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Standpunkt

Der Angriff auf Voigt, die donnernde Retourkutsche und der grosse Verdienst von Watson

Der „Tages-Anzeiger“ hat den scheidenden Watson-Gründer Hansi Voigt in einem Artikel attackiert. Und vom Attackierten eine derbe Klatsche kassiert. Richtig so, kommentiert unser Online Chef. Denn er findet, die Schweizer Medienhäuser sollten Voigt durchaus dankbar sein.

Kann austeilen: Hansi Voigt. copyright: keystone

ein Kommentar von Parzival Meister, Chef Online

Wer nicht ganz auf dem Laufenden ist, hier eine kurze Einführung (die Informierten können diesen Abschnitt guten Gewissens überspringen): Diese Woche wurde bekannt, dass Hansi Voigt das Schweizer Newsportal Watson verlässt. Er war Mitbegründer, Geschäftsführer und Chefredaktor des Newsportals. Drei Jahre war er für Watson tätig. Der offizielle Wortlaut zum Abgang: Der Verwaltungsrat und Voigt konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Weg und eine neue Führungsstruktur einigen (zum Artikel).

Nun denn, Voigts Abgang sorgt für „Beef“ in der Schweizer Medienlandschaft. „Beef“ müssen Sie jetzt nicht wörtlich übersetzen, so nennt man im Jugend-Jargon eine verbale Auseinandersetzung.

Den Anfang machte dabei der „Tages-Anzeiger“, genauer die Redaktorin Michèle Binswanger mit ihrem Artikel „Der Chuck Norris des Onlinejournalismus“. Um was es dabei geht, ordnen die ersten beiden Sätze des Beitrags ganz gut ein: „Hansi Voigt galt als Hoffnungsträger des Digitaljournalismus. Nach seinem Abgang bei Watson, stellt sich die Frage, ob das je zutraf.“ Den Artikel können Sie unter diesem Link nachlesen.


 

Die Antwort von Voigt folgte auf dessen Facebook-Seite. Und seine Replik schlug ein. Ja, man muss eingestehen, rhetorisch hat er das Duell haushoch gewonnen. Doch bilden Sie sich selbst ein Urteil, hier geht es zu Voigts Beitrag.



Aber was ist mit dem Inhalt? Autorin Binswanger wirft Voigt vor, er sei weniger ein cleverer Geschäftsmann, als vielmehr ein Blender. Originalzitat: „(…) Er wusste seine Mängel geschickt zu kompensieren, indem er Jungjournalisten und ältere Verleger mit seinen fantastischen Ideen in Sachen Onlinejournalismus zutextete. Bis ihm am Ende alle glaubten (…).“

Tatsächlich: Es ist kein Geheimnis, dass Watson in Sachen Ertragsentwicklung noch hinter den ursprünglichen Erwartungen liegt.

Doch ist Hansi Voigt deswegen gescheitert?

Ich werde es mir nicht anmassen, das Geschäftsmodell Watson zu kommentieren - dazu fehlt mir das Hintergrund- und Fachwissen. Was ich aber beurteilen kann, ist, was Watson als Medium geleistet hat.

Ich behaupte nicht, vor Watson sei kein Schweizer Verlag innovativ gewesen im Word Wide Web. Doch: Es gibt in der Schweizer Online-News-Branche eine Zeit vor und eine Zeit nach Watson. Das Team um Hansi Voigt hat so vieles so anders gemacht – in der Schweiz, wohlgemerkt. Es hat probiert – und es hat Fehler gemacht. Es hat wieder probiert – und es hat wieder Fehler gemacht. Aber es hat weiter probiert – und den richtigen Weg gefunden.

Es gibt zwei wesentlich Punkte, die Watson besser macht, als die meisten anderen.

Punkt 1: Online-Storytelling

Früher fand der Leser im Netz einen Text, angereichert vielleicht mit Bildern, Videos und interaktiven Spielereien. Doch, er hat dennoch den Artikel am Anfang begonnen und ist den Buchstaben bis zum Ende gefolgt. Watson setzt darauf, eine Geschichte multimedial zu erzählen. Immer wieder wird der Text durch andere Elemente unterbrochen, bzw. ergänzt. Logisch, schon vor Watson kamen multimediale Erzählweisen zum Einsatz, aber niemand hat das so konsequent durchgezogen wie Watson. Und: Ob sie es zugeben, oder nicht, in Sachen Online-Erzählformen haben sich einige Newsportale in der Schweiz von Watson „inspirieren“ lassen.

Punkt 2: Community-Pflege

Wie oft haben wir gelesen, wie mühsam es doch sei, die Online-Kommentarspalten in den Griff zu bekommen. Ständig diese Leute, die ja keine Ahnung haben und den Journalisten sagen wollen, wie man es besser machen könnte. Zu oft wurden und werden diese Leserrückmeldungen von Journalisten ignoriert. Watson hat den Spiess umgedreht und sich die Kommentare zum Nutzen gemacht. Man hat mitkommentiert, moderiert und viel investiert, dass in Kommentarspalten eine anständige Diskussion stattfindet. Und man hat die Inputs der Leser konsequent in die Beiträge eingebaut. Wer sich mit digitalen Angeboten und Social Media auseinandersetzt, weiss, Community ist alles. Und Community muss gepflegt werden. Dies bedeutet viel Arbeit – aber Watson hat gezeigt, dass sich diese Arbeit lohnt. Fairerweise muss hier gesagt werden: Watson war nicht das erste Newsportal, das auf eine so konsequente Community-Pflege gesetzt hat. 20 Minuten Online tut dies seit Jahren äusserst erfolgreich. Und ja, Hansi Voigt war viele Jahre bei 20 Minuten Online, zuletzt als Chefredaktor. Ob er aber für die gute Community-Pflege bei 20 Minuten Online verantwortlich war, oder es dort gelernt und mit zu Watson genommen hat, ist eine Frage, die hier nicht beantwortet werden kann.

Als Konsument bin ich Watson dankbar. Dankbar dafür, dass neuer Schwung in die die Schweizer Online-News-Landschaft gekommen ist. Dankbar dafür, dass ich eine echte Alternative zu anderen News-Apps auf dem Smartphone habe. Und die Medienhäuser sollten dankbar, dass jemand für die gesamte Branche das Lehrgeld bereits bezahlt hat.
 

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