jeden Fall wäre ich das gern. Auch wenn Nicht-Nerds das nicht immer nachvollziehen können.

Wann in Ihrem Alltag fühlen Sie sich besonders als Nerd?
Wenn ich für einen Artikel, eine Radiosendung oder einen Blogpost recherchiere. Und ganz besonders wenn ich programmiere. In die strenge Logik von Programmiersprachen kann ich regelrecht eintauchen und jedes Zeitgefühl verlieren. Dann nimmt mein Nerdsein für Aussenstehende leicht autistische Züge an.

Ist das Nerd-Sein momentan nicht gerade einfach nur total hip und angesagt, quasi eine modische Erscheinung?
Eine Modeerscheinung? Höchstens das Kokettieren mit dem Wort. Echte Nerds, diese genialen Abenteurer und Entdecker, sind selten genug. Eigentlich wäre das der Welt zu wünschen: Nerds, Forscher, Erfinder, die sich mit Problemlösungen beschäftigen, haben wir dringend nötig.

Wie kommt man dazu, ein Buch über Nerds zu schreiben?
Auf ziemlichen Umwegen. Als junger Literaturstudent habe ich beschlossen, nie im Leben einen Computer anzufassen. Zum Glück hatte dieser Entschluss nur ein paar Wochen Bestand. Meine Abschlussarbeit wäre ohne PC nicht zu bewältigen gewesen. So stand das Ding also da, und für mich stand bald einmal fest, dass der PC das universellste Werkzeug war, das ich mir vorstellen konnte. Als vor 25 Jahren dann noch das World Wide Web dazukam, war es endgültig um mich geschehen. Als Politik-, Wirtschafts- und Kulturjournalist haben mich Computerthemen immer beschäftigt und vor einem Jahr schliesslich habe ich damit begonnen, Beiträge zusammenzustellen, die ich in den letzten Jahren fürs Radio gemacht hatte. Am Ende kam dabei ein kleines Lexikon heraus.

Für wen ist das Buch eigentlich gedacht? Nerds kennen die Inhalte bereits sicher schon.
Oh, weit gefehlt! Hand aufs Herz: Hätten Sie gewusst, dass Archimedes von Syrakus, der Entdecker der Hebelgesetze und des Archimedischen Prinzips, schon im dritten Jahrhundert v. Chr. analoge Computer gebaut hat? Oder dass der Erfinder der ersten Kurzschrift, mit der man Reden in Echtzeit protokollieren konnte, ein Sklave im alten Rom war? Vieles von dem, was wir heute als modern betrachten, hat eine viel längere Geschichte, als wir glauben mögen. Und weil es Nerds gibt, die so etwas wissen wollen, habe ich das Buch geschrieben.

Stimmt, ich muss zugeben, das wusste ich vorher nicht. Das Buch «Nerdcore» ist aber ja etwas gar schmal  geworden und es gibt mit Sicherheit noch viele weitere interessante Inhalte. Planen Sie eine Fortsetzung?
Im Augenblick nicht. Aber wenn «Nerdcore» auf Interesse stösst, dann fällt mir ganz bestimmt noch was ein.

Machen Sie eigentlich auch mal gelegentlich Medienfasten und schalten alle Ihre Geräte aus?
Fasten, ich gebe es zu, ist nicht so mein Ding, und Medienfasten schon gar nicht. Dazu bin ich viel zu sehr Journalist. Und viel zu sehr Nerd.

Info: Thomas Weibel, «Nerdcore: Ein Konversationslexikon für Nerds und alle, die es werden wollen», ISBN: 978-3-03784-061-0, Verlag Johannes Petri, Fr. 24.



Der Autor
•Thomas Weibel, geboren 1962 in Biel und aufgewachsen in Büren, ist freier Journalist, Multimediaproduzent und Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.
•Nach dem Gymnasium in Biel, einem Germanistik- und Anglistikstudium an der Universität Bern und journalistischen Lehrjahren beim «Thuner Tagblatt» und «Bund» war er Mitglied der Programmleitung vom Schweizer Radio DRS 2.
•Als selbständiger Multimediaproduzent lehrt Thomas Weibel heute multimediales Erzählen und konvergente Medienproduktion an der Hochschule Chur sowie an der Berner Fachhochschule. sd

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